20.11.2003 · Die niederländische Königsfamilie ist - nicht ohne eigenes Zutun - zur Zielscheibe des Spotts ihrer Landsleute geworden. Premierminister Balkenende geißelt die Satiren scharf - und tritt damit selbst ins Fettnäpfchen.
Von Dirk Schümer, VenedigWenn ein Regierungschef von Amts wegen heftig gegen Satire in Fernsehen und Theater wettert, dann steht er doppelt auf glattem Parkett. Zum einen reizt ein solcher Auftritt die Profis zu neuer Verhohnepipelung des Politikers, zum anderen mischt er sich, verfassungsrechtlich bedenklich, in die Belange der Justiz. Denn nur ihr obliegt es, die Freiheit der Kunst in ihre gesetzlichen Schranken zu weisen. Genau in diese Falle ist nun Jan Peter Balkenende, Premierminister der Niederlande, getappt, als er zum Wochenende in einer regierungsamtlichen Pressekonferenz eine vermeintliche Inflation von Satiren auf das Königshaus geißelte. Prompt verdarb es sich der Christdemokrat mit gleich beiden, seinen links- wie rechtsliberalen Koalitionspartnern: Balkenende spreche nicht im Namen der Regierung, zudem sei die Satire kein Thema für die Politiker.
Härter hätte der Mann nicht vor die Wand laufen können, dessen konfirmandenhaftes, eckiges Klassenbesten-Betragen längst selbst zur Zielscheibe des Spotts geworden ist. So war ein köstliches Imitat von Balkenende mit Nickelbrille, Topffrisur und pastoralem Himmelsblick neben einer Kapotthut-Königin in dem von ihm inkriminierten Programm "Kopspijkers" - etwa: dem Nagel auf den Kopf - aufgetreten. Der Premier selbst behauptet, es gehe ihm nicht um sich selbst, sondern um die Würde der königlichen Familie, die er kurzerhand mit der Würde des Königreichs der Niederlande gleichsetzte.
Skandal um den Königinnensohn
In der Tat aber scheint die Aufregung, die sein Justizminister und Parteifreund Donner in einem harschen Interview noch übertraf, sich gegen die Boten, nicht aber gegen die Verursacher übler Nachrichten zu richten. Denn derzeit ist es - wie in anderen Ländern auch - vor allem das niederländische Königshaus selbst, das für Nachrichten über die Oranje-Sippschaft sorgt. Nicht lange nach der Affäre um die Klage, die Königin Beatrix' Nichte Margarita wegen zweifelhafter Überwachungspraktiken rund um ihren Ehemann gegen die politisch Verantwortlichen anstrengte, kam es vor vier Wochen zum Skandal um den zweiten Sohn der Königin, Prinz Friso.
Dieser war so lange ehelos geblieben, daß er schließlich vom Reichspressedienst seine Heterosexualität glaubte beteuern lassen zu müssen. Dann hatte das Parlament sein Ehegesuch mit der blonden Mabel Witte Smit zu überprüfen. Ihre Einlassungen, vor mehr als zehn Jahren eine Segelfreundschaft mit einem kriminellen Drogenbaron gehabt zu haben, erwiesen sich - wie Journalisten herausfanden - als arg untertrieben. Niemand anderer als Balkenende erschien vor der Presse, schimpfte über "Lügen, gegen die kein Kraut gewachsen ist", und verweigerte dem Paar die parlamentarische Anerkennung. Friso wurde damit von der Thronfolge ausgeschlossen.
Calvinistischer Sittenrichter
Diese Affäre zog in den Niederlanden weite Kreise, weil sie die Frage nach einem zeitgemäßen Umgang mit Privatangelegenheiten des Königshauses ins grelle Licht zog. Frauenrechtlerinnen geißelten die Doppelmoral des Premiers, der hier wie ein calvinistischer Sittenrichter über das Vorleben einer selbstbewußten jungen Frau urteile. In der Tat zeigte man sich bei Maxima, der Tochter eines Politikers der argentinischen Verbrecherjunta um Videla, gnädiger, als sie den Thronfolger in persona heiratete. Und auch auf der Seite des Bräutigams wird die Integrität der Oranjefamilie offenbar nicht dadurch belastet, daß Opa Bernhard einst seine niederländische Gemahlin in nationalsozialistischer Parteitracht heiratete und später höchst unangenehm in den Lockheed-Bestechungsskandal verwickelt war.
Gerade solche moralischen Nackenschläge ließen in der "Mabelgate"-Affäre selbst milde Kommentatoren die Königin als "Chefin einer ganz normalen holländischen Familie" schildern - mit schwarzen Schafen, Streit, Prozessen, schlüpfrigen Vorgeschichten und Leichen im Keller. Ins selbe Horn stößt nun das Theaterstück "Landgenoten, Beatrix spreekt" (Landsleute, Beatrix spricht), in dem die Königin mit einem resignierten Monolog über ihr merkwürdiges Amt vors Publikum tritt: "Eine Republik wäre wirklich intelligenter, demokratischer und erwachsener." Vor sieben Jahren hatte dieselbe Theatergruppe sich noch mit einer deftigen Komödie über eine damalige Freundin von Thronfolger Willem Alexander lustig gemacht, inzwischen ist der Ton alarmierter und nüchterner zugleich.
Lächerliches Puppenspiel
Die mediale "Verluderung", die Justizminister Donner jetzt im alttestamentarischen Stil seines amerikanischen Kollegen Ashcroft beklagt, scheint also zuallererst von der so zerstrittenen und in ihrem Umgang nicht gerade wählerischen Familie Oranien auszugehen. Welcher vernünftige Mensch, so fragte man sich in den niederländischen Medien durchweg, kann eine lächerliche Puppenspielkönigin oder eine aufgedonnerte Schauspielerin, die fast an Hape Kerkelings berühmten Kaffeebesuch bei Weizsäckers erinnert, mit der echten Beatrix verwechseln? Außerdem wird auf die blühende Tradition von Herrschersatiren gerade in den liberalen Niederlanden hingewiesen, in denen Künstler seit Jahrhunderten sexuelle Ausschweifungen - Mätressen, Orgien - von Oranje-Herrschern aufs Korn nahmen.
Die Königin, so Sittenrichter Balkenendes Hauptargument, könne sich, weil sie keine Person bürgerlichen Rechts sei, nicht persönlich verteidigen. Sie steht nach dem Buchstaben der Verfassung über den politischen Querelen, keine Nachricht aus ihrem Umgang darf von anderen publik gemacht noch von ihr dementiert werden, sie verkörpert ein Amt in einem delikat rechtsfreien Raum. Darum steht in den Niederlanden auf Majestätsbeleidigung immer noch fünf Jahre Höchststrafe, wohingegen man bei der Beleidigung einer Bevölkerungsgruppe mit nur einem Jahr davonkommt. Es ist wohl gerade diese an die Aura mittelalterlicher Herrscher gemahnende Immunität, welche die Institution Königshaus immer schwerer kompatibel macht mit einer lebendigen Kommunikationsgesellschaft. Gerade solche vordemokratischen Auswüchse - namentlich die Ernennung sämtlicher Bürgermeister des Landes durch die Königin - zu beseitigen, hat sich die derzeitige Regierung ins Programm geschrieben.
Nicht nur mit seiner Koalition, auch mit den Medien scheint es sich Balkenende bei seiner Philippika nun aber gründlich verscherzt zu haben. Der unbeholfen wirkende, unauffällige und dadurch gerne unterschätzte Durchschnittsdemokrat aus der provinziell-frommen Provinz Zeeland hat offenbar die Lust seiner Landsleute am Spott gründlich unter- und ihre religiöse Verehrung für das Herrscherhaus gelinde überschätzt. "Die Freiheit, Witze zu machen über Macht, Sex, Liebe und Lügen", schrieb der Kolumnist Paul Steenhuis im liberalen "NRC-Handelsblad", "ist unendlich viel mehr wert als das Wohlbefinden einer Handvoll Privilegierter."