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Mittwoch, 19. Juni 2013
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New York liest Rowling Der Kritiker als Buchmacher

 ·  In den Vereinigten Staaten ruft J. K. Rowlings erstes Buch für Erwachsene einen bestimmten Rezensionstyp auf den Plan. Was lässt er von „The Casual Vacancy“ unter dem Strich übrig?

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© AFP Sie wird statt ihres Buches zum Gegenstand amerikanischer Kritik: J. K. Rowling - hier bei der Premiere des letzten Potter-Films im Juli 2011 in London

Ihre Wimpern sahen falsch aus und die Grundierung ziemlich schwer.“ J. K. Rowling rechnet damit, dass Kritiker bei ihr besonders genau hinsehen. Vielleicht ging es, als Ian Parker vom „New Yorker“ ihr in ihrem Büro in Edinburgh gegenübersaß, schon deshalb bei der „Transaktion“ so „steif“ zu, wie Parker es empfunden hat? Doch warum beschreibt der seit 1994 für das Magazin schreibende Autor des „Profils“ von J. K. Rowling im neuesten Heft ein Interview überhaupt als Transaktion, also als Überweisung, Abwicklung, Geschäftsvorgang, Handels- oder Rechtsgeschäft? Er bildete sich offenbar ein, der Schriftstellerin als Geschäftspartner gegenüberzutreten.

Tatsächlich schildert er die Absprachen, die seiner Reise nach Schottland vorausgingen, so ausführlich, als wäre er mit der Anbahnung der Fusion von Apple und Samsung betraut gewesen. Es ist verständlich, dass Kritiker und Schriftsteller ihr Verhältnis als Partnerschaft zum beiderseitigen Nutzen ansehen. Diese geschäftsmäßige Sicht hat immerhin die Sachlichkeit für sich. Im Fall eines neuen Romans von J. K. Rowling müssen Kritiker damit leben, dass die Geschäftsgrundlage entfällt. Rezensionen sind nicht nötig, um Aufmerksamkeit auf das Buch zu lenken, und dürften die Verkaufszahlen kaum beeinflussen.

Der New Yorker gibt den Ton vor

Parker hat daraus offenbar den Schluss gezogen, dass er der weltberühmten und superreichen Autorin als besonders harter Verhandlungspartner gegenübertreten musste. Es geht immerhin noch um den Aktienkurs an der Kennerbörse. Er gibt damit an, dass der „New Yorker“ zu den wenigen auserwählten Publikationen gehörte, die ein Vorabexemplar von „The Casual Vacancy“ erhielten. Trotzdem ist sein Artikel über weite Strecken eine Rezension der Person der Verfasserin. Parker geht die Informationen über den sagenhaften Lebensweg J. K. Rowlings durch, um über Verbindungen zur tristen Kleinstadtwelt des neuen Romans zu spekulieren. Dass kein Mann außer einem Verstorbenen gut wegkommt – sollte das nicht mit dem zerrütteten Verhältnis der Autorin zu ihrem Vater zu tun haben?

Parkers Urteil über das Buch ist in der Sache harsch und im Vortrag gönnerhaft. Er pickt einen Satz heraus und malt sich aus, bei jedem anderen Buch hätte der Lektor zum Telefon gegriffen, um der Autorin die missglückte Konstruktion auszureden – aber bei J. K. Rowling habe man sich offenbar nicht getraut. Der „New Yorker“ hat den Ton vorgegeben, der die amerikanischen Rezensionen am Erscheinungstag bestimmt. Das Buch sei lang und langweilig und habe zu viele Figuren. Mehrere Rezensenten scherzen, statt einem Roman über den Wahlkampf um einen Kleinstadtratsposten solle man lieber gleich die Ratsprotokolle lesen.

Es zeigt sich, wie stark Identifikationswünsche die Maßstäbe der Literaturkritik bestimmen, also Kriterien, die jenseits der Kinderliteratur doch eher zur Trivialliteratur passen. Michiko Kakutani, die Chefkritikerin der „New York Times“, beklagt, dass man mit den Figuren von „The Casual Vacancy“ nicht warm werde. So enthüllen Berufskritiker, die ihre Abgebrühtheit zur Schau stellen, dass die Romanlektüre für sie eine Transaktion ist, von der sie emotionalen Mehrwert erwarten.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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