Außer ihm war es bislang kaum einem anderen Journalisten vergönnt, dass sein Nachname zum stehenden Begriff wird. Zum Verb, zum Prädikat, zur Beschreibung einer Tätigkeit, zur nicht verballhornend, sondern anerkennend gemeinten Benennung einer Methode: „Wallraffen“.
Wallraffen kommt von - Günter Wallraff, Wallraffen heißt undercover recherchieren, sich verstellen, sich verkleiden. Wallraffen ist Günter Wallraff - der Mann, welcher den türkischen Malocher Ali gab, der unter Lebensgefahr in deutschen Betrieben schuftete; der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war, der sich schwarz anmalte, um die rassistischen Nöte eines Ausländers nachzuempfinden, der als Obdachloser auf den Straßen fror, der in einem Callcenter anheuerte, wo Leute abgezockt werden; der sich in einer Großbäckerei die Pfoten verbrannte und der als Paketbote bis in die Nacht und zum Rand der Erschöpfung frei Haus lieferte. Günter Wallraff ist der Mann mit der Maske. Seine Maskerade dient einem Ziel: der Recherche unerträglicher Zustände, massiver Ausbeutung, mieser Methoden, schreienden Unrechts. Das mochte einem manchmal naiv und eitel vorkommen, doch verfehlte es nicht seinen Zweck. Und jetzt? Jetzt wird Günter Wallraff scheinbar selbst demaskiert. Er wird „gewallrafft“.
Eidesstattliche Versicherungen gefälscht?
Zumindest, wenn man sich den einen Teil der dieser Tage kolportierten Geschichte anhört und damit zufriedengibt, was André Fahnemann erzählt, der vier Jahre lang mehr oder weniger eng mit Wallraff zusammengearbeitet hat: Ohne Vertrag sei er beschäftigt worden, mies entlohnt, stets in bar bezahlt, und das, obwohl er währenddessen staatliche Leistungen bezog - mit Wallraffs Wissen. Das wäre Beihilfe zum Sozialbetrug. Wallraff habe sich „einen Arbeitsplatz mit staatlichen Mitteln subventionieren lassen“, schreibt Fahnemann in einem Blog, den er eingerichtet hat, um seine Vorwürfe zu unterbreiten.
Doch es kommt noch mehr. Eidesstattliche Versicherungen habe er auf Wallraffs Anweisung hin gefälscht: „Er hatte die eidesstattliche Versicherung im Original vorliegen beziehungsweise in Kopie vorliegen“, sagte Fahnemann dem NDR-Fernsehmagazin „Zapp“. „Musste aber, um es bei Gericht einreichen zu können, in Original-Tinte unterschrieben sein. Ich habe dann diese eidesstattliche Versicherung eingescannt, als Bild in ein Doc-Dokument eingefügt, die Unterschrift entfernt, ausgedruckt und dann einfach noch mal mit dem Namen unterschrieben.“
„Fiese Denunziationsarie“
Gelangte ein solches Dokument vor Gericht, würde das den Tatbestand des Prozessbetrugs erfüllen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen drei Verfahren eingeleitet. Wallraffs Anwalt Winfried Seibert weist die Vorwürfe zurück. Es handele sich um eine „fiese Denunziationsarie“, sein Mandant sei „äußerst“ daran interessiert, „dass die Staatsanwaltschaft diesen Vorwurf klärt“ (F.A.Z. vom 14.August). Was die beschriebene Praxis, eidesstattliche Versicherungen zu manipulieren angehe, wisse man nichts davon und gehe davon aus, dass keine „in diesem Sinne gefälschte eidesstattliche Versicherung zu Gericht gelangt ist“. Verhalte sich dies so, könne von einer eidesstattlichen Versicherung auch nicht die Rede sein. Und der vermeintliche Sozialbetrug? Fahnemann sei „überhaupt nie“ bei seinem Mandanten angestellt gewesen und habe „nie ein monatliches Festgehalt bezogen“.
Betrachtet man die Vorwürfe, steht Aussage gegen Aussage, heißt es aus Wallraffs Richtung doch auch, er habe Fahnemann seinerzeit einen festen Vertrag angeboten. Der brisanteste Punkt der Auseinandersetzung ist die Frage der eidesstattlichen Versicherung. Und zu dieser, wie zu Wallraffs Umgang mit Mitarbeitern und Informanten, kann man auch eine dritte Stimme hören, die eine ganze andere Geschichte von Günter Wallraff erzählt. Es ist die Stimme von Helmut Richard Brox, einem Obdachlosen, der die Website ohnewohnung-wasnun.de betreibt, auf der er Wohnungslosen Überlebenstipps gibt und mit der er für den Deutschen Engagementpreis nominiert ist.
Brox hat von Ende 2008 bis Mitte 2009 mit Wallraff zu tun gehabt, er sollte ihm Zugang zur deutschen Obdachlosenszene verschaffen, über die der Journalist hernach in der Dokumentation und dem Buch „Unter Null“ berichtete. Brox ging bei Wallraff ein und aus, er wohnte einige Monate lang bei ihm, einmal bekam er Geld - einen vierstelligen Betrag, den er verwendete, um seine Schulden zu bezahlen, einen Teil des Geldes an andere Obdachlose zu verteilen und sich vom Rest einen Laptop zu kaufen. So sei es mit Wallraff abgemacht gewesen und auch geschehen. Dies alles, betont Brox, der heute Hartz IV bezieht, im Gespräch mit dieser Zeitung, sei geschehen zu einer Zeit, zu der er keine staatliche Unterstützung bekommen habe.
Aussage gegen Aussage
Brox zeichnet von Wallraff ein ganz anderes Bild als Fahnemann, über den er auch Erkenntnisse sammeln konnte. Fahnemann habe sich als Wallraffs „persönlicher Sekretär“ aufgespielt, sagt Brox, und ihm bei einem Treffen den Rat gegeben, Wallraff um Geld anzugehen: „Greif ab, was geht.“ Fahnemann selbst habe es abgelehnt, fest angestellt zu werden, und auf Barzahlung bestanden. Und einmal - und da kommt Brox auf den brisanten Punkt - habe er selbst gesehen, wie Fahnemann Dokumente kopierte, die Unterschrift dabei verbarg und die Papiere dann in einer Schublade verschwinden ließ. Wallraff hingegen, erzählt Brox, habe Informanten stets genauestens darüber aufgeklärt, auf was sie sich einließen, wie ihre Aussagen protokolliert und für etwaige juristische Auseinandersetzungen gesichert würden.
Da steht nun abermals Aussage gegen Aussage, in der Summe wird sie der Staatsanwalt zu gewichten haben. Was die eidesstattlichen Versicherungen angeht, gibt es übrigens auch ein Verfahren, das einem auf den ersten Blick sonderbar und riskant erscheinen kann, aber nicht zu beanstanden ist: wenn jemand eine Blankounterschrift zu einer eidesstattlichen Versicherung leistet, die erst später nach ausführlichen Gesprächen von Anwälten formuliert und dann noch mal mündlich oder per E-Mail autorisiert wird. Wer sich durch den Blog des Anklägers Fahnemann - der sich durch seine Angaben, staatliche Unterstützung und Geld von Wallraff erhalten und eine Unterschrift gefälscht zu haben, zunächst einmal selbst belastet - liest, bekommt, wie von dem Zeugen Brox, eine Fülle von Details geboten, die nicht leicht zu interpretieren sind. Dabei werden auch Privatangelegenheiten ausgebreitet, die besser privat blieben und nur geeignet sind, die endgültige Schlammschlacht einzuleiten.
„Er will an den Ruhm von Wallraff“
Für deren wahre Gründe könnte man nun Psychologen bemühen. Er sei „nicht länger gewillt“, schreibt Fahnemann in seinem Blog, „dieses Lügensystem weiter zu decken“. Gemeint ist Wallraffs Arbeitsweise. Er wolle für sich „reinen Tisch machen“, schreibt Fahnemann. Der habe sich doch selbst als den neuen Wallraff gesehen, sagt derweil Helmut Richard Brox: „Fahnemann will mit aller Macht an das Geld und an den Ruhm von Wallraff, und dafür geht er über Leichen.“ Je tiefer man in die Sache einsteigt, umso persönlicher wird sie. Nur eines ist sie nicht: eindeutig.
Es ist daher reichlich verfrüht, Abgesänge auf den Ausnahmerechercheur Wallraff anzustimmen, hämische zumal. Günter Wallraff könnte sich auf seinen Meriten längst ausruhen, doch treiben den Neunundsechzigjährigen nach wie vor eine geradezu jugendlich ungestüme Recherchierlust und der Wille, Unrecht anzuprangern. Ein bisschen Eitelkeit und Show inklusive. Doch wer macht denn sonst bei uns bitte schön den Wallraff? Und kümmert sich um den ganzen Dreck, um den immer wieder in neuer Form erscheinenden Ausbeutungskomplex, den er aufdeckt? Die Verhältnisse sind wahrlich nicht so, dass wir auf einen wie Wallraff leichtfertig verzichten könnten.
Illegale Mitschnitte
Man muss ein ausgewachsener Zyniker sein, hat man für Wallraffs Wirken nur gönnerhafte Kommentare oder Lästereien übrig. Dass Wallraff an seinen Büchern in all den Jahren nicht allein geschrieben hat, ist unbestritten. So mancher hat sich gemeldet und geklagt, dass sein Anteil am Gesamtwerk nicht ausreichend gewürdigt werde. Doch auch da gibt es nichts als ein Pro und Kontra, das die Methode Wallraff nicht wirklich diskreditiert. Auch die amerikanischen Reporterlegenden wie Bob Woodward beschäftigen Rechercheure, Redakteure und Assistenten. Neider hat Wallraff viele. Menschen, die ihm dankbar sind oder ihn bewundern, gibt es ebenso.
Dabei sollte man auch nicht vergessen, wer alles mit Wallraff noch eine Rechnung offen und ein Interesse daran hat, die illegalen Mitschnitte auszubeuten, die der ehemalige Mitarbeiter Fahnemann mit verstecktem Mikro in Wallraffs Privaträumen aufgezeichnet, kurzzeitig auf seinen Blog gestellt und wieder abgeräumt hatte, als ein dabei Abgehörter - und das war nicht Günter Wallraff - dagegen Strafanzeige stellte. Wallraff wiederum hat inzwischen Strafanzeige gegen den Medienanwalt Ralf Höcker gestellt, weil der dem Landgericht Köln mitgeteilt hat, er werde Fahnemanns illegal mitgeschnittene Aufnahmen in einem Prozess verwenden, in dem er - Höcker - eine Großbäckerei, über die Wallraff kritisch berichtet hatte, gegen einen Zeitungsverlag vertritt. Wallraffs Anwalt erbittet dabei auch zu ermitteln, wo und zu welchem Zeitpunkt in der Wohnung des Journalisten „Wanzen“ angebracht wurden, um ihn abzuhören.
Dem Wallraff-Ankläger Fahnemann haben wir in dieser Sache eine ganze Reihe von Fragen geschickt zum Wie und Wo und Warum, dem Geld in bar, den eidesstattlichen Versicherungen und auch zu den 20 000 Euro, die er von Wallraff für einen Buchbeitrag verlangt haben soll. Beantwortet wurden sie bis Redaktionsschluss nicht.
Wallraff ist der Beste
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 23.08.2012, 12:40 Uhr
Was für ein Buch
Michael Hanfeld (MICHAELHANFELD)
- 21.08.2012, 18:22 Uhr
Wallraffs Netzwerk
Uwe Herzog (uweherzog)
- 21.08.2012, 14:22 Uhr
Strafanzeigen gegen Wallraffs "Kronzeugen "
Uwe Herzog (uweherzog)
- 21.08.2012, 13:55 Uhr
Tatsachenbehauptungen
Michael Hanfeld (MICHAELHANFELD)
- 21.08.2012, 11:37 Uhr