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Nobelpreisträgertreffen Das Weltgewissen ruft aus Stockholm

21.05.2011 ·  Wie lässt sich die Erde verbessern? Zwanzig Nobelpreisträger haben die Antworten gefunden: Bekämpfung der Armut, Umweltschutz und die Rettung des Erdklimas stehen auf der Agenda.

Von Manfred Lindinger, Stockholm
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Es war ein erlesener Kreis von Wissenschaftlern, der sich in dieser Woche in Stockholm eingefunden hatte, um über elementare Fragen zu diskutieren, die die Zukunft der Erde und der ganzen Menschheit betreffen. Rund zwanzig Nobelpreisträger und zwei Dutzend internationale Fachleute debattierten darüber, wie es gelingen könnte, eine nachhaltige Welt zu schaffen. Eine Welt, in der Ressourcen geschont, der Erderwärmung und dem Artensterben Einhalt geboten, die Regenwälder geschützt und die elementaren Bedürfnisse aller Menschen gedeckt werden können. Große Fragen also, auf die es keine einfachen Antworten gibt, die aber beharrlich darauf warten, beantwortet und angegangen zu werden. Herausgekommen ist ein gemeinsames Memorandum der Nobelpreisträger, das von den Kongressteilnehmern unterzeichnet und an eine vom Generalsekretär der Vereinten Nationen eingesetzte Expertengruppe zur globalen Nachhaltigkeit überreicht wurde. Die Empfehlungen sollen die Basis für "Rio+20" bilden - für den Erdgipfel, Teil 2 -, jenes umweltpolitische Megatreffen der Völkergemeinschaft, das im kommenden Jahr in Rio de Janeiro stattfinden wird.

Nach 2007 in Potsdam und 2009 in London haben sich nun zum dritten Mal Nobelpreisträger aller Disziplinen getroffen, um mit der Stimme der Wissenschaft an Entscheidungsträger aus der Politik und Wirtschaft zu appellieren, die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung und Gestaltung der Welt zu stellen. Den Ort für diesen Anlass hätte man nicht passender wählen können: die ehrwürdige Linnaeus Hall der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften, wo jedes Jahr im Oktober die künftigen Nobelpreisträger verkündet werden. Hatte man bei den vorangehenden Treffen den Fokus vor allem auf das Weltklima gerichtet und wie die Erderwärmung schnellstmöglich gestoppt werden kann, so ist das Themenspektrum dieses Mal deutlich weiter gespannt worden. Es umfasste alle Bereiche, in denen der Mensch seinen ökologischen wie ökonomischen Fingerabdruck hinterlassen hat: die Abholzung der Regenwälder, das dramatische Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten, die gnadenlose Ausbeutung von Bodenschätzen und das wachsende Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern.

Konsequenzen des Anthropozän

"Wir verbrauchen in einem Jahr die Ölreserven, die in einem Zeitraum von vier Millionen Jahren entstanden sind. Die Menge an Kupfer, die wir als Kabel, Drähte und an anderer Stelle verbaut haben, übersteigt mittlerweile die Menge an Kupfer, die noch in der Erde steckt", sagte Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Initiator der Nobelpreisträgertreffen. "Gleichzeitig hat eine Milliarde Menschen noch immer keinen Zugriff auf sauberes Trinkwasser, ähnlich hoch ist die Zahl der Menschen, die permanent Hunger leiden. Gleichzeitig werfen wir rund fünfzig Prozent der Lebensmittel einfach weg." Zustände, denen dringend Einhalt geboten werden müsse.

Vom Anthropozän, von der vom Menschen seit Beginn der Industrialisierung geprägten erdgeschichtlichen Epoche, war immer wieder die Rede in Stockholm. Der Mensch habe mit seinen Aktivitäten so stark in das Erdsystem eingegriffen, dass nach Überzeugung der Laureaten endgültig die Gefahr besteht, die stabilen Bedingungen, wie sie in den vergangenen zehntausend Jahren geherrscht haben, unumkehrbar zu zerstören. Man dürfe nicht weiter auf den eingeschlagenen Pfaden gehen, heißt es im Memorandum. Das "Verhältnis zum Planeten" müsse sich ändern, unsere Aktivitäten dürften nicht länger auf Kosten der Umwelt gehen und müssten stets auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit dürfen fortan keine Gegensätze mehr sein. Die Zeit des ständigen Aufschubs sei nun vorüber, man dürfe sich den Luxus nicht mehr leisten, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zu ignorieren oder zu leugnen, so die Forscher.

Eine der größten Herausforderungen sehen die Experten in der Bekämpfung der Armut und in der Ernährung der Weltbevölkerung, die Prognosen zufolge im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen wachsen wird. Ein Umbau des Agrarsystems auf eine nachhaltige und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion, aktiver Umweltschutz, vor allem aber die Chancengleichheit zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern seien das Gebot der Stunde. Konkret wurden die Forderungen in der Klimafrage: Sollen gefährliche Klimaveränderungen vermieden werden, unter denen vor allem die armen Länder stark zu leiden hätten, dürfe die Erderwärmung die Zwei-Grad-Marke nicht überschreiten, und die jährlichen Treibhausgasemissionen müssten von 2015 an deutlich abnehmen. Der Weg dahin ist für die Nobelpreisträger klar: der radikale Umbau der fossilen Energieversorgung auf erneuerbare Quellen und höhere Abgaben für Kohlendioxidemissionen.

Kernenergie kein große Thema

Überraschenderweise waren die Reaktorkatastrophe in Fukushima und die Rolle der Kernenergie bei der Energieversorgung kein großes Thema in Stockholm. Auch dass Deutschland den raschen Ausstieg aus der Kernenergie und den Umbau der Energieversorgung auf regenerative Quellen plant, war allenfalls nur am Rande ein Gesprächsthema. Dafür klangen viele andere Themen allzu vertraut, man hat sie in der Vergangenheit doch immer wieder vernehmen können, etwa auf der ersten UN-Weltkonferenz zum Thema Umwelt 1972 in Stockholm, 1992 in Rio de Janeiro, wo sich die Teilnehmerstaaten zu einer nachhaltigen Entwicklung verpflichteten, oder zehn Jahre später in Johannisburg, wo die Teilnehmer abermals über die 1992 beschlossenen Ziele debattierten. Das meiste von dem, was versprochen wurde, ist den wissenschaftlichen Führern zufolge bisher mitnichten verwirklicht worden.

Und was spricht dafür, dass es nach "Rio+20" im kommenden Jahr anders sein könnte - die unmissverständliche Dringlichkeit, die im Stockholmer Memorandum zum Ausdruck kommt? Zweifel bleiben. Obwohl es den Laureaten durchaus nicht an dem festen Glauben mangelte, die gemeinsame Erklärung könnte noch Gehör finden. Immerhin sei der Mensch doch das einzige Lebewesen, das sich seiner Rolle als wahrhaft geologischer Faktor bewusst werden und sein Verhalten anpassen könne. Das gilt schon als die vornehmste Prämisse, damit das Anthropozän zu einer nachhaltigen Erdepoche werden könne.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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