10.06.2010 · Früher hat man überlegt oder nachgedacht. Heute denkt man an. Der Gebrauch des Wortes illustriert die gesellschaftliche Krise. Aber wer immer nur andenkt, denkt nie etwas zuende.
Von Hannes HintermeierFrüher gab es das Andenken. Das hatte mit Erinnerung zu tun oder mit einem Gegenstand, mit dessen Hilfe man sich an etwas erinnerte – an einen Urlaub am Meer mit Muscheln, Seesternen oder Schnittwunden. Andenken war eine rückwärtsgerichtete „Denkbewegung“, wie man das heute ausdrücken würde. Das Andenken konnte beschmutzt werden, war sächlich und ein Hauptwort. Als solches taucht es bestenfalls noch in Todesanzeigen auf.
Dort wird das Andenken auf formeller Ebene „ehrend“, wenn eine Firmenbelegschaft es den Angehörigen eines verstorbenen Mitarbeiters in Aussicht stellt. Das zielte häufig auf Menschen, denen man nicht ganz nahe stand, die man aber von, wie man heute sagen würde, „Arbeitszusammenhängen“ her kannte. In seiner zweiten Bedeutung ist das Andenken vom französischen Lehnwort „Souvenir“ abgelöst worden. Der internationale Tourismus kennt nur noch Souvenirshops, Andenkenläden bedürfen schon eines ehrenden Andenkens.
Der Bedeutungswandel ist verräterisch
So ist des einen Wortes Tod des anderen Geburt. Denn „andenken“, das ist heute ein Verbum, und zwar eines, das in den vergangenen Jahren eine ekelhaft rasante Karriere hingelegt hat. Jeder dauertelefonierende Business-Schwadroneur führt es Tag und Nacht im Verlautbarungsmund spazieren – als wiedergekäutes Versprechen, man werde sich gedanklich einem Problem nähern, habe eine Lösung bereits durch „andenken“ erledigt beziehungsweise werde demnächst ganz konkret solutionsmäßig auf etwas hindenken. So wird in diesem Land seit Jahr und Tag nurmehr an-, selten aber durch- oder zu Ende gedacht.
Die Entscheider der politischen Klasse sind anders als unsere Nationalfußballer bereits Weltmeister: im Andenken. Lokalpolitiker denken an, und wenn es Jahre dauert – eine Fußgängerunterführung, einen Kreisverkehr, einen noch größeren Riesensupermöbelmarkt. Auf Bundesebene und höher wird größer angedacht – eine Schuldenbremse, ein Euro-Rettungsschirm, ein Koalitionsvereinbarungsbruch. So ist gewährleistet, dass alles in der Phase der Vor-Überlegung hängenbleibt und nichts geschieht. Heute angedacht, morgen längst vergessen. So illustriert der Bedeutungswandel die gesellschaftliche Krise. Sprache ist eben doch unbestechlich, sie erlaubt kein „Nachsteuern“, um eine weitere Floskel der nuller Jahre zu gebrauchen.