27.11.2007 · Fünf Stunden lang haben die Fernsehredakteure jede seiner Antworten so lange umformuliert, bis sie auch für Laien verständlich war. Und bis all die Souveränität, mit der Niklas Luhmanns Theorie die Geisteswissenschaften erschütterte, völlig zusammenbricht.
Es dauert etwas, bis man merkt, dass es sich doch nicht um einen weißen Kittel handelt, den Luhmann trägt, wie er da so hinter seinem Schreibtisch sitzt, was vor allem daran liegt, dass die Arbeitskleidung des Naturwissenschaftlers ein ganz plausibles Outfit wäre für den Systemtheoretiker. Für Luhmann war die Gesellschaft immer eher ein Labor, und dass er mit der Empirie möglichst wenig zu tun haben wollte, das sieht man auch auf diesen Aufnahmen aus der WDR-Reihe „Philosophie heute“.
Schon 1973 verursachten sie den gleichen Kulturschock, den wir heute beim Hervorgoogeln des Materials erleben, weil die Gedanken plötzlich ein Gesicht bekommen und die Autoren eine Gestalt, die stilistisch nicht immer mithalten kann mit der Eleganz ihrer Thesen. Bei den Aufzeichnungen der Sendung, berichtete der Redakteur Ulrich Boehm später, hatte sich herausgestellt: „Luhmann spricht genau so, wie er schreibt. Also völlig unverständlich.“ Fünf Stunden lang habe er daher mit ihm jede einzelne Antwort so lange umformuliert, bis sie auch für Laien verständlich war, und alles auf einen Zettel geschrieben.
Womöglich war das alles in einem rhetorischen Sinne gut gemeint. Jetzt aber sitzt da ein eingeschüchtertes kleines Männlein und liest seine fürs Fernsehen redigierten Gedanken von Zetteln ab, und all die Souveränität, mit der seine Theorie die Geisteswissenschaften erschütterte, bricht völlig zusammen. Ihre Grundaussage dagegen könnte klarer nicht vermittelt werden: Dass es sich bei Wissenschaft und Medien um zwei völlig unterschiedliche Systeme handelt, braucht man hier niemandem mehr zu erklären.
Video: Niklas Luhmann auf youtube.com