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Obdachloser verteidigt Wallraff : Der Mann, der bei Wallraff Esser war

Günter Wallraff: verteidigt von dem Obdachlosen Helmut Richard Brox Bild: Caroline Seidel/dpa

Ganz verquer: André Fahnemann, der in Wallraffs Haus ein und aus ging, bei ihm gearbeitet hat, erhebt seit Wochen Vorwürfe gegen den Autor. Nun meldet sich ein Zeuge, der Fahnemann belastet.

          Außer ihm war es bislang kaum einem anderen Journalisten vergönnt, dass sein Nachname zum stehenden Begriff wird. Zum Verb, zum Prädikat, zur Beschreibung einer Tätigkeit, zur nicht verballhornend, sondern anerkennend gemeinten Benennung einer Methode: „Wallraffen“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wallraffen kommt von - Günter Wallraff, Wallraffen heißt undercover recherchieren, sich verstellen, sich verkleiden. Wallraffen ist Günter Wallraff - der Mann, welcher den türkischen Malocher Ali gab, der unter Lebensgefahr in deutschen Betrieben schuftete; der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war, der sich schwarz anmalte, um die rassistischen Nöte eines Ausländers nachzuempfinden, der als Obdachloser auf den Straßen fror, der in einem Callcenter anheuerte, wo Leute abgezockt werden; der sich in einer Großbäckerei die Pfoten verbrannte und der als Paketbote bis in die Nacht und zum Rand der Erschöpfung frei Haus lieferte. Günter Wallraff ist der Mann mit der Maske. Seine Maskerade dient einem Ziel: der Recherche unerträglicher Zustände, massiver Ausbeutung, mieser Methoden, schreienden Unrechts. Das mochte einem manchmal naiv und eitel vorkommen, doch verfehlte es nicht seinen Zweck. Und jetzt? Jetzt wird Günter Wallraff scheinbar selbst demaskiert. Er wird „gewallrafft“.

          Eidesstattliche Versicherungen gefälscht?

          Zumindest, wenn man sich den einen Teil der dieser Tage kolportierten Geschichte anhört und damit zufriedengibt, was André Fahnemann erzählt, der vier Jahre lang mehr oder weniger eng mit Wallraff zusammengearbeitet hat: Ohne Vertrag sei er beschäftigt worden, mies entlohnt, stets in bar bezahlt, und das, obwohl er währenddessen staatliche Leistungen bezog - mit Wallraffs Wissen. Das wäre Beihilfe zum Sozialbetrug. Wallraff habe sich „einen Arbeitsplatz mit staatlichen Mitteln subventionieren lassen“, schreibt Fahnemann in einem Blog, den er eingerichtet hat, um seine Vorwürfe zu unterbreiten.

          Doch es kommt noch mehr. Eidesstattliche Versicherungen habe er auf Wallraffs Anweisung hin gefälscht: „Er hatte die eidesstattliche Versicherung im Original vorliegen beziehungsweise in Kopie vorliegen“, sagte Fahnemann dem NDR-Fernsehmagazin „Zapp“. „Musste aber, um es bei Gericht einreichen zu können, in Original-Tinte unterschrieben sein. Ich habe dann diese eidesstattliche Versicherung eingescannt, als Bild in ein Doc-Dokument eingefügt, die Unterschrift entfernt, ausgedruckt und dann einfach noch mal mit dem Namen unterschrieben.“

          „Fiese Denunziationsarie“

          Gelangte ein solches Dokument vor Gericht, würde das den Tatbestand des Prozessbetrugs erfüllen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen drei Verfahren eingeleitet. Wallraffs Anwalt Winfried Seibert weist die Vorwürfe zurück. Es handele sich um eine „fiese Denunziationsarie“, sein Mandant sei „äußerst“ daran interessiert, „dass die Staatsanwaltschaft diesen Vorwurf klärt“ (F.A.Z. vom 14.August). Was die beschriebene Praxis, eidesstattliche Versicherungen zu manipulieren angehe, wisse man nichts davon und gehe davon aus, dass keine „in diesem Sinne gefälschte eidesstattliche Versicherung zu Gericht gelangt ist“. Verhalte sich dies so, könne von einer eidesstattlichen Versicherung auch nicht die Rede sein. Und der vermeintliche Sozialbetrug? Fahnemann sei „überhaupt nie“ bei seinem Mandanten angestellt gewesen und habe „nie ein monatliches Festgehalt bezogen“.

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