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Nobelpreisträger Krugman Die Vorurteile der Nationen

13.10.2008 ·  Die Vergabe des Nobelpreises für Ökonomie an Paul Krugman ist ein Ereignis nicht nur für die wirtschaftspolitische Welt, sondern auch für die Sozialwissenschaften - und zeigt, dass es keinen Zusammenhang von Popularität und Volksverdummung gibt.

Von Jürgen Kaube
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Die Nationen stehen im Standortwettbewerb. Das Problem der Weltwirtschaft ist Inflation. Monopole muss man wettbewerbspolitisch bekämpfen. Kapitalverkehrskontrollen sind erstens des Teufels und zweitens nicht machbar. Der Wohlfahrtsstaat vertreibt durch hohe Steuern Investoren. Protektion ist auf jeden Fall schlechter als Freihandel. Die Finanzmärkte sanktionieren jeden Schritt, der vom Pfad haushaltspolitischer Tugend abweicht.

Jeder dieser Sätze hat dieselben drei Eigenschaften. Es sind alles Sätze, für die man in den vergangenen zwei Jahrzehnten Ökonomen immer wieder vor Kameras und Mikrofone gebeten hat, wo die allermeisten von ihnen sie verlässlich repetiert haben. Man kann, zweitens, diese Sätze und das Wirtschaftsbild, das ihnen zugrundeliegt, sich leicht merken. Und es sind Sätze, denen Paul Krugman widersprochen hat.

Toter Hund, blöder Hund

Das macht die diesjährige Vergabe des Nobelpreises für Ökonomie zu einem Ereignis nicht nur für die wirtschaftspolitische Welt, sondern auch für die Sozialwissenschaften. Denn vor allem jener Sätze wegen macht die Volkswirtschaftslehre unter allen Disziplinen weltweit einen beispiellos homogenen Eindruck. Bei einem Fach, zu dessen verständigen Lehren es gehört, dass Wettbewerb Unterscheidungen befördert, mochte das immer schon erstaunen. Gewiss, es gibt eine hohe wirtschaftswissenschaftliche Binnendiversität. Und selbst wenn man den zuweilen skandalösen Umgang des Faches mit dem Erbe von John Maynard Keynes einmal abzieht, der oft nicht nur als toter, sondern auch blöder Hund behandelt wurde, bleibt noch eine Menge an Erkenntnisvielfalt in ihm übrig.

Doch das Außenbild der Ökonomik bestimmen bis zum heutigen Tag Mitteilungen wie die zitierten, die ihre Gegner dann auch ganz leicht als „neoliberal“ verbuchen konnten. In dem Maße, in dem das leicht fiel, konnte übrigens auch der Eindruck eines neoliberalen „Regimes“, einer neoliberalen Verschwörung gar entstehen. Dabei sagten doch fast alle nur darum dasselbe, weil sie es sich so leicht merken konnten, weil der Pfiff der Ökonomie so leicht erlernbar schien.

Kein Antiliberaler, kein Sozialist

Paul Krugman ist, um Missverständnissen vorzubeugen, alles andere als ein Antiliberaler, alles andere als ein Sozialist. Er ist auch keiner jener Ökonomen, die wie in Deutschland Rudolf Hickel oder Heiner Flassbeck in Plaudersendungen zur Kundgabe von Minderheitsmeinungen eingeladen werden, von denen offen bleibt, auf welcher von Art von Forschung sie beruhen könnten. Krugman ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass man als Wissenschaftler niemandem Unterscheidungen aufdrängen sollte, die nur eine Talkshowrunde lang funktionieren. Was ist beispielsweise nicht alles an die liebgewordene Unterscheidung von Staat und Markt geknüpft worden, aus der bis zum heutigen Tag die begriffliche Missgeburt der „Konkurrenz der Nationen“ sich herleitet. Und jetzt? Jetzt winden sich Politik und Bankenwelt, als habe es bis gerade eben noch und wenigstens in den Vereinigten Staaten eine Privatwirtschaft gegeben, die man nunmehr, wie sollen wir sagen, antasten müsse. Hat es nicht – und wir erleben seit Jahrzehnten Wirtschaftskrisen und Wirtschaftskriege und Wirtschaftspolitiken, die das belegen.

Seinen ersten Aufsatz schrieb Paul Krugman 1977, mit vierundzwanzig, über internationale Finanzkrisen. Sein bekanntester Aufsatz trägt den Titel „Ist der Freihandel passé?“, was nicht ganz dasselbe bedeutet wie: Der Freihandel ist passé. Als er vor acht Jahren in Berlin einen Ehrendoktor entgegennahm, lautete der Titel seines Vortrages „Was alles wissen wir über Globalisierung nicht?“ Es ist diese kurz gesagt: wissenschaftliche Art aufzutreten, die mit dem Preis auch geehrt wird. Und Krugman hat noch etwas demonstriert. Seine Kolumnen in der „New York Times“ gehören zu den meistgelesenen des Blattes. Der Nobelpreis geht insofern auch an den Nachweis, dass es keinen Zusammenhang von Popularität und Volksverdummung gibt.

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