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Notizen zu Kracht : Was er will

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Ist das alles nur Ironie? Was will er wirklich? Fragen über Fragen an Christian Kracht

Die Frage ist ja nur: wie? Wie hat er es zum Thema? Was will Kracht? Wie und warum schreibt er immer wieder über totalitäres Denken, totalitäre Systeme? Und das Glück, das sie bedeuten können. Und die Schönheit, die man in ihnen erkennen kann. Das ist doch die Frage. Diez hatte, um Kracht begrifflich festzulegen, den fast gleichzeitig mit „Imperium“ erschienenen Briefwechsel mit Woodard hinzugezogen. Ein legitimes Verfahren, um einem sich notorisch in Doppel- und Dreifachironie flüchtenden Autor auf die Schliche zu kommen. Und in der Tat sind die Passagen des Briefwechsels, in denen Kracht Woodard für die deutsche Ur-Kolonie „Nueva Guermania“, in der sich einst der KZ-Arzt Josef Mengele versteckte, die Bücher aus der Bibliothek seines Großvaters verspricht, beunruhigend und dunkel. Zumindest befremdlich ist auch, dass die beiden sich Bilder von SS-Obersturmbannführern hin- und herschicken, dass Woodard von „Nueva Guermania“ schreibt, dass dieses „arische Zentrum elementar ist für die wünschenswerteste Richtung der Welt“. Und Kracht widerspricht nicht. Kracht wollte, dass dieser Briefwechsel erscheint.

In dem Abwehrkampf gegen die Thesen von Georg Diez kam dieser Briefwechsel beinahe nicht vor. Die Verteidiger beschränkten sich auf Lektüre und Lob des Romans. Die dunkle Seite, die in diesem Briefwechsel aufscheint, wurde ignoriert. Das Aufatmen von Denis Scheck schien das Aufatmen vieler Leser und Freunde von Krachts Büchern gewesen zu sein: „Es ist ja noch mal gutgegangen.“

In Bildern gesprochen

Man will sich die Liebe zu dieser unglaublich schönen Prosa, zu dieser schönen Sprache einfach nicht verdunkeln lassen. Man will das alles nicht so genau wissen. Das was? Das andere. Die dunkle Seite von Kracht. Vorwürfe gegen ihn gibt es ja eigentlich schon, solange er schreibt. Seine Kriegssehnsucht, die Bewunderung für die Ästhetik von Kim Jong-ils Nordkorea oder der Respekt, den er dem Führer der Taliban Mullah Omar bekundete.

Das war in der allerersten Ausgabe dieser Zeitung, im September 2011, die Türme in New York waren gerade eingestürzt, Krachts Roman „1979“ über die islamische Revolution in Iran sollte kurz darauf erscheinen. Er, der sich sonst in Interviews oft auf doppelt ironisch kodierte Scheinaussagen zurückzog, war in diesem per Mail geführten Gespräch überraschend klar: „Mullah Omar hat meinen vollen Respekt“, erklärte Kracht.

Dieser sei „wie ein Sufi-Meister“, weil er unsichtbar sei, weil es kein Bild von ihm gebe. Konkrete Fragen nach der Politik der Taliban wies er zurück. Zu Iran sagte er: „Die islamische Revolution im Iran war ja etwas völlig Einzigartiges; ein sabbernder, amerikanischer Kokainist in Ausgehuniform - ich spreche jetzt nur von den Bildern - wurde durch etwas Schönes und Neues ersetzt, durch einen bärtigen und gottesfürchtigen Mann, an dessen Bild Jimmy Carter dann auch zerbrochen ist.“ Auf meinen Einwand: „Aber es geht doch nicht nur um Formen. Es ist doch lächerlich, die Welt ausschließlich nach Bildern zu beurteilen. Es gibt doch auch Inhalte, Politik und Moral“, antwortete Christian Kracht: „Ich glaube, schlechte Form ist an vielem schuld. Ein gutes Buch ist immer moralisch.“ Später hat er über dieses Interview in einem Interview gesagt: „Das Interview in der FAZ war ein gutes, weil es ein existierendes Bild von mir zertrümmert hat.“

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