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Veröffentlicht: 25.07.2011, 08:57 Uhr

Norwegen nach den Anschlägen Mein kleines Land gibt es nicht mehr

Norwegen war ein sozialdemokratisches Idyll. Nun, noch in der Erschütterung angesichts der Morde, rätselt man über den Täter. Seine Motive sind nicht so einfach zu verstehen, wie es erste Berichte glauben machten.

von Matthias Hannemann
© AP Nichts wird mehr sein wie vorher: Die Insel Utøya, über die am Freitag das Böse hereinbrach

Und auf einmal ist da dieses Lied. Eigentlich stammt es von Ole Paus, dem norwegischen Pendant zu Reinhard Mey. Über die Jahre freilich ist „Mitt lille land“ zu einer kleinen leisen Hymne geworden, zu der man im Fernsehen Landschaftsbilder zeigt und die Menschen, die in ihr leben. So war es noch vor wenigen Wochen, als Maria Mena das Lied als Werbeclip für die TV2-Nachrichten aufnahm. Jetzt, in den Stunden nach den Anschlägen von Oslo und Utøya, klammert sich eine ganze Nation daran. „Mein kleines Land“ wird im Internet herumgereicht wie ein Therapeutikum, und die Norweger, die es auf ihrer Facebook-Seite empfehlen, schreiben Sätze wie „Nichts wird mehr sein wie zuvor“ und den Songtext daneben: „Mein kleines Land. Ein kleiner Fleck, eine handvoll Fried, hingeworfen zwischen Felsplateau und Fjorde.“

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Nichts wird mehr sein wie zuvor. So ein Satz ist schnell zur Hand, wenn Katastrophen eine Gesellschaft erschüttern. Und doch ist der Einschnitt, den Nordeuropa am Freitag Nachmittag erlebte, ein besonders krasser. Das liegt nicht zuletzt am Selbstverständnis der nordischen Wohlfahrtsstaaten, am Selbstbild eines Landes wie Norwegen zumal, das sich dem politischen, dem finanziellen und dem gesellschaftlichen Glück so nah fühlt wie kaum ein anderes Land in der Welt. Utopia, das ist Norwegen - ein Raum, in dem das Böse nichts mehr zu suchen hat, seitdem die Besatzer 1945 gingen. Die perfekte, von Mutter Staat liebevoll beschützte Gesellschaft. Das war Norwegen, vielleicht.

Norwegen-Trauer © dapd Vergrößern Totengedenken in Oslo: Norwegen ist keine Insel des Glücks mehr

„Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein“

Umso irritierender dürfte die Vorstellung sein, dass das „Böse“ am Freitag nicht von außen in die Idylle einbrach, sondern im Norden selbst entstehen konnte. Insofern ist der Schrecken, den Norwegen nunmehr erlebt, dem Ohnmachtsgefühl nach den Attentaten auf Olof Palme und Anna Lindh in Schweden näher als dem Entsetzen, mit dem man die islamistischen Anschläge auf Kurt Westergaard in Dänemark und die Stockholmer Fußgängerzone registrierte. Wobei es schwerfällt, derartige Vergleiche überhaupt anzustellen. Die Dimensionen sind völlig andere. Die Opfer sind vor allem andere: junge Sozialdemokraten, Teilnehmer eines Sommerlagers, auf einer wunderschönen Insel im Tyrifjord. „Mitt lille land“. Landschaft, Politik, Menschen. Alles in einem Bild.

Die Boulevard-Zeitung „Verdens Gang“, eben jene Zeitung, deren Redaktionsgebäude bei dem Anschlag in Oslo verwüstet wurde, stieß am Freitag darauf, dass wenige Stunden, bevor der Mörder auf die Insel übersetzte, die einstige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland auf Utøya gesprochen hatte. „Det er typisk norsk å være god“, hatte sie 1992 gesagt, ein Satz, der längst zum geflügelten Wort geworden ist: „Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein.“ Anders Behring, der Terrorist vom Freitag, hatte „Gro“ in einem Internet-Kommentar als „Landesmörderin“ bezeichnet. Damals erregte er sich darüber, dass sie und andere jeden Einwohner mit norwegischem Pass als echten Norweger bezeichnet hatten: „Und Ihr sagt, dass alle, die mit Eurer extrem kulturmarxistischen Weltauffassung nicht übereinstimmen - nach der utopischen, weltbürgerlichen Definition - Rassisten sind?“

Zusammenmontierte Versatzstücke und Querverweise

Man muss derartige Sätze nicht lange suchen. Vor den Anschlägen hat Anders Behring Breivik, der Mann, dem Schulkameraden in ersten Fernseh-Interviews nachsagten, ein freundlicher und um Andere besorgter Jugendlicher gewesen zu sein, die Propaganda-Techniken von Al Quaida studiert und im Internet ein ausführliches Manifest hinterlegt. Ted Kaczynski, der Una-Bomber von Amerika, hatte sich 1995 auf 35000 Wörter zur Zukunft der industriellen Gesellschaft beschränkt. Breivik, der selbsternannte Freiheitskämpfer, der auch das Manifest des Una-Bombers gelesen hat, schrieb eine anderthalbtausend Seiten starke Gebrauchsanweisung für terrorwillige Anti-Islamisten.

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