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Notizbuchtrend : Ist notiert

Mehr als nur Notizbücher: Moleskine-Produkte Bild: dpa

Der Schriftsteller Bruce Chatwin hatte eine Schwäche für schwarze Notizbücher. Die Firma Moleskine hat diese Schwäche ausgenutzt und daraus ein Millionengeschäft gemacht. Die Geschichte eines ausgesprochen analogen Produkts, das die Sehnsüchte des Digitalzeitalters befriedigt.

          Angefangen hat alles mit einer Geschichte, von der heute niemand mehr sagen kann, was an ihr wahr ist und was nicht - und die genau das zu einer richtig guten Geschichte macht. Einer 600-Millionen-Euro-Story. Dass sie einmal eine Firma groß machen würde, die kürzlich bei ihrem Börsengang auf ebendiesen Wert geschätzt wurde, hätte sich Bruce Chatwin sicher nicht träumen lassen. Denn der britische Schriftsteller hat die Geschichte zuerst erzählt, Mitte der achtziger Jahre, irgendwo in Australien, und bei ihm handelte sie davon, wie man Papier in Literatur verwandelt. Chatwin starb wenig später, die Geschichte blieb zwischen den Seiten eines Romans, bis sie Maria Sebregondi, eine Soziologin und Marketing-Beraterin, auf einem Segelschiff vor der Küste Tunesiens fand und mit nach Mailand nahm. Seitdem erzählt sie davon, wie man Papier zu Geld macht. Alles, was es braucht, ist ein kleines schwarzes Notizbuch - und die richtige Geschichte. Die von Moleskine.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          1997 tauchten die Kladden mit dem eingeprägten Markennamen im Kunstledereinband, den abgerundeten Ecken, der Innentasche und dem straffen Gummiband in Europas Buchhandlungen auf. Cafés in Buchläden waren damals der neueste Schrei, aber noch flutete kein „Non-Book“-Klimbim die Verkaufsflächen, und Kladden gehörten in Schreibwarenhandlungen, wo sie als Ladenhüter verstaubten. Wer etwas auf sich hielt, führte einen Timer von Filofax oder noch besser: einen dieser sündhaft teuren elektronischen Terminkalender. Das waren aber auch nur die Leute, die schon mit dem modernsten aller Handys liebäugelten, einem Siemens-Knochen mit Vierfarbbildschirm, briefmarkengroß. In diese schöne neue Dotcom-Welt schien Moleskine mit seinem Großvater-Produkt so wenig zu passen wie in Buchhandlungen.

          Das wahre Moleskine

          Aber die Kladden waren so etwas wie trojanische Pferde. Auf jeder ihrer leeren Seiten stand unsichtbar die Geschichte, die das beiliegende Faltblatt bis heute ausbuchstabiert: „Moleskine ist das Erbe des legendären Notizbuchs von Künstlern und Denkern der vergangenen zwei Jahrhunderte“, steht da, „von Vincent van Gogh über Ernest Hemingway bis zu Bruce Chatwin.“ (Anfangs war nur von Chatwin die Rede, die anderen kamen erst später dazu.)

          Weiter im Text: Eine kleine französische Manufaktur habe die schwarzen Kladden mehr als hundert Jahre lang hergestellt und an Pariser Papeterien geliefert, in denen die Avantgarde verkehrte, auch Chatwin. Der habe sein Lieblingsnotizbuch „moleskine“ getauft. „Moleskin“ (ohne e), muss man dazu wissen, ist das englische Wort für Maulwurfshaut, einen Baumwollstoff, der fast wie Leder aussieht und gern von Buchbindern verwendet wurde. Auf dem Beipackzettel steht weiter, Chatwin erzähle in seinem Roman „Die Traumpfade“, wie die „carnets moleskines“ Mitte der achtziger Jahre unauffindbar geworden seien. Ein kleiner Mailänder Verleger habe sie Ende der Neunziger wiederbelebt - et voilà, das neue alte Moleskine (jetzt mit Copyright), Notizbuch der Legenden.

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