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Sonntag, 12. Februar 2012
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Neues von Norah Jones Auf dieser Stimme liegt kein Staub

20.01.2007 ·  Norah Jones ist zurück und spielt jetzt Gitarre. Das ist überraschend und schön. Für echten Folk fehlt es Frau Jones aber an Seelenstaub. Der amerikanische Superstar des Jazzpop stellte in Baden-Baden live sein drittes Album „Not Too Late“ vor.

Von Richard Kämmerlings
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Die gute Nachricht zuerst: Norah Jones kann auch Gitarre spielen. Das dürfte für ihre Millionen Fans etwas überraschend kommen. Und als sie diese Woche bei einem exklusiven Konzert in Baden-Baden ihr neues, bereits drittes Album „Not Too Late“ vorstellte, sah es auch zunächst gar nicht nach diesem dezenten Rollenwechsel aus.

Inmitten der Bühne im wunderschönen Theatersaal stand ein schwarzer Yamaha-Flügel, kurz vor Beginn des Konzerts wurde er noch einmal extra von den Staubkörnchen befreit, die sich frecherweise in den letzten Minuten darauf niedergelassen haben mochten. Auch ließ sich die Sängerin – schwarzes Kleidchen, pinkfarbene Strumpfhose, schwarze Stiefelchen – gleich dort nieder, um mit ihren Hits „Cold Cold Heart“ und „Sunrise“ von den beiden ersten Alben den Boden für Neues zu bereiten.

Die Gitarre verleiht Flügel

Doch schon bald konnte das gute Stück wieder ungestört Staub ansetzen, denn Norah Jones wechselt zunächst ans E-Piano und hängt sich dann bald, mit einem kleinen selbstironischen Hinweis auf ihre virtuosen Begleitmusiker, eine halbakustische Gitarre um: „They let me play the guitar.“ Na ja, gut, sie hätten ja wohl auch keine Wahl gehabt. Das ist vielleicht die größte Veränderung auf „Not Too Late“: Das Klavier ist etwas an den Rand gerückt, was vielleicht auch mit der Entstehungsgeschichte der Platte zu tun haben mag, an die erstmals kein Starproduzent Hand angelegt hat – die Atlantic-Legende Arif Mardin, der ihr Debüt „Come Away With Me“ zu sensationellen acht Grammies führte, starb im vergangenen Sommer.

Nach dem Rummel der letzten Jahre habe sich die Siebenundzwanzigjährige, so jedenfalls die marketingtaugliche Legende, mit ihrem Lebenspartner, dem Bassisten Lee Alexander, ins traute Heim zurückgezogen und dort ganz heimlich, an den Plattenbossen vorbei, neue Stücke aufgenommen. Gitarre habe sie während der letzten Tournee auf langen Busfahrten gelernt.

Keine Experimente!

Ob das mit den quasi am Kamin entstandenen Stücken nun stimmt oder ob es nur das Klischee der authentischen Musikerin bedienen soll – für das Resultat spielt das keine große Rolle. Gleich das erste Stück, das zerbrechliche-hingehauchte „Wish I Could“, macht deutlich, dass gewagte Experimente oder gar ein zeitgemäßer Sound auch auf diesem dritten Album nicht zu erwarten sind – warum auch?

Norah Jones tummelt sich im riesigen Fundus von Soul, Jazz, Folk und Country wie in ihrem natürlichen Element, so dass sich höchstens die Frage stellt, warum sie überhaupt eigene Stücke schreibt und sich nicht gleich auf Interpretationen älterer verlegt (die, auch dies ist anders als früher, auf dem neuen Album fehlen)? Die Mehrheit ihrer Hörer würde sie ohnehin nicht bemerken, was allerdings ein zweischneidiges Urteil ist.

Es gibt einige schöne Lieder auf diesem Album, etwa den herrlich verpennten Blues „Until The End“ oder das wehmütige „Thinking About You“, in denen Norah Jones ihre irgendwie leicht lebensmüde, von den Zumutungen des Lebens und der Liebe erschöpfte Stimme ideal zur Geltung bringen kann. Da klingt sie dann manchmal wie eine junge Rickie Lee Jones, allerdings noch vor dem ersten wirklichen Zusammenbruch. Da deutet sich dann aber auch das Problem an, das eine geschicktere Materialauswahl nur verbergen, nicht lösen könnte: Ihrer Stimme fehlt die Gebrochenheit, die eben doch nicht nur eine Frage von Talent und Technik ist.

Country als Sackgasse

Sie selbst scheint das zu ahnen. Wenn sie, wie auf der letzten Platte, mit Dolly Parton im Duett sang oder „The Long Way Home“ von Tom Waits (schön, aber völlig spannungslos) coverte, schien darin eine Sehnsucht nach Schicksal, nach Erfahrung auf. Wenn sie nun in einem Song wie „Sinkin’ Soon“ die torkelnde Frau am Abgrund gibt, dann wirkt das eher unfreiwillig komisch, so, als hätte sie sich für das Komponieren einen kleinen Prosecco-Schwips angetrunken.

Daher ist auch der Ausflug in den Country-Folk, wie live besonders deutlich zu bemerken war, eine Sackgasse für eine Sängerin, deren Stimme bei aller Virtuosität nicht über die Gewalt, die Mehrdeutigkeit und – aller samtig-seidigen Erotik zum Trotz – auch nicht den Sex verfügt, der den ganz großen Sängerinnen eigen ist, ob nun im Folk einer Rickie Lee Jones oder im Country einer Emmylou Harris. Gerade wenn die Melodien eher simpel, ja buchstäblich eintönig sind, muss der Klang für die Geheimnisse sorgen. Auf diesen Stimmbändern aber liegt kein Körnchen Seelenstaub.

Bitte keine Sektlaunen mehr!

Und daher die schlechte Nachricht: Norah Jones bleibt gerade deswegen unter ihren Möglichkeiten, weil sie mehr will, als nur zahnlose Kaffeehausmusik zu bieten. Es ist der richtige, auch sehr sympathische Instinkt. Doch sie geht das Risiko an der falschen Stelle ein, indem sie Songs auswählt, die nicht zu ihr passen. Sie sollte sich für die nächste Platte Partner suchen, die sie auf ihrem Gebiet, dem Jazzgesang, musikalisch wirklich herausfordern und ihr auch mal knallhart sagen, dass das mit der Gitarre wohl eine Schnapsidee, pardon: Sektlaune ist – und der Flügel als Staubfänger zu schade.

„Not Too Late“ von Norah Jones erscheint bei Blue Note 86092 (EMI)

Quelle: F.A.Z.
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