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NSU-Dokudrama : Sie wusste, was sie tat

Hypothesen über eine Figur: Beate Zschäpe (Lisa Wagner, M) in Begleitung der BKA-Beamten Troller (Joachim Krol) und Dietrich (Christina Große) Bild: dpa

Einmal hat Beate Zschäpe doch geredet – nicht vor Gericht, aber während einer Autofahrt. Das Dokudrama „Letzte Ausfahrt Gera: Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ handelt davon.

          Am Morgen des 25. Juni 2012 brach Beate Zschäpe zu einer Fahrt nach Gera auf, um ihre kranke Großmutter zu besuchen, am Tag darauf wurde sie wieder zurück in die Haftanstalt Köln-Ossendorf gebracht. Acht Stunden dauerte die Fahrt, vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Mit ihr im VW-Bus saßen zwei Beamte des BKA, denen es gar nicht lange genug dauern konnte. Der Ausflug war für die Ermittler eine seltene Gelegenheit, die Angeklagte zum Sprechen zu bringen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Über Gott und die Welt könne man reden, oder auch nicht, das war die Einladung des BKA-Hauptkommissars Rainer Binz, „den beste(n) Vernehmer des BKA“, wie ihn die „Süddeutsche Zeitung“ nannte. Nur das, was damals im Wagen stattfand, keine Vernehmung war, weil es keine sein durfte – das hatten sich Zschäpes Anwälte vor der Fahrt zusichern lassen. Es gibt daher auch keine Aufnahmen von den Gesprächen, nur ein kurzes Video von einem „außerplanmäßigen Halt zum Toilettengang“, welches die Bundespolizei zu Einsatzdokumentation anfertigte.

          Aber es gibt einen zwölfseitigen Vermerk, den die BKA-Beamten unmittelbar nach dem Ausflug verfassten. Es ist nur eine große Zusammenfassung der Gespräche, aber sie erlaubt einen Blick auf Zschäpe, von dem man auch nicht so genau sagen kann, was für eine Person er zeigt; der aber schon deshalb interessant ist, weil er jener Figur, die man fast nur von ihren Auftritten im Münchner Gerichtssaal kennt, ein paar unerwartete Facetten hinzufügt. Auch wenn sie am Ende nicht über Gott redeten, aber immerhin über den Kölner Dom.

          Annäherung an eine Unbekannte

          Dass diese Ausnahmesituation eine eher kursorische Sicht auf diese Frau ermöglicht, eine Momentaufnahme, die es sich im Gegensatz zum Prozess erlauben kann, die Frage nach ihrer Schuld zu ignorieren, darin liegt auch der Reiz, die Fahrt in den Mittelpunkt einer filmischen Betrachtung über Zschäpe zu stellen. „Ich fand die dramaturgische Möglichkeit interessant, so auf den Stoff zuzugehen. Ich wollte kein NSU-Erklärstück machen. Es ist eher eine Annäherung an eine Unbekannte“, sagt Raymond Ley, der Drehbuchautor und Regisseurs des Films „Letzte Ausfahrt Gera: Acht Stunden mit Beate Zschäpe“, der kommende Woche im ZDF laufen wird.

          Damit hat sich Ley für einen ganz anderen Ansatz entschieden als Christian Schwochow, der die Geschichte des NSU als Teil einer Spielfilmtrilogie für die ARD verfilmt hat, mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe. Die Möglichkeit, sich der Person über dieses spezielle Setting anzunähern, das besondere Material, das ist für Ley gewissermaßen die Antwort auf die Fragen, die sich jede Fiktionalisierung des Stoffes gefallen lassen muss: Kann man einen Film über eine Frau machen, von der man nur die Maske kennt? Taugen die Mittel des Dokudramas dazu, eine Figur zu beschreiben, zu reflektieren? Muss man, um sie zur Protagonistin zu machen, nicht sehr genau wissen, wie man sie darstellen will? Kann man vermeiden, ein Urteil über sie zu sprechen? Und sollte man damit nicht wenigstens warten, bis das Gericht das seine verkündet hat? „Die Fahrt verändert sich ja nicht, nur unser Blick auf die Fahrt kann sich verändern“, sagt Ley.

          Kalte Nazi-Braut oder Dummchen

          Schon in früheren Dokudramen haben er und seine Frau Hannah, die mit ihm die Drehbücher schreibt, den Zugang über exemplarische Szenen gewählt: Ley hat das Tagebuch der Anne Frank eben nicht verfilmt, sondern es in „Meine Tochter Anne Frank“ durch den Fokus auf die Vater-Tochter Beziehung aus einer neuen Perspektive betrachtet. In „Eine mörderische Entscheidung“, seinem Film über die Kundus-Affäre, hat er sein dokumentarisches Material mit Spielszenen ergänzt, die eher die Komplexität der fatalen Situation veranschaulichten, statt einfach die Lücken auszumalen, um ein vollständiges Bild zu suggerieren.

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