03.11.2004 · New York ist blau, wählt also demokratisch und konnte daher am wahren Wahldrama nicht teilnehmen. Das Zentrum der Welt, zum Zuschauen verdammt: eine Achterbahnfahrt der politischen Gefühle auf dem Platz der Demokratie.
Von Jordan MejiasNew York hat kein Talent zur Bedeutungslosigkeit. Die Stadt ist da, um mitzumischen, anzuweisen, voranzueilen, den Weg zu bahnen, die Vorhut zu übernehmen. Darum fühlte sie sich in letzter Zeit so elend. Einen ganzen Wahlkampf lang war sie so bedeutungslos wie der Bundesstaat um sie herum. Die Kandidaten kamen nur, wenn sie Geld brauchten, und reisten wieder ab, bevor Bürgermeister Bloomberg den Times Square oder den Central Park für eine Wahlkundgebung hätte sperren können. New York ist blau, wählt also demokratisch und kann daher am wahren Wahldrama nicht teilnehmen. Das Zentrum der Welt, zum Zuschauen verdammt. Natürlich ist das kein Zustand.
So sind die Schlangen vor den Wahllokalen in allen fünf Stadtteilen auch als fruchtloses Aufbegehren gegen die Bedeutunglosigkeit zu verstehen. New Yorker wählen, obwohl die ganze Welt auf Ohio, Florida und Pennsylvannia schaut. Und sie strömen weiter an die Wahlmaschinen, als kurz vor drei am Nachmittag schon die ersten guten Nachrichten für Kerry auf Computerbildschirmen aufleuchten und die Börse prompt ins Schwächeln gerät. Die Gefahr einer zweiten Amtszeit für den Präsidenten, für die meisten New Yorker nichts weniger als ein kolossales Desaster, scheint gebannt. Wenn sich die Fernsehsender auch aus Angst, das Debakel der falschen Voraussagen aus dem Jahr 2000 zu wiederholen, noch um jede klare Aussage winden, kennen die Internetanarchisten keine Zurückhaltung. Die Frage bleibt, ob ihnen zu trauen ist.
Im Disneyland der Demokratie
Buntgemischtes Volk versammelt sich auf der Democracy Plaza. Die gibt es nur jetzt im Wahlkampf. Sonst heißt der Ort Rockefeller Plaza, aber weil im Rockefeller Center die Fernsehgesellschaft NBC samt ihren verkabelten und vernetzten Ablegern residiert, präsentiert er sich nun umfunktioniert zum nationalen, wenn nicht patriotischen Informationsknotenpunkt, der auch noch Zuschauer und Passanten aus Fleisch und Blut als Statisten unterbringt. Denn Moderatoren, die vor heftig winkenden, Plakate schwenkenden Wählern die Analysen und Spekulationen, wenigen Weisheiten und vielen Dummheiten des Tages und der Nacht weitergeben, brauchen ein bißchen Wirklichkeit, um sich in ihrem virtuellen Reich nicht völlig zu verlieren.
Zur Democracy Plaza bedarf es jedoch mehr als des halben Dutzend von Fernsehstudios, die wie gläserne Waben über der Eislaufbahn hängen. Als solle sich das Volk der Fundamente der amerikanischen Demokratie vergewissern können, liegt hier in einem zirkushaft gräzisierenden Zelt eines der Urexemplare der Unabhängigkeitserklärung, und wer nicht mit den endlos laufenden Filmstückchen von Kennedy ("Ich bin ein Berliner") und Reagan ("Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!") genug hat, kann sich in Originalgröße eine Nachbildung des Oval Office ansehen oder durch ein Teilstück von Air Force One schlendern. Lehrreich, gewiß. Aber die Palme gebührt einer Parade von derzeit gebräuchlichen Wahlmaschinen. Hier sind sie, wenn gerade mal kein Staat sich blau oder rot einfärbt, aus nächster Nähe zu betrachten, das schicklich mit einem Vorhang versehene Ungetüm mit Hebeln, das vortechnologische Pult mit Blättern zum Stanzen und die diversen computergesteuerten Apparate, die schon auf Fingerdruck reagieren sollen und mal eine Papierspur hinterlassen, mal nicht.
Altgediente Wähler sind das nicht
Das skurrile Instrumentarium führt uns aus dem Disneyland der Demokratie zurück in die Wirklichkeit. Sie gehört an diesem milden Herbstabend in New York den Demokraten. Nur vereinzelt bekennt sich hier und da ein Plakat oder ein Button zu Bush, und als der einst hochgehandelte Kandidat Howard Dean zu der Runde der Wahlanalytiker stößt, gerät der Schilderwald unter Juchzern beängstigend in Bewegung. Altgediente Wähler sind das nicht. Je später der Abend, desto dramatischer verjüngt sich das Publikum, und wie uns die Analytiker immer wieder erklären, ist Kerry bei den Zwanzigjährigen blendend angekommen. Oder Bush durchgefallen. Aber haben genug von ihnen die Hebel betätigt, die Wahlzettel gestanzt und die Bildschirme betastet?
Von der Democracy Plaza zum Times Square ist es nur ein kurzer Spaziergang. Dort macht sich CNN auf der Leuchtdiodenwand bemerkbar, die im Regelfall der Technologiebörse Nasdaq gehört, aber die Jugend drängt sich vor der gegenüberliegenden Glasfront des Musiksenders MTV. Auch hier ist es kein Geheimnis, für wen das versammelte Jungvolk stimmt. "Vote or die" steht auf ihren Plakaten, und inzwischen weiß jeder, daß der Rapper Sean Combs alias P. Diddy sich den Slogan zum Kampf für Kerry ausgedacht hat.
Bush hat aus dem Jahr 2000 gelernt
Als kurz vor zehn sich die Großfamilie Bush aus dem Weißen Haus zu Wort meldet und der Präsident etwas verbissen seiner unerschütterlichen Zuversicht Ausdruck verleiht, gibt es für den imagetechnisch genau abgezirkelten Auftritt Pfiffe und Buhrufe, die noch keine Müdigkeit erkennen lassen. Zugleich erheben die ersten Propheten, die ein Ergebnis für frühestens Ende der Woche in Aussicht stellen, ihre Stimmen. Und die ersten Juristen entwerfen die ersten Szenarien, wie die Wahl hier oder da anzufechten sei. Demokraten erwarten, daß sich die Hochrechnungen bewahrheiten, die Republikaner zweifeln sie an. Deja-vu in Florida?
Unruhe breitet sich unter dem Völkchen auf der Democracy Plaza aus. Aus dem Weißen Haus verlautet, daß die erste Nervenkrise überstanden sei. Aus dem Jahr 2000 hat Bush gelernt, gute Miene zum spannungsvollen Spiel zumachen. Wer zu früh aufgibt, hat schon halb das immer mögliche Nachspiel vor Gericht verloren. Während Ohio sich scheut, die Wahllokale zu schließen und die wartenden Bürger nach Hause zu schicken, hat sich die Democracy Plaza bis auf den harten, lautstarken Kern der Parteigänger längst geleert. Und unter ihnen geben sich, als gegen Mitternacht Florida dem Präsidenten zugeschlagen wird, auf einmal auch seine Fans zu erkennen.
Tief gespalten, tiefer als zuvor
Auf der nahen Fifth Avenue fließt der Verkehr spärlicher, sogar das Flaggenmeer hat sich beruhigt. Die Stadt, die nie schläft, würde zumindest gern ein Schläfchen machen. Ohio muß nun die Entscheidung fällen. Oder vertagen? Es heißt, es gab Wartezeiten vor den Wahllokalen von mehr als dreizehn Stunden. Ohio, das neue Florida? Die Achterbahnfahrt durch die Nacht dürfte nicht nur den Kandidaten auf den Magen schlagen. Bis um ein Uhr. Dann geht es nur noch Kerry schlecht. "Four more years", noch mal vier Jahre, hallt es über die Plaza. Woher sind die Republikaner plötzlich gekommen? Jubeln auch die Verlierer nun dem vermeintlichen Sieger zu? Ohio ist an Bush gefallen, der Wahlkampf ist vorüber. Laut NBC. Die Konkurrenz aber zögert. Kerry zögert. Bush will nicht länger zögern. Und von da an ist die Uhr erst mal aufs Jahr 2000 zurückgestellt.
Es gibt freilich ein zweites, ein unanfechtbares Ergebnis. Das Land bleibt tief gespalten, tiefer als zuvor. Auch die Democracy Plaza bietet mit ihrem patriotischen Klimbim keinen Trost. Am frühen Abend schon hatte sich eine schwarze Familie durch die Menge geschoben, bis der Vater vor einem Foto Kennedys strehenblieb und den drei Söhnen mit ernsten Worten die Geschichte dieses Präsidenten erzählte. Es war ein Bild wie von Norman Rockwell gemalt, und vielleicht kann es sich schon darum mit der amerikanischen Wirklichkeit oder gar Gegenwart nicht ganz decken. Wie ein Porträt von George W. Bush in zwei, drei Jahrzehnten eine ähnliche Reaktion hervorrufen könnte, kann sich offenbar die Hälfte Amerikas vorstellen. Der Rest des Landes und ein guter Teil des Rests der Welt wird das nie begreifen.