18.08.2002 · Dieter Wedel hat das 800 Jahre alte Epos um Liebe, Krieg, Intrige und Rache am Originalschauplatz in Worms als Krimi inszeniert. Ein voller Erfolg.
Die Premiere der Wormser Nibelungenfestspiele mit Mario Adorf, Maria Schrader und Regisseur Dieter Wedel ist zum Triumph geworden. Die 2000 Zuschauer waren am Samstagabend von der über dreistündigen Aufführung vor dem Wormser Dom begeistert. Am Schluss gab es um 0.30 Uhr unter sternenklarem Himmel mehr als zehn Minuten Applaus und Bravorufe.
Wedel hat das 800 Jahre alte Epos um Liebe, Krieg, Intrige und Rache am Originalschauplatz in Worms als modernen Krimi inszeniert. Der preisgekrönte Autor Moritz Rinke schrieb die mittelhochdeutsche Sage völlig neu, ohne aber den Inhalt stark zu verändern. Nichts erinnert mehr an die völkische Propaganda der Nazis, die das Drama um den blonden, blauäugigen Helden Siegfried für sich vereinnahmt hatte und die „Nibelungentreue“ zum Vorbild erhob.
Amoklauf einer verletzten Witwe
Mit einem Schuss Ironie, aber auch mit Brutalität wird die Geschichte der Nibelungen erzählt, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Kriemhild (Maria Schrader) träumt mit ihrem Bruder Giselher (André Eisermann) von einem besseren Staat. Als Drachentöter Siegfried (Götz Schubert) die Nibelungen vor fremden Heeren rettet, bekommt er Kriemhild zur Frau. Er hilft auch König Gunther (Wolfgang Pregler), die isländische Königin Brünhild (Judith Rosmair) zu unterwerfen. Nachdem Hagen (Mario Adorf) Siegfried tötet und den Nibelungenschatz im Rhein versenkt, beginnt der Amoklauf von Kriemhild, der schließlich im Untergang der Nibelungen endet.
„Es ist für uns heute schwer zu begreifen, dass die Nazis das Stück missbraucht haben“, sagt Wedel. Mehrfach wird nun in dem Stück darauf verwiesen, dass Held Siegfried Holländer ist - und kein Deutscher. Autor Rinke schrieb bewusst keinen Gegenentwurf zu den Nazis. „Ich finde es viel radikaler, die Nazis links liegen zu lassen, und sie auch einfach mal zu korrigieren, weil sie schlecht gelesen haben.“ Wie ein Archäologe habe er die Sage freigelegt. Für Festspiel-Intendant Klaus Naseband ist es die „erste wesentliche literarische Fassung seit der Bearbeitung von Friedrich Hebbel 1862“.
Nibelungenkrieger im Militär-Jeep
Wedel gelingt es perfekt, die natürliche Kulisse mit dem Dom und drei riesigen Ahornbäumen ohne viel Requisiten als Bühne aufzubereiten. Ständig wechselt das Bild zwischen Mittelalter und Moderne: Krieger kämpfen mit Schwert und Pistole, Ritter in Eisenrüstungen fahren mit einem Mercedes-Cabrio zu König Etzel, vom Sieg gegen die Sachsen kehren sie mit einem Militärjeep zurück.
Bei den Gags hat Wedel das Publikum auf seiner Seite: Der Bote ist auf einem Fahrrad unterwegs - mal mit Eis überzogen, wenn er aus Island kommt, mal mit Blumen im Körbchen, wenn er in Holland war. Brünhild kommt auf einem Pferd aus Eis, das Abschmelzen unterstreicht ihren Machtverlust. Der Schluss fällt mit Feuerfontänen, ohrenbetäubenden Schüssen und Kriegsbildern auf den Videoleinwänden bombastisch aus. Die Figur der Kriemhild ist als Terroristin angelegt. „Als ich das erste Mal das Stück gelesen habe, dachte ich bei Kriemhild sofort an Ulrike Meinhof. Wir wissen ja inzwischen, dass Terroristinnen genau so aussehen wie alle anderen Mädchen“, sagt Wedel.
Defizit trotz Erfolg
Hagen ist nicht der pure Bösewicht, sondern wird als Staatsmann skizziert, der schwierige Entscheidungen fällen muss. Die schauspielerische Leistung insbesondere von Schrader, Schubert und Eisermann ist beeindruckend. Ob die Festspiele 2003 fortgesetzt werden, steht in den Sternen. Zwar haben prominente Premierengäste wie Thomas Gottschalk Worms ein wenig Glamour verliehen. Doch obwohl die zwölf Vorstellungen seit Monaten ausverkauft sind, bleiben 700.000 Euro Schulden übrig. Wegen Dauerregens kamen die Proben ins Stocken, die Technik war schlecht. Das gesamte Projekt stand sogar auf der Kippe. „Wir waren noch nicht ganz fertig“, sagt Adorf, und Wedel erzählt: „Es gab unglaubliche organisatorische Schwierigkeiten. Erst als ich gesagt habe, ich reise ab, da ist das ZDF eingesprungen und hat geholfen.“