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Veröffentlicht: 02.07.2016, 21:50 Uhr

Zum Tod von Elie Wiesel „Ein Lichtstrahl in der Dunkelheit des Holocaust“

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihm geht nicht nur ein unermüdlicher Kämpfer gegen das Holocaust-Vergessen, sondern auch ein großer Autor und Philanthrop.

© Reuters Ein nachdenklicher Elie Wiesel - aufgenommen während einer Holocaust-Konferenz in der europäischen UN-Zentrale in Genf im April 2009

Sein Leben war ein steter Kampf gegen das Vergessen: „Wer sich verschwört, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, der tötet sie ein zweites Mal“, sagte Elie Wiesel 2000 vor dem Deutschen Bundestag. Der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel starb jetzt im Alter von 87 Jahren bei sich zu Hause in Manhattan, wie die „New York Times“ berichtete. Zuvor hatten israelische Medien und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Samstagabend Wiesels Tod gemeldet.

Sein Vater Schlomo, seine Mutter Sarah und die kleinste seiner drei Schwestern starben in der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Der 1928 in Rumänien geborene Wiesel überlebte das Grauen der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Seitdem engagiert sich der in New York lebende Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger für das Wachhalten der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer des Holocaust - als Lehre für alle Zukunft.

© reuters Holocaust-Überlebender und Friedensnobelpreisträger Wiesel ist tot

Autobiographisches Werk „Die Nacht“ macht ihn bekannt

Sein 1958 veröffentlichtes und in 30 Sprachen übersetztes Werk „Die Nacht“, in dem er prägnant und eindringlich seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz schildert, ist bis heute eines der meistgelesenen Bücher zum Holocaust. Vor allem in den Vereinigten Staaten wurde Wiesel damit zur Kultfigur und galt als einer der führenden Köpfe des amerikanischen Judentums.

1928 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Siebenbürgen geboren, hatte Wiesel eigentlich Rabbi werden sollen. Doch seine behütete religiöse Erziehung in dem kleinen Karpatenstädtchen Sighet bricht 1944 jäh ab, als die Familie nach Auschwitz deportiert wird. „Uns sagte der Name gar nichts“, sagte Wiesel später in einem Interview. „Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen, Männer und Frauen wurden getrennt.“

Erinnerungen an Buchenwald

Seine Mutter sollte Wiesel nie wiedersehen. Mit seinem Vater kam er als Häftling Nummer A-7713 zunächst ins Stammlager, später nach Buchenwald, wo der Vater kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers starb. „An dem Tag, an dem er starb, war das einer der dunkelsten Tage meines Lebens“, berichtete Wiesel 2009 bei einem Besuch mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Buchenwald. „Er rief nach mir und ich hatte zu viel Angst, um mich zu bewegen. Wir alle hatten zu viel Angst, um uns zu bewegen. Und dann starb er. Ich war da, als er starb, aber ich war eben nicht da.“

Barack Obama, Elie Wiesel, Angela Merkel Für Amerikas Präsidenten ist es sein erster Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers: Barack Obama, Elie Wiesel und Bundeskanzlerin Merkel … © AP Bilderstrecke 

Die Erlebnisse prägen Wiesel zeitlebens. Die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel an der Existenz Gottes in einem solchen Grauen und die Fragen jüdischer Identitätsfindung - all diese Themen blieben bestimmend für sein Denken und Schreiben.

Nach dem Krieg kam Wiesel in ein Waisenhaus in Frankreich. Später studierte er in Paris Philosophie und Literatur und arbeitete dann als Journalist und Auslandskorrespondent, bis ihn der französische Literaturnobelpreisträger Francois Mauriac (1885-1970) ermunterte, „an das Unsagbare zu erinnern“. Wiesel schrieb fast 50 Bücher, Essays, Romane und Theaterstücke, in denen er sich für verfolgte Minderheiten in aller Welt stark macht. 1986 bekam er für seinen Einsatz den Friedensnobelpreis.

Dabei zeigt er sich auch immer wieder als Versöhner. „Ich habe nie an eine Kollektivschuld geglaubt“, sagte er 2012 bei einem Kongress in Auschwitz. „Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder.“ Die Menschheit müsse sich endlich ändern und Frieden schaffen, forderte er 2009 in Buchenwald. „Wir sind genug über Friedhöfe gegangen.“

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Wiesel hatte eine Professur für Geisteswissenschaften an der Universität in Boston. Daneben kämpfte er mit einer Stiftung gegen Intoleranz und Ungerechtigkeit in der Welt und setzte seine schriftstellerische Tätigkeit fort, meist auf Französisch. Seine Frau Marion war die wichtigste Übersetzerin seiner Werke ins Englische.

2014 wurde Wiesel mit einem der höchsten deutschen Orden ausgezeichnet. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier überreichte ihm das Große Verdienstkreuz mit Stern und würdigte dabei vor allem die Verdienste des Holocaust-Überlebenden um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden.

Erste Reaktionen

In Reaktion auf Wiesels Tod hat das Internationale Auschwitz-Komitee den Auschwitz-Überlebenden als „Lehrer der Menschheit“ gewürdigt. „Elie Wiesel war kein Weg zu weit und kein Anlass zu gering, Menschen über die Schrecken und Verbrechen von Auschwitz zu informieren“, sagte Christoph Heubner, der Vize-Exekutivpräsident der Überlebendenorganisation, am Samstag in Oswiecim. Wiesel sei die Stimme der in Auschwitz von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Frauen, Kinder und Männer gewesen, „die immer wieder die Vergesslichkeit, den Antisemitismus und den Hass übertönte.“ Er werde gerade in „diesen Tagen des Hasses und des Fundamentalismus schmerzlich vermisst“ werden, sagte Heubner.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte bestürzt auf den Tod von Wiesel. „Der Staat Israel und das jüdische Volk trauern zutiefst um Elie Wiesel“, sagte Netanjahu am Samstag. „Der Wortkünstler Elie hat mit seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit und seinen faszinierenden Büchern den Sieg des menschlichen Geistes über die Grausamkeit und das Böse verkörpert. In der Mitteilung seines Büros hieß es weiter: „Im Dunkeln des Holocaust, in dem sechs Millionen unser Brüder und Schwestern ermordet wurden, diente Elie Wiesel als ein Licht und als Vorbild der Menschlichkeit sowie des Glaubens an das Gute im Menschen.“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier würdigte Wiesel mit den Worten: „Mit Elie Wiesel geht nicht nur ein großer Autor, Philanthrop und Gelehrter von uns, sondern vor allem ein unermüdlicher Streiter gegen Hass, Intoleranz und Gewalt." Als junger Mensch von den Nationalsozialisten ins KZ verschleppt, habe er die Menschheit von ihrer dunkelsten Seite erlebt. „Nachdem er den Horror des Holocausts überlebt hatte, widmete er sein Leben dem Kampf gegen Gleichgültigkeit und Vergessenheit.“

Steinmeier erinnerte daran, dass Wiesel in einer beeindruckenden Rede vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2000 der deutschen Jugend sein Vertrauen ausgedrückt habe, dass sie eine bessere Gesellschaft schaffe, als er selbst es in seiner Kindheit habe erleben müssen. „Darin steckte eine tief bewegende Botschaft der Hoffnung und der Verantwortung, die wir uns gerade heute zu Herzen nehmen sollten“, mahnte der Minister. „Ich bin traurig über den Tod eines großen Menschen und verneige mich vor seinem Lebenswerk.“

Glosse

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Von Oliver Jungen

Einnahmen in Höhe von acht Milliarden Euro reichen den Öffentlich-Rechtlichen nicht. Noch jeder säumige Zahlungspflichtige soll gestellt werden. Als Geldeintreiber will man aber nicht dastehen. Mehr 2 4

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