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Veröffentlicht: 12.11.2011, 20:04 Uhr

Occupy-Demos gegen Bankenmacht „Ich kuschel nicht mit Kapitalisten“

Tausende Menschen haben in Berlin und Frankfurt gegen die Macht der Finanzmärkte protestiert. Vor der Europäischen Zentralbank zelten Demonstranten schon seit Wochen. Jetzt machen sie ihr Lager mit Paletten winterfest.

von Julia Seeliger
© dpa Menschenkette um das Frankfurter Bankenviertel: Links stehen Zelte auf einer Wiese vor der Europäischen Zentralbank

Der große, weiße Hund trägt die Einstellung seines Herrchens spazieren: „Ich kuschel nicht mit Kapitalisten“. Man müsse „die Bestie schlachten“, schallt es aus dem Lautsprecher. Denn es gebe „eine Sehnsucht nach Glück und nach einem gesunden Leben“.

An diesem Samstag in Frankfurt, „der Hauptstadt des Kapitalismus, der Kälte“, wie die Rednerin sagt, wird wie sonst auch bei den Occupy-Demonstrationen viel von Liebe und dem guten Leben gesprochen. Einer mit einem plüschigen gelben Fahrrad und einem rosa Luftballonherz fordert „Lass dich erleuchten“ und „Occupy your Soul“. Kalt ist es nicht, aber kühl. Seifenblasen steigen in den Novemberhimmel.

Auf dem Lautsprecherwagen, geschmückt mit aufblasbaren Haien und DGB-Logos, rappt einer. „Her mit dem schönen Leben“ klingt der Refrain. Kurz darauf fordert der Vertreter der IG-Metall-Jugend Fördermaßnahmen für arbeitslose Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dafür sei kein Geld da, für die Bankenrettung jedoch schon. „Die Mittel verschwinden in den Banken-Türmen“ - nach dieser Metapher gibt es das erste Mal Beifall.

- © AFP Vergrößern Ein Banner wie aus der Werbeagentur: poppig und pink

Ganz unkonkret dagegen Marco, der schon seit drei Wochen vor der Europäischen Zentralbank zeltet. „Lasst uns jetzt über die Zukunft reden“, sagt sein Banner. Aktuell werde das Occupy-Zeltlager mit Paletten winterfest gemacht. Und in 15 Arbeitskreisen debattiert. Grundsätzlich. Man müsse ganz von vorne anfangen, auf Augenhöhe. In einem Diskussionsprozess die Zukunft entwickeln, das Miteinander, das gute Leben. Marco behauptet: nachts kommen Banker ins Zeltlager, mit dicken Autos. Heimlich. Diskutieren mit. „Die haben durchaus ein Unrechtsbewusstsein – doch bei ihren Chefs kommt das nicht an“, geht seine Geschichte weiter.

Vor ein paar Wochen versuchten einige wenige Occupy-Aktivisten in Berlin auf der Reichstagswiese zu zelten – und wurden schnell von der Polizei abgeräumt. Unprofessionelle Wutbürgerei. Inhaltlich wenig konkretes, offenes Mikrofon für jedermann, die meisten schimpften auf die Banken, vergaßen die Politik und wünschten sich Frieden und Liebe. Esoterische Redetechniken wie das „Lebende Mikrofon“, bei dem jeder einzelne Satz von den Zuhörern nachgesprochen wird. Vielstimmiges Geraune.

Die Aktionen an diesem Samstag in Frankfurt und Berlin hingegen wirkten wie ganz normale linke Demos, mit Redebeiträgen und unterschiedlich gewandeten Gruppen, Partei- und Gewerkschaftsfahnen. Mehr als 9000 waren es in Frankfurt, 8000 in Berlin.

Die Aktion „Umzingelung“

Dieses Mal wurden die Demonstrationen unter der Führung der globalisierungskritischen Organisation Attac, der Verdener Kampagnenorganisation Campact und den Naturfreunden organisiert. In Frankfurt bildeten die Demonstranten einen Ring um das Bankenviertel, in Berlin um das Regierungsviertel. „Umzingelung“ nennen sie die Aktionsform, die auch schon bei Anti-Atomkraft-Protesten zum Einsatz kam.

Und jetzt die Kapitalismuskritik. „Attac ist wieder da“, sagt Sven Giegold, früher Attac-Sprecher, heute für die Grünen im Europaparlament. Man habe sich auf die Occupy-Bewegung „draufgesetzt“. „Deswegen gibt es jetzt ja den organisatorischen Rahmen und die Forderungen“, sagt Giegold, der am Samstag in Berlin demonstrierte. Nicht mehr die esoterischen Zeltbewohner seien nun prägend, sagt er, sondern Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen wie eben Attac. Und deren Forderungen „gehen weiter als die der Parteien“.

Nämlich „Banken in die Schranken“, wie das Motto der Umzingelungen lautete. Auf einer professionell gestalteten Webseite findet sich der Aufruf: Europa stecke in einer „tiefen ökonomischen Krise“, doch gerettet würden „wieder nur die Banken“. Gefordert wird, Banken und Spekulation zu regulieren, höhere Steuern und Umverteilung sowie mehr Demokratie und Kontrolle der „Finanzlobby“. Der Aufruf wendet sich auch gegen staatliche Sparprogramme und fordert Investitionen in Bildung und Umwelt.

Demonstrant im Frankfurter Bankenviertel © REUTERS Vergrößern Demonstrant im Frankfurter Bankenviertel

Schattenwelt Banken, die die Macht über die Politik haben – so sehen das viele. Auch die Alt-68erin, die ihren Namen nicht nennen will. „Früher war ich mal links. Heute ist alles zerfahren“, sagt sie. Seit 1968 sei sie nicht mehr auf die Straße gegangen – jetzt ist sie schon das vierte Mal bei einer Occupy-Demonstration: „Weil mich das ankotzt“. Die Medien würden nicht kritisch genug berichten, die Regierungen ließen sich erpressen. Und auch beim nächsten Mal will sie wiederkommen, denn „die Parteien müssen sehen: es ist aus“.

Nico Hamidi findet das alles albern. „Die sind seit heute morgen um elf hier, kein Kunde kommt in den Laden. Wir haben noch keinen einzigen Cent verdient“. Das italienische Modegeschäft in der Frankfurter Innenstadt ist blockiert. Und die Banker würden das doch gar nicht mitbekommen, am Wochenende. „In der Woche hätte das mehr Sinn gemacht“, sagt er. Dann kritisiert er, dass in den letzten 20 Jahren fast alle Fabriken in andere Länder abgewandert seien. „Aber 800 Euro für einen Anzug will ja auch keiner zahlen. Ob die Politik das weiß?“. Und die Zeche für die Euro-Rettung, die Schulden – die will er, der Steuerzahler, auch nicht zahlen.
 

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