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Neujahr in Entenhausen Ehrt die Großen, wie es nicht im Buche steht

Große Vorbilder, wohin man sieht: Heroische Klischees werden in Entenhausen gern ironisiert, und nicht nur Donald Duck scheitert beständig an ihnen. Was zeigt: Wie Abraham Lincoln oder George Washington zu werden, war für Carl Barks und Erika Fuchs kein erstrebenswertes Ziel.

© Walt Disney Company Vergrößern

Im Jahre 1955 gab es in der Bundesrepublik nur ein Fernsehprogramm. Das „Deutsche Fernsehen“ der 1950 gegründeten ARD hatte erst am 1. November 1954 den Sendebetrieb aufgenommen. Deshalb konnte Erika Fuchs, die Chefredakteurin der „Micky Maus“, eine Sprechblase auf der letzten Seite der Donald-Duck-Geschichte, die für das Januarheft des Jahres 1956 vorgesehen war, nicht wörtlich übersetzen. Das Original war, wie die allermeisten zehn Seiten langen Geschichten, in der Heftreihe „Walt Disney's Comics and Stories“ erschienen, in der Nummer 173, dem Februarheft von 1955, das aber, wie im amerikanischen Zeitschriftengeschäft üblich, schon einen Monat vor dem aufgedruckten Datum ausgeliefert worden war.

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Es handelt sich um die mittlere der drei Geschichten zum Thema Neujahrsvorsätze. Huey, Dewey und Louie (Tick, Trick und Track) versprechen Pünktlichkeit des Schulbesuchs, Onkel Donald gelobt Selbstbeherrschung. Der Onkel verführt die Neffen zum Verlassen des Schulwegs, die Neffen revanchieren sich, indem sie ihm beim Skisprungtraining Streiche spielen. Sie manipulieren seine Ausrüstung, um ihn komische Figuren vollführen zu lassen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Einzige, der lacht, ist zunächst der Onkel. Heimlich hat aber der dritte Neffe Trudelflug und Schweineritt mit einer gemieteten Filmkamera aufgenommen. Die Aufnahmen der versteckten Kamera werden noch am gleichen Tag in der lokalen Sportsendung des Fernsehens ausgestrahlt. Keine Peinlichkeit ohne Publikum: Jetzt erst platzt Donald der weite Kragen seiner Matrosenjacke. Um die Demütigung komplett zu machen, verrät ihm der Kameramann Louie, dass man seine Missgeschicke auf der ganzen Welt wird sehen können. Er habe den Film einem „big TV outfit“ verkauft.

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Es gab damals in den Vereinigten Staaten vier Fernsehkonzerne: ABC, CBS, NBC und Dumont. Einen dieser Giganten wird man sich als den bar vergütenden Käufer der Verbreitungsrechte vorstellen; der lokale Sender hatte für die Erstausstrahlung mutmaßlich kein Honorar gezahlt. Bei Erika Fuchs gibt es nur eine Transaktion mit „der Fernsehgesellschaft“ (siehe das Bild links unten). Die Deutschen begegneten in den Disney-Comics ihrer Zukunft, aber manches Detail, wie hier die Vorwegnahme von YouTube, fielen in den Übersetzungen zunächst fort, weil aus Duckburg Entenhausen wurde, eine deutsche Stadt. Das klassische Erika-Fuchs-Zitat „Das Fernsehprogramm wird wirklich immer schlechter“ ist erst eine Prägung der sechziger Jahre, interessanterweise aber älter als das ZDF.

Sylvester / Walt Disney Company / Panel 4 (spaltenbreit) © Walt Disney Company Vergrößern

Ha, ha, ha, das wird lustig

Besser ist das Fernsehprogramm in der Vorsatzgeschichte von 1955 auf dem Weg vom Englischen ins Deutsche geworden. Der Ansager der Originalsendung „Duckberg [sic!] on Skis“ kündigt als Überraschungsbeitrag die Kapriolen des schlechtesten Skifahrers von Entenhausen an. Ganz glaubwürdig ist es nicht, dass Donald völlig schimmerlos bleibt. Bei Erika Fuchs lautet die Ansage „Sie sehen heute unser Sonderprogramm ,Unfreiwilliger Humor auf Skiern'“ und der unsterbliche Kommentar Donalds „Ha, ha, das wird lustig.“ Warum ahnt er nicht, dass er schadenfroh auf eigene Kosten ist? Wegen der Objektivierung des medialen Formats. Der Sondersendungstitel ist sachlich, geradezu philosophisch, eine typisch deutsche Fügung wie die Tücke des Objekts. Um es so hochtrabend zu formulieren, wie Erika Fuchs es nie gesagt hätte: Donald erwartet nicht, sich auf dem Bildschirm zu sehen, weil er den Unfreiwilligen, der den Humor ermöglicht, nicht als Person ansieht. Diese Diskrepanz von subjektiver und objektiver Perspektive ist der Zusatz von Erika Fuchs zur Vorsatz-Thematik des illusionären Ich-Ideals.

Die literarische Geschlossenheit dieser Geschichte - so „graceful“ oder elegant, wie Donald im Skiflug sein will - wird vervollkommnet durch eine Pointe, zu der Erika Fuchs keine Entsprechung gefunden hat. Als Donald fragt, wer ihm den Schimpf angetan hat, offenbart sich Louie mit dem Geständnis, er könne nicht lügen: „I cannot tell a lie!“ Diesen Satz kennt in Amerika jedes Kind, denn der kleine George Washington soll ihn gesprochen haben, als er versehentlich den Kirschbaum seines Vaters gefällt hatte. Auf der ersten Seite hatte Donald die Ankündigung der Neffen, nie mehr zu spät zur Schule kommen zu wollen, mit dem Pathos liebevoller Ironie gelobt: Ein nobler Entschluss sei das, die Knaben seien aus Präsidentenholz geschnitzt. „That is the kind of rugged heroism that makes Lincolns and Washingtons of growing boys!“

Kein Held „wie im Lesebuch“

Als Ironiker sind die Neffen dem Onkel überlegen, den es doch immer wieder ins rauh-heroische Traumland zieht. Der Satz Washingtons wird von einem frühen Biographen überliefert, einem Pfarrer, und ist aller Wahrscheinlichkeit nach erfunden. Ein Held „wie im Lesebuch“ zu werden, wie Donald Duck in einer anderen Geschichte sagt - das ist für Leser von Carl Barks und Erika Fuchs kein guter Vorsatz.

Quelle: F.A.Z.

 
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