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Neues Museum in Chemnitz : Archäologie im Kaufhaus

  • -Aktualisiert am

Reise durch die Zeit: Frühzeitliche Fundstücke in metallenen, kunstvoll ausgeleuchteten Designkästen. Bild: dpa

Schon 1930 war es eine Sensation: Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken in Chemnitz galt sofort als Meisterwerk der Moderne. Jetzt ist es wieder sensationell: als Sachsens Staatliches Museum für Archäologie.

          Als das vom Werkbund-Architekten Erich Mendelsohn entworfene, siebenstöckige Kaufhaus Schocken am 15. Mai 1930 eröffnete, war es anfangs die kühne äußere Hülle mit dem konvexen Schwung markanter Fensterbänder, die zahllose Neugierige anlockte. Bald aber wurden die Rolltreppen im Inneren zum Magneten. Ältere Leute und Schulklassen aus dem Erzgebirgsraum rissen sich förmlich darum, die sanft rumpelnden mechanischen Treppen hinauf- und hinabzugleiten.

          Statt Rolltreppen gibt es heute in dem Bauwerk einen rampenartigen Aufgang bis hinauf in die vierte Etage. Vorbei an mythisch flackernden Wänden und ausgeleuchteten Geländern, umwabert von Steingepolter, Schaben, Kratzen und Schleifen geht es zu Einblicken in die letzten 300 000 Jahre, dargestellt an Modellen und Exponaten auf dreitausend Quadratmetern; Museum psychedelisch.

          Würdigung des Architekten

          „Das Gebäude ist so bedeutsam, dass wir Museologen uns von der Architektur abgrenzen müssen“, sagt Sabine Wolfram. Die 2012 nach Chemnitz berufene Museumsdirektorin war förmlich überrumpelt von der Anziehungskraft dieser Ikone der Moderne. Eine „Erlebnisausstellung“ soll nun der architektonischen Faszination standhalten: „Wir haben alles getan, um zu beweisen, dass Archäologie kein erdfarben-staubiges Image hat.“ In der Buchstabenfolge „smac“, Namen und Logo des Museums, versöhnen sich Form und Inhalt - die Lettern sind das offizielle Kürzel des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz und das inoffizielle für „Schocken Mendelsohn Architektur Chemnitz“.

          „Bauen ist Glückseligkeit“, hat Mendelsohn einmal gesagt. Die expressiven Werke des Architekten - das Mossehaus in Berlin, der Einsteinturm in Potsdam - galten wechselnd als organisch, futuristisch und expressionistisch. In den zwanziger Jahren Star seiner Branche, beschäftigte er in seinem Berliner Büro vierzig Mitarbeiter und konnte sich vor Aufträgen kaum retten. Für Salman Schockens Kaufhaus in Chemnitz entwarf er die ausgekragte Gebäudekonstruktion und bündelte im Inneren dynamisch alle Warenhausfunktionen: hinterm breitmäuligen Eingangsbereich eine 5,50 Meter hohe Beletage, darüber Etagen von 3,50 Meter Höhe, in denen nichts vom Riesenangebot ablenkte. Das Chemnitzer Kaufhaus wurde Vorbild für weitere Schocken-Warenhäuser, etwa in Nürnberg und Stuttgart. Das smac widmet nun im Erker des dritten Stocks dem Architekten eine Dauerausstellung - die deutschlandweit einzige museale Mendelsohn-Würdigung.

          Damit dankt das Museum, das zuvor im gleichfalls nicht gerade unscheinbaren, barockseligen Japanischen Palais in Dresden beheimatet war, für die Gunst der auffallenden Architektur. In ihr wird mit 5500 Exponaten die Menschheitsgeschichte von der Altsteinzeit bis ins frühe Industriezeitalter beleuchtet. Der Fokus liegt auf Sachsen, die Darstellung basiert auf archäologischen Funden und Befunden. Pfiffig die Idee, den ersten Bewohner Sachsens als „gläsernen Neandertaler“ auf ein Podest zu stellen. Die wuchtige 1,60-Meter-Gestalt zeigt über das Bedienen von Touchscreens, die Körperregionen aufleuchten lassen, den Unterschied zum modernen Menschen. Rings um ihn führt eine lineare Bodengrafik als szenografisches Element über drei Etagen; Etage vier ist für Sonderausstellungen reserviert.

          Den roten Faden bildet der wachsende Einfluss des Menschen auf seine Umwelt. Die erste Etage zeigt ihn den klimatischen Veränderungen von Kalt- und Warmzeiten unterworfen, die das Leben der kleinen Gruppen früher Jäger und Sammler bestimmten. In Markleeberg und Groitzsch bei Leipzig, den ältesten sächsischen Fundorten, grub man Werkzeuge aus Feuerstein aus, die einer Frühform des Neandertalers, um 280 000 Jahre alt, zugeordnet werden.

          Modernste museale Didaktik

          Feingeritzte Pferdeköpfe auf Schieferplättchen aus Groitzsch gelten als bisher einzig bekanntes Kunstzeugnis des frühen modernen Menschen. Im Vergleich mit Pferdeporträts des ausgehenden Eiszeitalters wird der kreative Fortschritt anschaulich. Die zweite Etage bietet bäuerliche „Kulturen der Sesshaftigkeit“ zwischen 5500 vor und 800 nach Christus, das Werden der Siedlungslandschaft, wachsende technologische Fähigkeiten, die Entwicklung neuer Gesellschaftsformen, Entstehen und Wandel der Architektur, der Sitten und Trachten. Man ist interaktiv: In einer Installation stehen Besucher vor ihrem Spiegelbild und schauen zu, wie sie einen Speer in die Hand gedrückt und einen Schild umgehängt bekommen, bis unterm Helm ein Legionär mit dem eigenen Gesicht hervorschaut.

          Im dritten Stock - Titel: „Von der slawischen Aufsiedlung bis zur Industrialisierung“ - erscheinen das mittelalterliche „Berggeschrey“, Sachsens damalige Montanwirtschaft, Augusts des Starken Großmachtwahn, das Finden neuer Energien bis hin zur Eisenbahn, die mit dem Industriezeitalter Lebensverhältnisse grundlegend umkrempelte. Übersicht verschafft das multimediale, schwebende Landschaftsmodell von Sachsen, für das in der Mitte des Gebäudes drei Etagen durchbrochen worden sind.

          Von der Altsteinzeit bis ins Industriezeitalter: Alles hinter beleuchteter Kaufhausfassade. Das „smac“ ist eines der modernsten Museen des Landes.
          Von der Altsteinzeit bis ins Industriezeitalter: Alles hinter beleuchteter Kaufhausfassade. Das „smac“ ist eines der modernsten Museen des Landes. : Bild: dpa

          In dem offenen Schlund ist das über Videoprojektionen veränderbare Landschaftsrelief zu betrachten, dazu eine autoaktive Show. Besucher können zudem im Erdgeschoss über einen interaktiven Handlauf individuelle Informationen abrufen. Das ist hierzulande die derzeit modernste museale Didaktik.

          Wer von außerhalb das smac besucht, wird anfangs wohl vor allem vom Gedanken an das gerettete Schocken-Kaufhaus angelockt. Rund 71 Jahre lang war es Kaufhaus - Merkur in der Nazizeit, HO-Warenhaus in der DDR, dann, bis zum Leerstand ab 2001, Kaufhof. Zur Eröffnung des restaurierten mitreißenden Expressionismus hatte man auch die Nachfahren von Salman Schocken aus Israel eingeladen. Lange erfolgte keine Reaktion. Dann sah die Familie erste Fotos des Bauwerks - und 21 Personen kamen zur Eröffnung. Wieder an einem 15. Mai - wie schon einmal.

          Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz, Stefan-Heym-Platz 1.

          Quelle: F.A.Z.

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