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Norwegen nach den Anschlägen Mein kleines Land gibt es nicht mehr

 ·  Norwegen war ein sozialdemokratisches Idyll. Nun, noch in der Erschütterung angesichts der Morde, rätselt man über den Täter. Seine Motive sind nicht so einfach zu verstehen, wie es erste Berichte glauben machten.

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Und auf einmal ist da dieses Lied. Eigentlich stammt es von Ole Paus, dem norwegischen Pendant zu Reinhard Mey. Über die Jahre freilich ist „Mitt lille land“ zu einer kleinen leisen Hymne geworden, zu der man im Fernsehen Landschaftsbilder zeigt und die Menschen, die in ihr leben. So war es noch vor wenigen Wochen, als Maria Mena das Lied als Werbeclip für die TV2-Nachrichten aufnahm. Jetzt, in den Stunden nach den Anschlägen von Oslo und Utøya, klammert sich eine ganze Nation daran. „Mein kleines Land“ wird im Internet herumgereicht wie ein Therapeutikum, und die Norweger, die es auf ihrer Facebook-Seite empfehlen, schreiben Sätze wie „Nichts wird mehr sein wie zuvor“ und den Songtext daneben: „Mein kleines Land. Ein kleiner Fleck, eine handvoll Fried, hingeworfen zwischen Felsplateau und Fjorde.“

Nichts wird mehr sein wie zuvor. So ein Satz ist schnell zur Hand, wenn Katastrophen eine Gesellschaft erschüttern. Und doch ist der Einschnitt, den Nordeuropa am Freitag Nachmittag erlebte, ein besonders krasser. Das liegt nicht zuletzt am Selbstverständnis der nordischen Wohlfahrtsstaaten, am Selbstbild eines Landes wie Norwegen zumal, das sich dem politischen, dem finanziellen und dem gesellschaftlichen Glück so nah fühlt wie kaum ein anderes Land in der Welt. Utopia, das ist Norwegen - ein Raum, in dem das Böse nichts mehr zu suchen hat, seitdem die Besatzer 1945 gingen. Die perfekte, von Mutter Staat liebevoll beschützte Gesellschaft. Das war Norwegen, vielleicht.

„Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein“

Umso irritierender dürfte die Vorstellung sein, dass das „Böse“ am Freitag nicht von außen in die Idylle einbrach, sondern im Norden selbst entstehen konnte. Insofern ist der Schrecken, den Norwegen nunmehr erlebt, dem Ohnmachtsgefühl nach den Attentaten auf Olof Palme und Anna Lindh in Schweden näher als dem Entsetzen, mit dem man die islamistischen Anschläge auf Kurt Westergaard in Dänemark und die Stockholmer Fußgängerzone registrierte. Wobei es schwerfällt, derartige Vergleiche überhaupt anzustellen. Die Dimensionen sind völlig andere. Die Opfer sind vor allem andere: junge Sozialdemokraten, Teilnehmer eines Sommerlagers, auf einer wunderschönen Insel im Tyrifjord. „Mitt lille land“. Landschaft, Politik, Menschen. Alles in einem Bild.

Die Boulevard-Zeitung „Verdens Gang“, eben jene Zeitung, deren Redaktionsgebäude bei dem Anschlag in Oslo verwüstet wurde, stieß am Freitag darauf, dass wenige Stunden, bevor der Mörder auf die Insel übersetzte, die einstige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland auf Utøya gesprochen hatte. „Det er typisk norsk å være god“, hatte sie 1992 gesagt, ein Satz, der längst zum geflügelten Wort geworden ist: „Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein.“ Anders Behring, der Terrorist vom Freitag, hatte „Gro“ in einem Internet-Kommentar als „Landesmörderin“ bezeichnet. Damals erregte er sich darüber, dass sie und andere jeden Einwohner mit norwegischem Pass als echten Norweger bezeichnet hatten: „Und Ihr sagt, dass alle, die mit Eurer extrem kulturmarxistischen Weltauffassung nicht übereinstimmen - nach der utopischen, weltbürgerlichen Definition - Rassisten sind?“

Zusammenmontierte Versatzstücke und Querverweise

Man muss derartige Sätze nicht lange suchen. Vor den Anschlägen hat Anders Behring Breivik, der Mann, dem Schulkameraden in ersten Fernseh-Interviews nachsagten, ein freundlicher und um Andere besorgter Jugendlicher gewesen zu sein, die Propaganda-Techniken von Al Quaida studiert und im Internet ein ausführliches Manifest hinterlegt. Ted Kaczynski, der Una-Bomber von Amerika, hatte sich 1995 auf 35000 Wörter zur Zukunft der industriellen Gesellschaft beschränkt. Breivik, der selbsternannte Freiheitskämpfer, der auch das Manifest des Una-Bombers gelesen hat, schrieb eine anderthalbtausend Seiten starke Gebrauchsanweisung für terrorwillige Anti-Islamisten.

Wenn auch nicht alle Seiten selbst. Copy. Paste. Man kennt das ja mittlerweile. Das Manifest nennt sich „2083 - A European Declaration of Independence“. Geschmückt wird es auf der Titelseite durch das rote Kreuz der Tempelritter, die Jahreszahl ergibt sich mit Blick auf die Verteidigung Wiens gegen die Türken im Jahre 1683, und auch sonst arbeitet Breivik, der sich hier wie in anderen Internet-Beiträgen als Gegner jegliche Totalitarismus verstanden wissen möchte, mit allerlei ebenso fanatisch wie undurchdacht zusammenmontierten Versatzstücken und Querverweisen - ob das nun seine Ausführungen zur Frankfurter Schule sind, zur marxistischen Unterwanderung der europäischen Gesellschaft, zur von ihm bewunderten historischen Größe Churchills, Atatürks, Theodor Herzls und Bismarcks (durchaus nicht Hitlers), seine Querverweise auf die europäische Islam-Debatte oder seine Begeisterung für Kinofilme wie den „Baader-Meinhof-Komplex“: „I really enjoyed that one.“

Verachtung des nordeuropäischen Mainstreams

Es ist zu früh, um diesen - mit ungemein detaillierten Anleitungen zum Bombenbau und Tagebuch-Einträgen aus den letzten Wochen versehenen - Text wirklich analysieren zu können. Eines aber wird schon bei der ersten Sichtung klar: Jeder Versuch, Breivik als faschistoiden Rechtsextremen oder christlichen Fundamentalisten zu beschreiben, ist nicht mehr als ein hilfloser Reflex. So wie es auch ein Reflex war, dass Breivik zunächst Anschluss bei denen suchte, die er in seiner Verachtung des nordeuropäischen Mainstreams für die kommenden oder wahren Kräfte der Politik hielt - die fremdenfeindlich-liberalistische „Fremskrittsparti“ etwa (sie erhielt bei den Parlamentswahlen 2009 fast ein Viertel der norwegischen Wählerstimmen, da freilich hatte Breivik dem demokratischen Weg zur Macht bereits abgeschworen), die Freimaurerloge „St. Olaus til de tre Søiler“, oder die „Knights Templar Europe“, wer auch immer sich hinter dieser Formation verbergen mag.

Sie trafen sich, wenn man dem Manifest eines Wahnsinnigen trauen darf, im Nachklang der islamistischen Anschläge auf New York und Washington, 2002 in London. Den Kontakt vermittelte ein serbischer „Kriegsheld“: „Jeder benutzt Codenamen: Meiner ist Sigurd, der Kreuzfahrer, der meines Mentors Richard, wie Richard Löwenherz.“

Stille Trauerzüge

Was ist es, das diesen Mann antreibt und ein Jahrzehnt lang planen lässt, wenn nicht die Geltungssucht? Oder besser: Was außer übersteigertem Islam-Hass ist es, was ihn so abstieß, dass er, der in recht durchschnittlichen Verhältnissen aufwuchs, zu einem Massenmörder wurde, zu einem paranioden Killer, der nächtelang Chemikalien für Bomben braut, sich mit Steroiden vollpumpt und Jubelschreie ausstößt, während er junge Menschen der (wie er sagt) „Stoltenberg-Jugend“ förmlich hinrichtet, in falscher Polizeiuniform?

Während die Polizei nach etwaigen Komplizen suchte, während sich beim Jazzfestival in Molde und an der Domkirche in Oslo stille Trauerzüge formieren, während die Menschen sich bei Facebook Lieder wie „Mitt lille land“ zusenden und dabei fürchterlich weinen, machen sich die Zeitungen auf die Spurensuche. Die ersten Antworten aber sind verwirrend. Sie passen nicht in das gängige, jedem Leser skandinavischer Krimis vertraute Links-Rechts-Schema. „Aftenposten“ etwa sprach mit dem Akademiker Lars Gule, der Palästina in den siebziger Jahren mit einer Lieferung Sprengstoff helfen wollte und nach der Jahrtausendwende Generalsekretär des „Human-Etisk Forbunds“ war.

„Er ist nationalkonservativ, nicht Nazi“

Gule hatte Breivik als Diskussionsteilnehmer in einem Internet-Forum zum Thema Islamismus erlebt. Er charakterisiert Breivik mit den Worten: „Er ist nationalkonservativ, nicht Nazi. Er hat eine konservative, christliche Ideologie, aber ich denke nicht, dass man ihn mit Recht einen christlichen Fundamentalisten nennen kann.“

Womöglich kam dieser Mann einfach aus der Mitte. Oder, wie ein Polizist es sagte: Aus dem Nichts. Antworten auf die Frage, wie das alles sein kann, in einem mustergültigen „kleinen Land“ wie diesem, wird Norwegen freilich nicht über Nacht erhalten. Fest steht nur: Eine Insel am Rande Europas, eine Insel des Glücks wie jene inmitten des kaltes Fjordes, ist Norwegen seit Freitag nicht mehr. Ein Albtraum.

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