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Neues Material bei Wikileaks In eigener geheimer Sache

Ist die Arbeit der Firma Stratfor der Beleg für eine Privatisierung der Geheimdienste? So sieht es jedenfalls Julian Assange. Wikileaks veröffentlicht  Dokumente der Beratungsfirma.

© dapd Vergrößern Schweigt zur Herkunft der neu veröffentlichten Mails: Julian Assange verweist bei der Pressekonferenz in London auf Informantenschutz

Die Organisation Wikileaks hat damit begonnen, fünf Millionen Emails der amerikanischen Beratungsfirma Stratfor zu veröffentlichen, die im Dezember 2011 bei einem Hacker-Einbruch von „Anonymous“ entwendet wurden. Gemeinsam mit 25 Medienpartnern will Wikileaks die wichtigsten Mails veröffentlichen und zeigen, wie Spionage im 21. Jahrhundert privatisiert werde. In Deutschland soll der NDR der Medienpartner von Wikileaks sein.

Wikileaks begann mit der Aktion „Global Intelligence-Files“ in der Nacht zu Montag und veröffentlichte zunächst 167 Emails von Stratfor-Mitarbeitern. Eine Pressekonferenz in London folgte, auf der Wikileaks-Chef Julian Assange Stratfor als privatisierten Geheimdienst anprangerte, der wie die „echten“ Dienste nicht vor Erpressung zurückschrecke, wenn es darum gehe, Informanten auszuquetschen. Besonders anrüchig ist für Assange, dass Stratfor für seine Kunden Themendossiers mit Informationen zusammenstellt, die wiederum in Kontakt mit anderen Kunden gewonnen wurden. Auch das Geschäftsmodell von Stratfor, als Dienstleister mit amerikanischen Behörden zusammenzuarbeiten, kritisiert Assange.

Anonymous ließ sie auffliegen

Da Anonymous neben den Emails auch die komplette Passwort-Datenbank der zirka 20.000 Stratfor-Kunden samt Zahlungsinformationen entwenden konnte, hat Wikileaks offenbar auch einen Überblick, wer Stratfor bezahlt. So warnte Assange auf der Pressekonferenz vor Informationen der Nachrichtenagentur Reuters, da Thomson-Reuters bei etlichen Stratfor-Büros verzeichnet sei.

Die 1996 von dem Militäranalysten George Friedmann gegründete Firma „Strategic Forecasting“ etablierte sich im Kosovo-Konflikt, als die Firma im großen Stil bosnische, serbische, bulgarische und andere Quellen für amerikanische Dienste übersetzte. Stratfor besetzte das Segment der „Open Source Intelligence“ (Osint), in dem aus allgemein verfügbaren Informationen eine Nachrichtenlage erstellt wird. Dank der Nachrichtenströme in Internet hat diese Arbeit stark an Bedeutung gewonnen. Entsprechend groß ist der Kundenstamm der Firma.

„Die Firma ist in Wirklichkeit mehr oder weniger eine mal gut informierte, manchmal auch parteiliche oder völlig daneben liegende Online-Zeitung. Sie hat es gern, wenn ihr Geschäftsmodell ein bisschen gefährlich klingt und nennt sich deshalb eine ,private Geheimdienstfirma’, wie Jungs, die sich wichtig machen wollen“, schreibt Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, in seinem Blog.

Kein Wort über ihre Probleme

Liest man die bisher von Wikileaks veröffentlichten Stratfor-Briefwechsel, so bestätigt sich dieser Eindruck besonders bei den Dokumenten, die sich mit Wikileaks selbst befassen. Sie bestehen größtenteils aus verlinkten oder komplett zitierten Zeitungsartikeln. Etliche Mails erinnern an die Veröffentlichung der Diplomatenmails des amerikanischen Außenministeriums: Mitarbeiter berichten, was sie vom Hörensagen kennen. Insgesamt 4000 Mails über Wikileaks will Wikileaks veröffentlichen, um die eigene Bedeutung ins rechte Licht zu rücken.

Daneben soll die Rolle von Stratfor bei der Bespitzelung der Künstlergruppe „The Yes Men“ untersucht werden, die diesmal Medienpartner von Wikileaks sind. Für den Kunden Dow Chemical hatte Stratfor untersucht, wie die „Yes Men“ bei einer Aktion die Website des Chemiekonzerns „entführten“, um auf die Missstände im indischen Bhopal aufmerksam zu machen. Dabei überlegten die Stratfor-Mitarbeiter, wie der Ruf der „Yes Men“ demoliert werden könnte. Auf der vom indischen Fernsehen übertragenen Wikileaks-Pressekonferenz kündigte Yes Men-Sprecher Mike Bonanno an, das man es nicht bei der Analyse der Stratfor-Mails belassen werde, es gebe weitere Firmen.

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Das Statement klang wie eine Aufforderung an Anonymous, sich den nächsten Server vorzuknöpfen. Während die Hacker dieser Gruppe über Twitter die Pressekonferenz verfolgten und stolz darauf verwiesen, dass sie die Hauptarbeit geleistet haben, erwähnte Julian Assange die Gruppe mit keinem Wort. Als er von Journalisten nach der Herkunft des Materials gefragt wurde, verwies er auf den Informantenschutz. Das Problem, dass Wikileaks mangels einer eigenen Plattform nun auf Hacker-Material angewiesen ist, kam nicht zur Sprache. Stratfor wollte das präsentierte Material nicht weiter kommentieren.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 27.02.2012, 17:20 Uhr

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Von Jürg Altwegg

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