http://www.faz.net/-gqz-6yhjg

NS-Raubkunst : Paukenschlag des Bundesgerichtshofs

Zurück zur Familie: Plakat aus der Sammlung Sachs Bild: Sammlung Sachs

Die Plakatsammlung Sachs geht an die Erben zurück. Das entschied der Bundesgerichtshof. Das Urteil könnte die gesamte deutsche Praxis der Wiedergutmachungen in Frage stellen.

          Der Bundesgerichtshof hat den jahrelangen Rechtsstreit um die Plakatsammlung Sachs im Deutschen Historischen Museum (DHM) am Freitag zugunsten der Erben entschieden. Das Museum muss nun doch, sobald es Peter Sachs - ein Sohn des 1974 verstorbenen Kunstsammlers und Mäzens Hans Sachs - verlangt, die 4279 Plakate von kunsthistorisch unterschiedlichem Wert herausgeben (V ZR 279/10). Dabei handelt es sich um etwa ein Drittel der ursprünglichen Sammlung, die anderen Plakate dürften im Krieg verschollen sein.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der jüdische Zahnarzt Hans Sachs gehörte zu den frühen Förderern dieser Kunstform. Seine Villa in Berlin hatte er 1926 umbauen lassen, um dort ein Museum einzurichten - ein Plan, den er nie vollenden konnte. Hans Sachs wurde nach der Pogromnacht 1938 verhaftet; als er freikam, verließ die Familie Deutschland. Zuvor war seine Kunstsammlung, die er bei einem Bankier untergebracht hatte, von der Gestapo beschlagnahmt worden.

          Die Sammlung galt als verschollen

          Der BGH urteilte jetzt, wie die erste Instanz, dass der Eigentümer von Kunstwerken, die durch nationalsozialistisches Unrecht entzogen wurden, die Herausgabe der Werke auch auf zivilrechtlichen Wege verlangen kann, sofern sie nach dem Krieg als verschollen galten. Denn Hans Sachs beziehungsweise seinen Erben sei es darum nicht möglich gewesen, die Restitution nach den Vorschriften des alliierten Rückerstattungsrechts der frühen Nachkriegsjahre zu beantragen - was den gewöhnlichen Zivilrechtsweg damals ausgeschlossen hatte. Hans Sachs akzeptierte 1961 eine Ausgleichszahlung für seine vermeintlich vollständig verschollene Sammlung in Höhe von 225 000 Mark.

          Wenige Jahre später erfuhr er, dass ein Teil der Sammlung im Ost-Berliner Museum für Deutsche Geschichte aufgetaucht sei und dort von einem Kunsthistoriker betreut werde. Sachs’ Briefwechsel mit dem Kustos ließ nach Auffassung des DHM, in dessen Besitz die Plakate nach der deutschen Wiedervereinigung übergingen, keinen Zweifel daran, dass der Sammler mit der Situation einverstanden war. Dieser Auffassung schloss sich das Landgericht in erster Instanz nicht an, sein Urteil ist nun mit dem Revisionsspruch des Bundesgerichtshofs wiederhergestellt.

          Erfolglose Suche nach Erben

          Auch die Tatsache, dass sich die Erben erst sehr spät auf den Besitz des Vaters besannen, spielt nach Auffassung des BGH keine Rolle. Die Sachs-Erben hatten erst 2005 die Herausgabe beantragt; damals waren alle Fristen für Restitutionsanträge nach Sonderregelungen (die Sondergesetze der Alliierten, das Bundesrückerstattungsgesetz und das Vermögensgesetz für Ostdeutschland) verstrichen.

          Auch die Jewish Claims Conference, die seit 1951 jüdische Opfer vertritt, hatte keine Ansprüche angemeldet. Den Unterstellungen, man halte die Sammlung absichtsvoll geheim, konnte das DHM entgegentreten. Noch unter der Leitung von Christoph Stölzl hatte es 1993 eine großartige Ausstellung zu Ehren von Hans Sachs ausgerichtet, die Suche nach Erben in den Vereinigten Staaten war erfolglos geblieben. Seit Jahren steht die Sachs-Sammlung im Internet.

          Das höchstrichterliche Restitutionsurteil könnte, so muss man befürchten, die gesamte deutsche Praxis der Wiedergutmachungen nach dem Zweiten Weltkrieg in Frage stellen. Auch die durchaus erfolgreiche politisch-moralische Strategie nach den Regeln der „Washingtoner Erklärung“ zur Raubkunst, die seit 1998 auf Kompromisse setzt, ist nun fraglich. Es wird kaum eine parallel laufende juristische Strategie nach dem Zivilrecht geben, nur ein Entweder-Oder.

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Die SPD und das Jamaika-Aus : Im strategischen Dilemma

          Das Scheitern der Jamaika-Sondierungen ist für die SPD ein Albtraum – allen öffentlichen Behauptungen zum Trotz. Was machen Nahles, Schulz und Gabriel nach dem Lindner-Manöver?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.