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Notizen zu Kracht : Was er will

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Das Flüchten

Die Helden in Krachts Büchern sind auf der Flucht vor der Ironie, auf der Flucht vor sich selbst, auf der Flucht vor festgefügten Bildern von der Welt und von sich selbst, auf der Flucht auch vor der Schuld. Die intensivsten Bilder in Krachts Büchern sind Kindheitsbilder. Der Weg zurück dorthin ist versperrt. Die Helden müssen eine Reise um die Welt machen, in der Hoffnung, auf der Rückseite einen anderen Eingang zu finden. „Manchmal fühlte ich mich, als sei ich in einer Art Ei aufgewachsen“, sagt der schwarze Kommissär in Krachts vorletztem Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, und er wandelt, in dem leeren Réduit, dem Kern der Schweiz, an den Geschichten der Welt entlang, die an die Felswände gemalt wurden, zurück, bis zu den Urbildern in den Höhlen seiner Kindheit in Afrika. Eine Erzählung in Bildern. Die Geschichte der Welt.

Gibt es einen Kern in den Büchern von Christian Kracht? Einen politischen Kern? Ist wirklich alles nur Ironie? Im Vorwort, das die Herausgeber des Briefwechsels Krachts mit Woodard vorangestellt haben, schreiben sie - und das klingt sehr, als ob Kracht selbst es geschrieben hätte: „Der Briefwechsel enthält keine zu entbergenden Wahrheiten. Er ist als Dokument hohl.“ Ist das der Warnhinweis, den man allen Büchern Krachts voranstellen sollte? Um keine Missverständnisse mehr aufkommen zu lassen? Lohnt es sich dann überhaupt, diese Bücher zu lesen? Warum?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Seine Bücher eröffnen alle den Blick auf eine andere Welt. Oder: auf die Welt, wie sie ist oder war, wie wir sie aber noch nicht zuvor gesehen haben. Es sind Bücher einer Erschütterung. Ob sie politische Konsequenzen haben können oder nicht, liegt nicht in der Hand des Autors. Auf einen Autor wie Kracht kann keiner bauen. Seine Bücher zeugen von den Rissen in der Welt. August Engelhardt aus dem Roman „Imperium“, der die große Unschuld sucht und nur Schuld findet und Verderben, ist der „Bruder Hitler“ aus Thomas Manns berühmtem Essay, in dem er sich selbst, den Romantiker Thomas Mann, als Bruder Hitlers denunziert - der Thomas Mann, der er selbst einst war, als er der „spottschlechten Romantik“ verfallen war. Der Thomas Mann vor der republikanischen Kehre.

Christian Kracht wird eine solche Kehre sicher nie vollziehen. Es wäre wohl auch das Ende seiner Kunst. Es gibt aber eine Passage in „Imperium“, die sonderbar ist und merkwürdig plötzlich bekenntnishaft. Als auf einmal ein „Ich“ von sich selbst erzählt und von seinen Großeltern, die schnellen Schrittes auf der Hamburger Moorweide vorübergehen, „so als hätten sie nicht gesehen, wie dort mit Koffern beladene Männer, Frauen und Kinder am Dammtorbahnhof in Züge verfrachtet und ostwärts verschickt werden, hinaus, an die Ränder des Imperiums, als seien sie jetzt schon Schatten, als seien sie jetzt schon aschener Rauch“. Sie gehen weiter, die Großeltern jenes plötzlichen „Ich“. Doch die Schuld bleibt. Auch davon erzählen die Bücher von Christian Kracht.

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