25.02.2003 · An diesem Mittwoch veröffentlicht Kiepenheuer & Witsch eine vollständige Neuübersetzung von J. D. Salingers „The Catcher in the Rye“. Einen besseren Dienst hätte man Salinger nicht erweisen können.
Von Paul IngendaayWer in der deutschsprachigen Amerikanistik ein bißchen auf sich hielt, machte um J. D. Salinger einen Bogen.
Nicht daß man seinen Roman "The Catcher in the Rye" (Der Fänger im Roggen) aus dem Jahr 1951, eines der legendären Bücher der Nachkriegszeit, nicht gelesen hätte; viele hatten ihn ja schon im Englischunterricht der Oberstufe vorgesetzt bekommen und mit dem sechzehnjährigen Holden Caulfield, der vom College fliegt und dann wie ein Verbannter des Universums durch New York irrt, zeitgemäß fluchen gelernt.
Faulpelze kauften sich heimlich die deutsche Übersetzung und trugen so dazu bei, daß sich das Rowohlt-Taschenbuch mit dem lila Rahmen (44. Auflage: August 2002) reißend verkaufte. Aber Lesen war das eine, darüber schreiben ein anderes. "Der Fänger im Roggen" schien sich selbst zu erklären, eine Sache des Gefühls, des Ekels vor der verlogenen Erwachsenenwelt, der die meisten Jugendlichen zwischen zwölf und achtzehn irgendwann packt. Nicht gerade Stoff für tiefschürfende Analysen.
In der Abstraktionsfalle
Schlimmer noch: Wer über den "Fänger im Roggen" analytisch schreibt, tappt fast unweigerlich in die Abstraktionsfalle und reißt vieles, was diesen Roman ausmacht, mit in die Grube. Nicht nur sein zwischen Großmäuligkeit und äußerster Verletzlichkeit changierendes Jugendidiom, seine Dialoge, die komponiert sind wie Musik, seinen unschuldigen Blick, sondern auch die kunstvolle Bauform, die zwar den Bildungsroman und christliche Allegorien wachruft, aber vor jeder hochtönenden Sinnhuberei die Tür zuschlägt.
Es gibt Bücher, die reine Gegenwart sind, nicht Erkenntnis, sondern Ausdruck. "Der Fänger im Roggen" ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Man ist drin oder bleibt draußen. Einer der großen Bewunderer des Romans, Ulrich Plenzdorf, schrieb als ostdeutsche Hommage "Die neuen Leiden des jungen W.". Die jüngere Amerikanistik dagegen brachte Sätze zustande wie: "In der Tendenz des Erzählerhelden, sich diesen Kindheitsbildern zuzuwenden, gelangt sein regressives Verhalten zum Ausdruck." In dieser Optik ist auch Proust regressiv.
Verblüffenderweise errang "Der Fänger im Roggen" seinen Ruhm im deutschen Sprachraum durch eine fragwürdige Übersetzung aus dem Jahr 1962. Sie stammt von Heinrich Böll, der für seinen Hausverlag Kiepenheuer & Witsch die antiquierte, ohne Echo gebliebene Fassung von Irene Muehlon aus dem Jahr 1954, erschienen im Zürcher Diana Verlag, kosmetisch überarbeitete (F.A.Z. vom 16. Juli 2001). Was ein entschlossener Neubau von der Hand Bölls bedeutet hätte, werden wir nie erfahren. Die Zahlen - über 1,3 Millionen verkaufte Exemplare im Taschenbuch - legen die Vermutung nahe, daß sich der Roman völlig jenseits gängiger Übersetzungskriterien seine Schneise schlug: Jugendliche Leser sind gierig, da darf es ruhig etwas krümeln.
Schluß mit den Klagen
Mit den Klagen über einen staubig gewordenen Text und so manche verpaßte Chance ist jetzt endgültig Schluß. Kiepenheuer & Witsch hat eine vollständige Neuübersetzung von "The Catcher in the Rye" durch Eike Schönfeld herausgebracht, und das heißt, auf der Grundlage des erstmals 1995 erschienenen ungeglätteten Originals.
Einen besseren Dienst konnte man dem 1919 geborenen Salinger, der abgeschirmt in New Hampshire lebt und nur noch für die Schublade schreibt, nicht erweisen. Schon der Vergleich zwischen den englischsprachigen Fassungen zeigt, daß manche Prüderie, die leichthin Heinrich Böll angelastet wurde, auf das Konto von Salingers britischem Verleger Hamish Hamilton geht. Nicht Böll hat sich geziert, als er das Graffito "Fuck you", das Holden Caulfield so verstört, mit einem sich diskret räuspernden ". . . dich" wiedergab. Der amputierte Fluch (". . . you") steht vielmehr in der ersten britischen Ausgabe von 1951 und wanderte von dort 1958 in die Penguin-Ausgabe weiter, die in Europa fast vierzig Jahre lang den verbindlichen Text darstellte.
Der eigentliche Gewinn des neuen deutschen "Fängers im Roggen" ist aber Eike Schönfelds durchdachte und couragierte Übersetzung, die für diesen Roman ein zweites Leben bedeuten wird. Es ist eine Binsenweisheit, daß Übersetzungen schneller altern als Originale und daß sich jede Zeit ihre eigenen Versionen schaffen muß. Das beginnt bei den Kleinigkeiten des Alltags, aus denen Romane mehrheitlich bestehen.
Maximale Intensität
Bei Böll betritt Holden Caulfield ein Grammophongeschäft, bei Schönfeld einen Plattenladen. Aber die Reparatur geht tiefer. In der alten Übersetzung wird gepflegtes Hochdeutsch kurz vor der Pensionsgrenze benutzt, in der neuen prasseln die Sätze der Gegenwart in maximaler Kürze und Intensität aufs Papier. "Diese Sorte Ideen war charakteristisch für sie", steht in der Fassung von 1962. Heute heißt es: "Solche Ideen hatte sie ständig." Die oberste Maxime der Neuübersetzung lautet, sich dem Denken und Fühlen dieses allein gelassenen Sechzehnjährigen anzuschmiegen wie eine zweite Haut.
Zu den Ironien der beispiellosen Rezeptionsgeschichte des "Fängers im Roggen" gehört, daß sich sein eigentliches Publikum, die jungen Leser eselsohriger Paperbacks, kaum für die raffinierte Konstruktion des Buches interessieren dürfte. Und doch tut Salingers Verfahren untergründig seine ästhetische Wirkung.
Der Autor läßt die Handlung kurz vor Weihnachten abrollen, wenn traditionelle Glücks- und Harmonieversprechen im Glanz des Christbaums erneuert werden. Aber die Lichter werden nie angezündet; Holdens New York ist eine eisige Ansammlung von Bars, Taxis, leeren Museen und schäbigen Hotels. Und niemand, schon gar nicht das pädagogische Personal, zeigt ihm den Weg nach Hause. Wäre da nicht in den letzten Kapiteln seine kleine Schwester.
Die Sprache als Mörtel
Die amerikanische Vulgärsprache der Jahrhundertmitte, Vorläuferin des politischen Verweigerungsjargons eines Bob Dylan oder Allen Ginsberg, ist nicht die Essenz des Romans, aber doch der Mörtel, der Holden Caulfields fragiles Ich zusammenhält. Nimmt man dem Jungen den Halt, den er an rabiater Rede findet, dann beschädigt man seine Psychologie. Hier mußte Eike Schönfeld nicht nur mutig zupacken, sondern ein fein abgestimmtes System jugendlicher Mode- und Renommiersprache konstruieren.
Das ist ihm bravourös gelungen. Es ist ja nicht so leicht, alte Schimpfwörter durch neue zu ersetzen. Wenn im Original von einem "dopey head" die Rede ist, steht in der alten Fassung nur "blöder Kopf". Jetzt heißt es "Doofkopf". Werden in der alten Übersetzung drei junge Frauen beim Tanz, ganz im Sinne des seligen Heinz Erhardt, "Gänse" genannt, avancieren sie jetzt zu "Schafsnasen".
Die Angebetete zur Schnecke machen
Die Übersetzung von Slang erfordert neben Phantasie und Stilempfinden vor allem Konsequenz. Wenn der sexuell unerfahrene Holden Caulfield eine Freundin als "Schnecke" bezeichnet (bisher hieß es im neckischen Ton der fünfziger Jahre "Angebetete"), dann gehört auch die übrige coole Rhetorik zwingend zu seiner Ausstattung.
Sie hat den Vorteil, ehrlich zu sein, und ebendiese Direktheit wird jetzt wieder spürbar: "Am Ende des ersten Akts gingen wir mit den anderen Deppen raus, eine rauchen. War das ein Aufstand. Soviel verlogenes Volk habt ihr in eurem ganzen Leben nicht gesehen, alle pafften sich die Ohren weg und redeten über das Stück, damit jeder auch hören und mitkriegen konnte, wie schlau sie waren. Neben uns stand so ein Filmschauspielerdepp und rauchte. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber er spielt in Kriegsfilmen immer die Rolle des Typen, der Schiß hat, kurz bevor es zum Sturmangriff geht."
Es dürfte Spaß gemacht haben, diese Sprache zu erfinden. Aber wieviel ehrlicher Übersetzerschweiß in die Details gegangen ist, zeigt an anderer Stelle der Vergleich mit dem Original. Eike Schönfeld ist nämlich von buchhalterischer Genauigkeit. Wenn Salinger in die Nachricht von Holdens zehnjähriger Schwester Phoebe (die sich "Fibi" spricht) an eine Schulfreundin zwei Rechtschreibfehler plaziert, tut Schönfeld das auch, und zwar so, daß man es glaubt: "Shirley du hast gesagt du bist Schüze aber du bist blos Stier bring deine Rollschuhe mit wenn du zu mir kommst."
Die Welt der Kinder ist Salingers Reich. Wohl deshalb, um dieser kleinen Köpfe willen, gibt der Autor sein Werk auch nicht zur Verfilmung frei, was ihm alle Alphabetisierten dieser Erde danken sollten. Warum nicht einfach dem Rat Holden Caulfields folgen? "Das Dumme bei mir ist", sagt er, "ich muß das Zeug immer selber lesen."
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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