25.07.2004 · Dem ganzen Unterfangen von "Fahrenheit 9/11" liegt ein großes Mißverständnis zugrunde: Wer den Film gesehen hat und ihn mochte, der will viel mehr George W. Bush sehen.
Gleich, warte, gleich kommt er wieder und sagt etwas so unfaßbar Lustiges, daß der ganze Saal aufkreischt! Man verbringt den ganzen Film in Vorfreude auf diese Momente, auf die unbeschreiblichen, grotesken Auftritte dieses Charakterdarstellers, die natürlich ganz aus dem Kontext des Plots fallen, so wie es in den Drehbüchern der späten Marx-Brothers-Filme nur noch hieß: Harpo tritt auf und macht seine Nummer.
Der mittelmäßig begabte Stand-up-comedian Michael Moore könnte so eine intensive Vorfreude, voller Grusel und kichernder, kopfschüttelnder Erwartung, nie und nimmer erzeugen, darum überläßt er die Leinwand, sooft es geht, George W. Bush. Dessen Präsenz allerdings kann süchtig machen, und insofern liegt dem ganzen Unterfangen von "Fahrenheit 9/11" ein großes Mißverständnis zugrunde: Wer den Film gesehen hat und ihn mochte, der will viel mehr George W. Bush sehen.
Wer hätte sich 1998 freiwillig hundert Minuten über Helmut Kohl ansehen wollen? Auch George Bush senior war 1992 kein Publikumsmagnet mehr: selbst als er sich während eines Staatsbanketts auf den japanischen Premierminister erbrach - was ja diplomatiegeschichtlich ein Highlight war -, wollte es niemand sehen. Jetzt will man sehen, wie der Sohn auf seiner trostlosen Ranch, so groß wie das Saarland, herumfährt, will seinen Gang bestaunen und auf dem Heimweg nachmachen und darüber diskutieren, ob er sich sein gruseliges Schmunzeln wirklich von Beavis und Butthead abgeguckt hat.
Michael Moore hat in Bush seinen idealen künstlerischen Partner gefunden: keiner seiner Solofilme war annähernd so erfolgreich. Und ihr Verhältnis funktioniert auch umgekehrt: Niemand auf der Welt nimmt George W. Bush so ernst, wie Michael Moore es tut. Nur er hat die Filmaufnahmen vom 11. September zu würdigen gewußt, an denen zu sehen ist, wie Bush in Florida in einem Kindergarten herumsitzt und mit den Lippen den Text eines Kinderbuchs nachspricht, während in New York und Washington die Flugzeuge einschlagen. Sie bilden den bewegendsten Moment des Films, und je öfter man hinterher an diese Bilder denkt, desto mehr stellt sich, überraschend und unbegründet, Mitleid ein. Das ist gut für Bush, gut für Michael Moore und schlecht für uns.