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Notizen zu Kracht : Was er will

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Das Lachen

Christian Kracht lebt und schreibt in Bildern. Er verteilt immer neue Bilder von sich und lacht. Er beurteilt die Welt nach Lage der Bilder. Das macht auch die Schönheit seiner Prosa aus. Die Schönheit der Bilder, die er sieht, die er erschafft. Ist das moralisch? Ich muss da immer an eine sehr banale, sehr kleine Geschichte denken, die er in dem Gesprächsband „Tristesse Royal“ einmal erzählte, über die Hässlichkeit der Kassiererinnen in Berliner Supermärkten, von denen viele keine Zähne mehr hätten - „Die Physiognomien dieser Menschen sind so verkommen“, und er versucht bei seinen Gesprächspartnern in Erfahrung zu bringen, woran das liegen könne, „warum die Menschen hier so aussehen, wie sie leider aussehen“. Leider kann ihm keiner erklären, dass man in Deutschland, seitdem die gesetzlichen Krankenkassen Zahnersatz aus ihrem Leistungskatalog gestrichen haben, Armut meist zuerst an den Zähnen erkennt. Manchmal ist Schönheitsliebe und Hässlichkeitsverachtung einfach dumm und kalt und irgendwie selber hässlich.

Christian Kracht stellt sich Menschen ja mitunter auf die etwas sonderbare Weise vor, indem er ihnen ins Ohr zischt: „Du weißt, ich bin reich.“ Der Autor Feridun Zaimoglu etwa ist auf diese Weise mit ihm bekannt geworden. Manche schreckt das ab, andere nicht. Sein Freund Ingo Niermann, mit dem gemeinsam Christian Kracht den Kilimandscharo bestieg, worüber die beiden dann ein ziemlich dämliches Buch geschrieben haben, hat über Kracht einmal geschrieben: „Auch Freunde stießen bei Kracht auf keinen festen Grund.“ Nie könne man bei ihm sicher sagen, ob er am nächsten Tag nicht das Gegenteil seiner Vortagesmeinung äußere. Auch Freunde Krachts fragen sich offenbar immer wieder: Was will er eigentlich wirklich? Vielleicht eine naive Frage. Vielleicht aber auch auf Dauer: unerlässlich.

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Ingo Niermann betreibt seit Jahren ein Projekt. Er will im Osten Deutschlands eine riesige Pyramide errichten, in der sich Menschen - als Teil eines gigantischen Kunstwerks - bestatten lassen können. Kracht unterstützte am Anfang begeistert das Projekt. Doch als aus der bloßen Idee plötzlich Wirklichkeit zu werden drohte, zog er sich zurück. Und Niermann weiß auch, warum: „Das Projekt wurde ihm zu eindeutig.“

Natürlich ist auf diese Weise auch seine Begeisterung für „Nueva Germania“ zu verstehen. Kracht würde ja nicht im Traum daran denken, an einen solchen Ort womöglich selber hinzuziehen. Für ihn ist es eine Idee, ein Bild, das Bild von einem unzerstörten Deutschland in der südamerikanischen Sonne. Das gehört ja zu den Motiven seines Schreibens, von Anfang an: ein unschuldiges Deutschland, ein Deutschland ohne Nationalsozialisten, Krieg, Zerstörung.

Ein Land wie ein Klang, der immer schön wäre. So wie er in seinem ersten Roman „Faserland“ aus dem Jahr 1995 schrieb: „Und die Menschen sitzen in der Sonne, an den Neckarauen. Das heißt tatsächlich so, das muß man sich mal vorstellen, nein, besser noch, man sagt das ganz laut: Neckarauen. Neckarauen. Das macht einen ganz kirre im Kopf, das Wort. So könnte Deutschland sein, wenn es keinen Krieg gegeben hätte und wenn die Juden nicht vergast worden wären. Dann wäre Deutschland so wie das Wort Neckarauen.“

Und hier, in Heidelberg, ist der Ich-Erzähler auch für einen Moment vom Terror der Ironie befreit. Beziehungsweise: er träumt davon, in der „Max-Bar“, beim Betrachten der biertrinkenden Studenten: „Alle sind sehr nett. Ich glaube, keiner meint es ironisch.“

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