09.11.2004 · Der politische Mord an Theo van Gogh hat die offene Gesellschaft der Niederlande schockiert. Die dort lebenden Muslime werden lernen müssen, sich selbst mit Worten und nicht mit Terror zu verteidigen.
Von Paul SchefferFrüher einmal war Amsterdam die Verkörperung der niederländischen Toleranz: die stolze Hauptstadt eines Landes, das sich selbst als ein Symbol der Offenheit betrachtete. Und vor noch nicht allzu langer Zeit hielt man Amsterdam für eine glückliche Ausnahme: Hier war es noch anders als im Rest des Landes, hier hatte das mißtrauische Volk noch keine Revolte ausgerufen. Und nun liegt da ein Leichnam mit einem Schlachtermesser unter einem weißen Laken auf der Straße, und alle wissen, daß wir uns selbst zum Narren gehalten haben.
Nach der Ermordung Pim Fortuyns sind die Niederlande erneut Schauplatz eines politisch motivierten Attentats geworden. Es ist schwierig, die Gedanken zu ordnen, das alles zu verdauen. Auch der Mord an Theo van Gogh stellt eine traumatische Erfahrung dar, die viele in der Überzeugung bestärken wird, daß in unserem Land etwas gründlich schiefgegangen ist. Dieser erneute Akt des Terrors bringt alles aus dem Lot, nagt an unserem Selbstvertrauen und läßt immer weniger von dem Bild übrig, das wir von uns selbst hatten, vom Bild einer spannungsfreien und toleranten Gesellschaft.
Haß und Angst auf beiden Seiten
Begriffe wie Vielfalt, Respekt und Dialog verblassen vor dem dunklen Hintergrund dieses Ritualmords. In seiner Rede vor dem Amsterdamer Stadtrat sprach Bürgermeister Job Cohen mit düsteren Worten von "Haß und Angst zwischen den Bevölkerungsgruppen unserer Stadt". Er sagte weiter: "Ja, ich möchte es einmal verallgemeinern und aussprechen, was viele in dieser Stadt denken und fühlen. Es gibt Haß und Angst auf beiden Seiten, hüben wie drüben. Und wenn Sie glauben, nur ,die Niederländer' fürchteten sich, dann kann ich Ihnen versichern, daß dem nicht so ist."
Mir war schon deutlich, was Cohen damit sagen wollte, aber ich fühlte mich trotzdem nicht angesprochen. Ich hasse keine Bevölkerungsgruppen, und ich möchte auch nicht, daß die freie Debatte über die intoleranten Seiten des Islam mit "Angst" verwechselt wird. Hier spricht das Stadtoberhaupt, das beruhigend wirken will, das sich ein wenig vor seinen Bürgern fürchtet. Aber Fragen öffentlich zu stellen ist nun mal eine Voraussetzung dafür, daß ein toleranter Umgang möglich ist.
Gelassenheit und Ohnmacht
Mit seiner Charakterisierung des Klimas in der Stadt fächert Cohen die Bedrohung durch Muslimextremisten so weit auf, daß sie undeutlich wird. Außerdem bin ich nicht sicher, daß die Beschreibung der Atmosphäre in der Stadt stimmt. Was besonders auffällt, ist die relativ ruhige Reaktion der Menschen in Amsterdam. Vorerst herrscht eher Gelassenheit und Ohnmacht als Haß und Angst. Dieselbe Reaktion konnte man auch in New York und Madrid nach den Terroranschlägen beobachten. Auch diese Verbrechen zogen keine gewalttätigen Aktionen gegen die muslimische Bevölkerung nach sich. Dem Unbehagen der Muslime, die sagen: "Wir sind nun zur Zielscheibe geworden", müssen wir eine nüchterne Beobachtung entgegenhalten: Ein radikaler Muslimaktivist hat einen Kritiker des Islam umgebracht.
Natürlich gibt es keine kollektive Schuld der Muslime; wohl aber eine besondere Verantwortung. Seit dem Tag, an dem Theo van Gogh ermordet wurde, können die Muslime sich dieser Verantwortung nicht mehr entziehen. In dieser Tragödie steckt auch eine dezidierte Einladung, als Bürger zu sagen: "Dieses Land ist jetzt auch unser Land." Viele wollen das auch, verhalten sich jedoch zu abwartend. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem das ewige Zweifeln zwischen dem Herkunftsland und dem Einwanderungsland Schiffbruch erleidet. Oft ist von doppelten Loyalitäten die Rede, in Wirklichkeit aber gibt es nur halbe oder gar keine Loyalität. Nur allzuoft denken die Menschen: Ich will von den Rechten mehrerer Gesellschaften profitieren, fühle mich aber keinem Land wirklich verpflichtet; ich gehöre überall dazu und damit eigentlich nirgends hin. Freiheit aber kann man nicht ohne ein Gefühl von Verpflichtung leben.
Große Uneinigkeit unter der Muslimen
Es gibt nur wenige Gruppen, die einer Gemeinschaft so wenig ähnlich sind wie die eine Million Muslime in den Niederlanden: Unter ihnen besteht große Uneinigkeit, und es gibt viele Subkulturen. Was wir als die muslimische Gemeinschaft bezeichnen, ist in Wirklichkeit die Summe von zerstrittenen ethnischen Gruppen, von miteinander im Konflikt stehenden Generationen und Glaubensrichtungen, die einander äußerst unverträglich gegenüberstehen. Es gibt also überhaupt keine muslimische Gemeinschaft, und die politisch Verantwortlichen sollten nicht zu intensiv versuchen, diese Fiktion durch Gespräche, die nur Fassade sind, aufrechtzuerhalten.
Es muß viel mehr diskutiert werden, gerade auch von den Muslimen, die hier leben. Ihr Schweigen hat in hohem Maße zur Bildung von Vorurteilen beigetragen. Denn wie sollten Außenstehende zwischen liberalen, konservativen und fundamentalistischen Muslimen unterscheiden können, wenn niemand bereit ist, sich von der Gewalt zu distanzieren, die Tag für Tag an vielen Orten der Welt - und jetzt auch bei uns - im Namen des Islam begangen wird? Es gibt kein Ausweichen mehr: Die Anschläge von New York, Madrid und Beslan - und jetzt auch der Mord in Amsterdam - sind für immer ein Teil der Geschichte des Islam geworden.
Der weltweite Konflikt auf unseren Straßen
Lange haben wir gedacht, solche Gewalt würde an den Niederlanden vorübergehen. Aus dieser Vermutung spricht der mentale Isolationismus eines Landes, dessen Neutralität eine lange Tradition hat. In den letzten Tagen hat sich gezeigt, daß der weltweite Konflikt mit dem politischen Islam auch in unsere Straßen eingekehrt ist. Aber wie groß ist die Bedrohung? Es gibt kaum Untersuchungen darüber, wie groß diese radikale Strömung überhaupt ist. Die meisten Schätzungen sprechen von drei bis fünf Prozent der muslimischen Bevölkerung, die unter Umständen gewaltbereit wären.
Das ist wenig und zugleich viel. Wenig, weil folglich die übergroße Mehrheit friedlich hier leben möchte. Viel zuviel, weil Hunderte von potentiellen Terroristen in einem Umfeld von Zehntausenden von Sympathisanten die Gesellschaft vor ein drängendes Problem stellen. In mancherlei Hinsicht erinnert das Ganze an die Baader-Meinhof-Gruppe. Es bedarf nur einiger weniger, die bereit sind, die Grenze zur Gewalt zu überschreiten, um ein ganzes Land aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Eine machtlose Geste
Olivier Roy stellt in seinem Buch über die Globalisierung des Islam einen Vergleich mit dem Terrorismus der extremen Linken an: "Der große Unterschied besteht darin, daß der islamistische Radikalismus eine potentielle soziale Basis hat, die den Marxisten fehlte: die entwurzelte muslimische Bevölkerung." Die Gefahr ist sehr real, aber dennoch ist er davon überzeugt, daß unsere Gesellschaft von diesem Terror nicht dauerhaft zersetzt werden wird. Die Gewalt der Muslimfundamentalisten ist letztlich eine abscheuliche, aber machtlose Geste. Die Vitalität des Rechtsstaats - einer der wichtigsten Gründe dafür, warum so viele Immigranten zu uns kommen - ist zu groß, als daß sie durch eine fanatische Minderheit zerstört werden könnte.
Ob sich politische Gewalt lohnt, hängt sehr von den Reaktionen darauf ab. Die Ermordung Theo van Goghs kann zu einem Wendepunkt werden, einer Wendung zum Guten. Wir müssen mit aller Kraft versuchen, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Gemeinschaften erwachsen aus gemeinsamen Erfahrungen, aus einem gemeinsamen Schicksal wie diesem bestürzenden Mord am hellichten Tage. Wir dürfen unser Land nicht so aus der Hand geben, wie wir bereits jetzt manche Stadtviertel verloren haben, die sich in der Hand von Gewalttätern befinden. Dies erfordert größere Anstrengungen, als viele gedacht haben.
Immer mehr Ghettos?
Es gibt nämlich keine Garantie dafür, daß der gesellschaftliche Friede jetzt, wo so viele verschiedene Menschen auf einem so kleinen Gebiet zusammenleben, dauerhaft gesichert werden kann. Es ist ebensogut möglich, daß wir uns weiter zu einer in ethnische Gruppen aufgespaltenen Gesellschaft entwickeln, daß in den Städten immer mehr Ghettos entstehen, die von islamischer Gegenkultur dominiert werden. Die Segregation nimmt in den großen Städten vorläufig weiter zu, und dies ist eine sehr schlechte Nachricht.
Darum funktionieren die Beschwörungen von Vielfalt und Dialog, Respekt und Anständigkeit nicht mehr. Toleranz kann nur innerhalb klar definierter Grenzen existieren: Ohne gemeinsame Rechtsnormen können wir nicht auf produktive Weise unterschiedlicher Meinung sein. In Anbetracht des Extremismus darf man nicht nachgeben, nicht vor dem kleinen Terror auf der Straße und dem großen politischen Terror zurückweichen, nicht länger an einer Kultur des Duldens festhalten, die sich als Synonym für das Recht des Stärkeren erwiesen hat. Die selbsterklärte Ohnmacht der Politik, die sich außerstande sieht, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, bedroht die Toleranz am stärksten.
Rechte und Verpflichtungen
Niemand wünscht sich einen Polizeistaat. Im Gegenteil: Alle wünschen, daß das Recht auf freie Meinungsäußerung - und damit auch das Recht auf freie Religionsausübung - erhalten bleibt. Es gibt nur eine Grundregel, und die haben wir in unserem Land systematisch vernachlässigt. Wer das Recht auf freie Religionsausübung in Anspruch nehmen will, der muß die Verpflichtung akzeptieren, diese Freiheit auch für andere zu verteidigen, egal ob das nun Andersgläubige, Häretiker oder Ungläubige sind. Wenn die Moschee ein Ort ist, an dem Haß gegen alles und jeden gepredigt wird, der nicht dem Islam angehört, dann gerät dieses Recht auf freie Meinungsäußerung in Gefahr.
Dem steht gegenüber, daß Kritik an Religion nie mit der Trennung von Staat und Kirche verwechselt werden darf. Jeder hat das Recht, Religion an und für sich als ein ungerechtes und autoritäres System, das Menschen unterdrückt, abzulehnen. Aber der prinzipielle Konflikt zwischen Atheismus und Gläubigkeit ist etwas vollkommen anderes als die Diskussion über die Stellung, die Religion in unserer Gesellschaft einnimmt. Die Trennung zwischen Staat und Kirche bedeutet ja gerade, daß man dem Glauben dauerhaft Raum gewähren möchte. Die Debatte über den Islam kann nur dann zu einem akzeptablen Ergebnis führen, wenn sie im Recht auf freie Religionsausübung verankert ist.
Eine tiefgehende Reform ist nötig
Eine Gesellschaft, die sich selbst nicht zu einem religiösen Pluralismus verpflichtet, der auch den Islam mit einschließt, wird die Muslime immer von sich entfremden. Die Muslime ihrerseits aber müssen sich von einem Islam als zwingend vorgeschriebenem Rechtssystem, von einem Islam als Mehrheitsreligion distanzieren. Was wir in Europa erleben, ist einmalig in der Geschichte des Islam: Niemals zuvor haben sich so viele Moslems als Minderheit dauerhaft in einem säkularen Staat niedergelassen. Das erfordert die tiefgehende Reform einer Religion, die Zwang auferlegen will und den öffentlichen Raum okkupiert, zu einer Religion, die sich an das individuelle Gewissen des einzelnen Gläubigen richtet.
Das wäre eine Religion, die sich selbst mit Worten und nicht mit Terror verteidigt. Heilige Bücher stehen nicht über oder außerhalb der Demokratie, sondern müssen Gegenstand der Kritik, des Spotts und der Interpretation sein können. Egal, welchen Hintergrund sie haben, Muslime müssen lernen, damit zu leben.