20.02.2012 · Von Startänzern und Starchereographen: Das Het Nationale Ballet begeht seinen fünfzigsten Geburtstag mit neun Uraufführungen, in denen Hans von Manen mit festen Strukturen Balletgeschichte schreibt.
Von Wiebke HuesterSternstunden gehen Wochen weltabgeschiedener Arbeit voraus. In Amsterdam probte jetzt Igone de Jongh „Variations for Two Couples“ mit Hans van Manen, und Anna Tsygankova probte „Souvenir d’un lieu cher“ mit Alexej Ratmansky. Unglaubliches ist so entstanden für das „Festival nieuwe werken“ - ein Eintrag in die Tanzgeschichte. Trocken betrachtet, beging das Niederländische Nationalballett aber bloß mit einem logistischen Geniestreich seinen fünfzigsten Geburtstag an zwei aufeinander folgenden Abenden: mit, sage und schreibe, neun Uraufführungen von einigen der berühmtesten Choreographen unserer Zeit.
Mitten unter ihnen Hans van Manen, Mastermind der Moderne, bald achtzig Jahre alt und tief bewundert für jedes neue Meisterwerk, und Alexej Ratmansky, Ex-Bolschoi-Ballettchef und der gerade weltweit am meisten gefragte Choreograph neben dem Briten Christopher Wheeldon, der zuletzt das Angebot ausschlug, Direktor des Londoner Royal Ballet zu werden (“bin zu jung“) und hier ein Duett präsentierte.
Kein Blick in die Ballettsäle hätte verraten, dass in Amsterdam Tanzgeschichte geschrieben wurde: An Männern in gewöhnlichen Kleidern und Lederschuhen - energischen Männern, die so auch in Büros gehen könnten -, wie sie angedeutete Schritte tanzen vor anderen Männern in Trainingshosen und schmalen, ungeschminkten Frauen, ist ja schließlich nichts Besonderes. Oh, doch. Was so viele Zuschauer anziehen würde wie das Kino, wenn die Schönheit des gegenwärtigen Balletts bekannt wäre, bleibt vorläufig innerhalb der Mauern von Het Muziektheater und wird dort von etwa achttausend Zuschauern gesehen werden in dieser Spielzeit. Achttausend Menschen nur, die erfahren, was es bei den besten Choreographen heißt, eine abstrakte, formale, brillante Bewegungssprache einzusetzen, Kostüme, Bühnenbild, Musik mit ihr zu einem unvergesslichen synästhetischen Eindruck zusammenzufügen. So, dass das Leben kurz anhält.
Was draußen war, ist nicht mehr wichtig. Van Manen erzählt eine Geschichte, Ratmansky eine andere; jeder von zwei Männern und zwei Frauen, die tanzen, die sich nicht aus den Augen lassen, die man kaum gehen lassen möchte am Schluss. Unsere Geschichte, die eine wie die andere, unser Leben, nicht „Dornröschen“: Het Nationale Ballet hat drei Millionen Klicks auf Youtube.
Eigentlich suchte Hans van Manen nach Klaviermusik für sein neues Stück. Die Besetzung der „Variations for Two Couples“ stand schon lange fest: Muse Igone de Jongh mit dem geheimnisvollen Josef Varga und Anna Tsygankova, das russische Ausnahmetemperament, mit Matthew Golding. Die Letzteren hoben die Ballettwelt schon als Protagonisten von Ratmanskys „Don Quichote“ aus den Angeln. Van Manen fand nichts für Klavier und wich schließlich auf sein zweitliebstes Instrument aus, die Violine. Weit davon entfernt, einen Wettstreit der Virtuosen entfachen zu wollen, zeigt „Variationen für zwei Paare“ in zwölf Minuten, wie verschieden und wie gleichermaßen himmlisch man van Manen tanzen kann.
Dachte irgendjemand, Neoklassik sei Neoklassik, eine Arabeske eine Arabeske? Der sah sich belehrt. Das Stück lässt die Paare einander abwechseln: Zu Musik 1, Britten, tanzen de Jongh und Varga; zu Musik 2, von Einojuhani Rautavaara, Tsygankova und Golding, zu Musik von Stefan Kovacs Tickmayer, Nummer 3, tanzt wieder Paar Nummer 1, im Schlussteil zu Piazzolla tanzen alle vier. Genau zeigt ihr Tanz, wie ein Paar die Gegenwart des anderen spürt, achtet, bewundert, fast wie eine Anteilnahme am Leben der anderen. Man verehrt, was man selbst nicht sein kann, möchte aber nicht tauschen.
Ist bei van Manen alles Reduktion, pure in die Musik gemeißelte Linie wie eine Plastik in den Marmor, kommt bei Ratmansky eine sehnsuchtsvolle Spannung ins Spiel der Paare, ein Suchen und Finden, ein brüskes Abwenden, ein Erinnern und Verwechseln. Atmosphärisch verführt durch Tschaikowskys „Souvenir d’un lieu cher“ - Erinnerung an einen geliebten Ort - lässt Ratmansky sein reiches Schrittmaterial mit der Musik spielen, ohne je den existentiellen Ernst des Ganzen aus dem Auge zu verlieren: frei, aber nirgends frivol. Es sind keine billigen Sentiments, die hier berühren, vielmehr ist der Tanz ein ästhetisches Gewebe, das erst den Sinnen schmeichelt, dann aber durch feste Strukturen funktionell begeistert.
Anstatt sich auf vorgeschriebene Formen etwa des Pas de deux zurückziehen zu können, treffen Choreographen heute jede ästhetische Entscheidung innerhalb einer idiosynkratischen Logik. Wie verständlich, wie brillant diese innere Folgerichtigkeit eines Werkes ist, entscheidet über sein Gelingen. Christopher Wheeldons Stil etwa gründet auf Brüchen und Unterbrechungen, doch sein Ravel-Duett macht das so aufdringlich, dass man gar nicht erst hineinfindet in das Stück.
Die anderen Choreographien der Abende waren allesamt Gruppenwerke. „Rai“ von Het-Direktor Ted Brandsen war bunt und unterhaltsam; das mystische-vernebelte „day4“ von David Dawson rief „Geheimnis!“, wo keines war; das indifferente „The Nature of Difference“ von Ton Simons ließ kalt trotz vieler Bewegung; Paul Lightfoots und Sol Leons „Short Time Together“ war erst zu launig, dann unverständlich traurig für alle, die den Anlass des Stücks nicht kannten; Krzysztof Pastor machte gar kein schlechtes Beziehungs-Hintereinander zu Lutoslawskis wundervoller vierter Symphonie, aber vor „Consequence“ von Juanjo Arques zu kunsthandwerklich, um zu beeindrucken. Doch nichts blieb an diesen Abenden unter jenem Standard, den man von Weltcompagnien erwarten darf, und tänzerisch lässt Het Nationale gar keine Wünsche übrig.
Zwei Ideen aber diesseits des Tanzes machten das Programm erst zu diesem Ereignis. Erstens ließ Ted Brandsen alle Bühnen- und Kostümbilder von van Manens Ausstatter, dem Maler Keso Dekker, entweder selbst gestalten oder überwachen. Alle waren eigenständige Kunstwerke: Wheeldons Pas de deux zeigte als Rückwand einen Küstenausschnitt mit Fabrik aus Monets „Impression“ (Le Havre, nicht St. Tropez!), mit Kostümen in blassem Gold und mattem Bordeaux, van Manens Tänzer trugen Trikots in den dunkelsten Nachtblau- und Petroltönen.
Ratmansky Frauen tanzten in schwarzem Samt und seegrünschimmernden Röcken vor einem flirrenden Detail aus einem Gemälde Gerhard Richters. Zweitens wurde alle Tänze in dieser unglaublichen musikalischen Spanne von Beethoven bis zu Lutoslawski live von der Holland Symfonia unter der vitalen Leitung von Matthew Rowe begleitet. So präsentiert, ist das Ballett auf der Höhe unserer Zeit.