30.01.2012 · Newt Gingrich, möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner, will eine Mondkolonie und schreibt wilde Romane. Was verbirgt sich hinter seinen Utopien?
Von Dietmar DathEine Kolonie auf dem Mond, meint der Mann das ernst? Hört man derlei sonst nicht von abgedrehten Fortschrittsfanatikern, während dieser Newt Gingrich, immerhin in den derzeit stattfindenden Vorwahlen als möglicher republikanischer Anwärter auf die Kandidatur zum Präsidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika gehandelt, doch eigentlich Konservativer ist, also das Gegenteil eines Utopisten?
Wer Gingrich verstehen will, muss ihn als Produkt einer ganzen Reihe solcher Widersprüche auffassen. Einerseits hält er jede staatliche Intervention ins ökonomische Leben für grundverkehrt und sehr gefährlich. Andererseits repräsentiert er seit vielen Jahren Sponsoren, die über staatliche Rüstungsaufträge fast vollständig von öffentlicher Finanzierung und grobem Protektionismus abhängen (Noam Chomsky, einmal mehr wenig vornehm, verspottet ihn dafür als eifrigen Marktverzerrer und „biggest welfare freak in the country“). Einerseits gilt Gingrich als Pragmatiker, dessen Instinkt für Kompromisse ihm parteienübergreifende parlamentarische Erfolge beschert hat. Andererseits wieder zeichnet er als Verfasser wild spekulativer Science-Fiction-Romane (im Untergenre Alternate History) verantwortlich, die jedenfalls nicht von Pragmatismus und Realitätssinn zehren, sondern vom Gegenteil - Hitler hat darin beispielsweise seine europäischen Feldzüge gewonnen, oder die Sklavenhalterrebellion des amerikanischen Südens war erfolgreich, oder der Angriff auf Pearl Harbor fand unter völlig anderen Umständen als den bekannten statt.
Diese Bücher, die entweder sehr sachliche („Gettysburg“, „Pearl Harbor“, „1945“) oder wuchtig deklamatorische Titel tragen („Days of Infamy“), bilden auf ihren Seiten Landkarten und Gürtelschnallen ab, enthalten Fotos erschossener Menschen und stolzer Schiffe aus der Realhistorie, aber ihr Verhältnis zur Wirklichkeit, zu Raum und Zeit ist ein okkasionalistisches, dezisionistisches - es kann immer auch anders kommen, als wir bis eben wussten: „Die Schlacht“, heißt es im Roman „Gettysburg“ einmal, „befand sich in der empfindlichsten Balance. Ein Offizier in Panik, ein Flaggenträger, der stürzt, vielleicht ein einzelner Mann, der sich umdrehte und schrie, alles sei verloren, mochten auf beiden Seiten eine Stampede auslösen.“
Gingrich überblickt das Historische demnach als Dialektiker. Und so politisiert er auch: Einerseits ruft die betagte Ikone der Actionfilm-Gewalt Chuck Norris dazu auf, ihn zu unterstützen. Andererseits kann er, wenn er sich davon einen Nutzen verspricht, auch mal ein Gesetz mittragen, das die Privatwaffenlobby verstimmt.
Wie konservativ, wie progressiv darf man diesen Mann finden? In Europa würde jemand, der als Bewerber um ein hohes öffentliches Amt eine Mondkolonie vorschlägt, von der Mattscheibe gelacht. Wir, auf dem Alten Kontinent, haben erlebt, wie aus Fabriken mit den modernsten Maschinen eine soziale Bewegung kam, die prägnante Forderungen nach Formen der sozialen Teilhabe und Sicherheit stellte, welche dem technisch-zivilisatorischen Stand der Moderne gemäß sein sollten. In den Vereinigten Staaten dagegen haben Streitigkeiten um soziale Minimalstandards und utopische Maximalträume diese Schule der Arbeiterbewegung nicht durchlaufen.
Wer das Leben in den jungen industriellen Zentren zu ungerecht fand, während der neuzeitliche Unterschied zwischen Konservativen und Weltumwälzern sich ausdifferenzierte, der konnte nach Westen fliehen, der sah sich einem gigantischen Flächenstaat, einem unübersehbaren Binnenmarkt und einer sozialen Ökologie gegenüber, die aus Abermillionen Nischen bestand. Freiheit und Wohlstand schienen technische, nicht soziale Fragen. In Europa, zunächst in Frankreich, hieß die Zuspitzungsliteratur des Fortschritts daher „utopischer Sozialismus“, in Amerika, viel später, weil die Sache länger brauchte, um auszureifen, „Science- Fiction“.
Unter Menschen, die heute Science- Fiction lesen und schreiben, wird Newt Gingrich nicht als Hobbyschriftsteller abgetan. Ein in diesen Kreisen hochangesehener Autor hat ihm das Entrée in sie verschafft: William R. Forstchen steht politisch rechts, schreibt aber anders, als der Dünkel von Leuten meint, die auf solche Sachen nur zeitdiagnosehalber einen Blick werfen, keine aufgedonnerten Landserheftchen, sondern findet selbst bei politischen Gegnern Anerkennung als ehrgeiziger Konstrukteur detailreich realisierter Gegenkosmen.
„1945“, seine 1995 erschienene erste Kollaboration mit Gingrich, folgt Forstchens bereits in dessen populärer „Ice Prophet“-Trilogie (1883 bis 1985) vorgebildetem Erzählmuster vom heroischen Einzelnen, der unter lauter Realpolitikern und wissenschaftlich-technischen Ignoranten einen bereits eingetretenen großen Schaden für die Menschheit zu bekämpfen und das Eintreten noch größeren Unheils zu verhindern sucht. In den „Ice Prophet“-Büchern geht es um ein weltweites ökologisches Desaster; in „1945“ um eine Weltlage, in der die Nazis sich nicht nur ganz Kontinentaleuropa unterworfen, sondern auch eine leidlich stabile Herrschaft errichtet haben.
Hitler hat sich am Tag von Pearl Harbor unfallbedingt herausgehalten und Amerika niemals den Krieg erklärt. Beide Mächte konnten so, voneinander unbehelligt, ihre jeweiligen Schlachten ausfechten, die eine auf dem Alten Erdteil, die andere im Pazifikraum. Beide waren siegreich. Man lebt im Patt. Nun aber sollen neue deutsche Langstreckenbomber (liebevoll kenntnisreiche Schilderungen von Tötungsmaschinerie gehören zur Alternate History wie Pferde zum Western) die amerikanische Atombombenfabrik in Oak Ridge zerstören. Der Held des Buches, ein Navy-Offizier namens Lieutenant Commander Jim Martel, muss das verhindern. „1945“ heute zu lesen schärft den Sinn für historische Ironie: Die Nazis planen also einen militärischen Präventivschlag mit der Begründung, ein Staat mit ihnen missliebiger Regierung besitze „Weapons of Mass Destruction“ - wie böse diese Deutschen sind, erkennt man im Buch daran, dass ihnen das Völkerrecht dabei völlig egal ist. Wenn Gingrichs Parteifreund George W. Bush das gelesen hat, hat er es ziemlich eigenwillig interpretiert.
Gingrich lässt es bei fiktionalem Weltkriegsrevisionismus nicht bewenden. Wenn er sich ausmalt, was gewesen wäre, wenn der Südstaatengeneral Robert E. Lee die Schlacht von Gettysburg gewonnen hätte, stellt er sich in eine nicht uninteressante Tradition (auch von einem anderen Politiker, Sir Winston Churchill, gibt es einen Text über dieses Gedankenspiel). Die Alternate History, manchmal auch als „kontrafaktische Geschichte“ oder „Uchronie“ geführt, kennt ja nicht nur als Schreibtischexperiment, sondern auch als Literaturgattung ihre unverächtlichen Höhepunkte, von Ward Moores maßstabsetzendem düsterem Bürgerkriegsszenario „Bring the Jubilee“ (1953) über Philip K. Dicks Nazigroteske „The Man in the High Castle“ (1962) bis zum Abgesang auf Großbritannien „Pavane“ (1968) von Keith Roberts. Auch bei uns wurde die Form ausprobiert, etwa von Carl Amery („An den Feuern der Leyermark“, 1979), Jörg-Uwe Albig („Land voller Liebe“, 2006) oder Christian Kracht („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, 2008).
Die politische Einordnung solcher Texte will fallweise angegangen sein, auch wenn eine gewisse Nähe der Science-Fiction zu gegenkulturellen Sphären die betreffenden Kunstschaffenden wie ihr Umfeld (von Fans bis zu Kritikern) oft dazu verführt hat, der Gattung einen prinzipiell antikonservativen, subversiven Zug zu unterstellen. Einem verbesserbaren Hier und Jetzt, lautet gemeinhin das Argument dafür, setzt die fiktionale Spekulation ein ausgedachtes Anderswo und Anderswann entgegen, um den Gedanken zu veranschaulichen, dass das, was ist, nicht notwendig so sein muss. In dieser Lesart hat jeder Eskapismus einen progressiven Grundbass. Vergessen wird dabei leider, dass man seit spätestens der Romantik auch eine Form kennt, die aus dem Hier und Jetzt nicht zur Veränderung hinstrebt, sondern ein modernes Hier und Jetzt gerade deshalb ablehnt, weil es aus wenig mehr besteht denn aus Veränderungen. Diese Form heißt Nostalgie. Romane wie die, mit denen Gingrich literarisch in Erscheinung getreten ist, haben das kuriose Verdienst zu zeigen, dass so ein nostalgischer Impuls nicht auf die tatsächlich stattgehabte Vergangenheit festgelegt ist, wenn er sich politisch geriert. Reaktionärer spekulativer Phantastik geht es ums Behaupten anthropologischer Invarianten: Auch bizarrste Parallelwelten können, so Gingrich, dem markigen amerikanischen Individualisten seine transzendentalen Wesenszüge - Selbstverantwortlichkeit, technische Kompetenz, Zucht, Anstand - nicht rauben.
Gingrichs Bücher handeln vordergründig von Krieg, Verwüstung, Massensterben, in Wahrheit aber von einer guten alten Zeit, die nicht aus Archivbeständen rekonstruiert, sondern nach einem stramm rechten Menschenbild gestaltet ist. Gingrich weiß genau, dass es diese glanzvolle Epoche nie gab; der Erzählmodus Alternate History plaudert das frohgemut aus. Er will sie dennoch wiederhaben, das ist das Verrückte. Sein Bürgerkrieg, sein Weltkrieg sind nicht Erinnerungen, sondern Kostümdramen zur Einübung harter sozialer Erziehungsprogramme. Wer ihn wählt, will sie.
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