08.06.2009 · Eine Kunstform namens Kall: Norbert Scheuers neuer Roman „Überm Rauschen“ als Vorabdruck in der F.A.Z.
Von Richard KämmerlingsAuf der Landkarte der Literatur wird die Unterscheidung zwischen Dörfern, Klein- oder Großstädten gegenstandslos. Was im Leben schwerwiegende Entscheidungen sind - sich in der Metropole oder auf dem Land, in der Provinz oder im Zentrum einzurichten -, im Raum der Fiktion stehen alle Koordinaten gleichberechtigt nebeneinander. Oder genauer: Hier gibt es nur die Differenz zwischen dem Sein und dem Nichts, zwischen beschriebenen und unbeschriebenen Orten, den vollen und leeren Blättern der Einbildungskraft.
Kall in der Eifel, aktuelle Einwohnerzahl 11809, gelegen an der Bahnstrecke zwischen Köln und Trier, ist ein solcher Literatur-Ort, dessen Größe die reale Existenz inzwischen weit überragt. Dieses erzählte Kall ist das Resultat eines irritierend beharrlichen Lebenswerks. Norbert Scheuer hat seit seinem Debüt „Der Hahnenkönig“ von 1993 einen ganzen Kosmos von Geschichten in die urwüchsige, aber wenig anheimelnde Eifellandschaft gebettet. Wahrscheinlich muss man es umgekehrt sagen: Scheuer hat die mythische Vielfalt seines Figurenarsenals dem Ort seiner Kindheit abgewonnen, das Andrängen der Erinnerung in Storys kanalisiert. Seine Romane „Der Steinesammler“ (1999) und „Flußabwärts“ (2002) ließen schon erkennen, dass hier eine immense erzählerische Begabung buchstäblich vor der eigenen Haustür ihren kongenialen Stoff gefunden hat.
„Kall, Eifel“ hatte Scheuer als Hommage an Sherwood Andersons modernen Klassiker „Winesburg, Ohio“ seinen großartigen Zyklus von Kurzgeschichten betitelt, der 2005 erschien und eine ideale Form für die einander kreuzenden Biographien und Beziehungen bot. Das war ein Unglücksreigen von Menschen, die nirgendwo anders als eben hier, in diesem verfluchten und geliebten Kall, leben können und doch daran früher oder später zugrunde gehen. Ungelebte Leben, nicht erkannte oder leichtfertig verspielte Möglichkeiten des Glücks, illusionäre Hoffnungen, Selbstbetrug und Selbstzerstörung - das ganze Spektrum menschlicher Existenz bildet Scheuer in seinen nur scheinbar simpel gestrickten Figuren ab.
„Überm Rauschen“, sein neuer Roman, den wir von heute an vorabdrucken, setzt dieses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wohl singuläre Projekt fort. Der Erzähler, Mitte vierzig, kehrt nach Jahren der Abwesenheit in seinen Heimatort zurück, wo die Familie oder was von ihr übrig ist, eine mehr schlecht als recht laufende Gastwirtschaft betreibt. Die Mutter liegt dement im Heim, der Stiefvater ist lange tot, sein älterer Bruder, stets ein Sonderling, droht dem Wahnsinn zu verfallen. Beim Fischen in der Kall durchfließenden Urft beschwört der Heimkehrer die Welt der Kindheit herauf, vor der er einst floh, die totale Entfremdung der Eltern, die Trunksucht des Vaters, die aus Trauer geborene Liebesunfähigkeit der Mutter, die notorischen Geldsorgen, die dörfliche Enge.
Den krank machenden Verhältnissen steht die glitzernde Welt der Fische gegenüber, eine zeitlos-mythische Natur, in die nach dem Vater nun der Bruder flieht. Dessen obsessive Jagd nach dem „großen Fisch“, einem urzeitlichen Fabelwesen, wird zum Symbol eines illusionären Sinnverlangens, das, gibt man ihm konsequent nach, dem Wahn die Schleusen öffnet. Der (nicht „das“) „Rauschen“ des Titels ist ein Wehr neben dem Haus der Kindheit, wo der Fluss für die Mühle gestaut wird. Der Rauschen ist zugleich der Abgrund der Verzweiflung, dessen Sog jeden bedroht, die Urft ein Strom der Phantasie und des Traums: „Der Fluss ist eine Matrize, auf der sich alles unentzifferbar einritzt - für uns bleibt es danach verborgen -, aber ich weiß, dass es dennoch da ist, man kann es ahnen und träumen, vielleicht wissen die Fische es auch.“
Norbert Scheuer, geboren 1951, wird mit jedem Buch deutlicher erkennbar als einer unserer großen, vom breiten Publikum freilich erst noch zu entdeckender Erzähler. Viele Fäden seines Werkes werden in „Überm Rauschen“ wieder aufgenommen, verwandelt und weitergesponnen. Vor allem aber treibt Scheuer eine Poetik konsequent voran, die im Kern eine theologische ist: Es gibt nichts ganz und gar Unbedeutendes, nicht unter den Menschen noch unter den Orten oder den Dingen. Hört und sieht man nur genau hin, ist alles, was ist, wert, erzählt zu werden.