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Veröffentlicht: 26.03.2012, 16:39 Uhr

Neues Konzern-Konzept Suchet, so werdet ihr Google finden

Noch mehr Geld verdienen: Der Internetkonzern Google will die Nutzer enger an sich binden. Per semantischer Verknüpfung soll, wer bei Google sucht, vor allem Google-Angebote finden.

von Detlef Borchers
© picture alliance / dpa Wie an einer Nabelschnur sollen die Internetnutzer an Google hängenbleiben: Die semantische Suche macht es möglich

Seitdem Larry Page Chef von Google ist, wird Google umgebaut. Davon blieb das Herzstück, die Internetsuche, bislang verschont. Das soll sich jetzt ändern. Statt Links auf andere Inhalte soll die Suche dem Google-Nutzer stärker Google-eigenen „Content“ präsentieren, garniert mit Werbung.

Für Millionen von Deutschen ist die Suchseite von Google als Homepage das Internet schlechthin. Erscheint sie nicht, ist das Internet kaputt. Dass Inhalte im Netz ganz ohne Google gefunden werden können, wissen sie nicht. Wie an einer Nabelschnur hängen sie an einem System, das mit eingeblendeter Werbung nach Suchanfragen täglich Millionen Euro verdient. Diese für Google sehr komfortable Position als Web-Drehscheibe wird dann zum Problem, wenn das Web selbst nicht mehr die zentrale Rolle spielt, die es mit der Kommerzialisierung des Internets einnehmen konnte: Nicht wenige Deutsche tippen „Facebook“ ein und gelangen via Google in das beliebte soziale Netzwerk, ohne die exakte Adresse zu kennen. Aus der Sicht von Google sind sie weg, ohne Werbung gesehen zu haben.

Interne Empfehlungen und Verweise

Auf diese Entwicklung reagiert Google mit eigenen Angeboten wie Google+, als Konkurrenz zu Facebook oder mit dem Betriebssystem Android und Google Mail, mit denen Google auf Smartphones und Tablets wandert. Doch das reicht nicht. Auch die Funktion als Suchmaschine muss sich verändern. Anfang des Jahres schrieb Larry Page darum seinen Programmierern eine Mail, in der es heißt, dass die schlanke, ranke Suchmaschine nicht unantastbar sei: „Wir wollen ein einheitliches ,schönes‘ Produkt, über alle Angebote hinweg. Wer das nicht kapiert, sollte anderswo arbeiten.“ Die ersten Umbauten der Suchmaschine zu diesem „schönen Produkt“ werden, wie das „Wall Street Journal“ berichtet, gerade getestet.

Statt schlichter Verweise zu anderen Angeboten landen die Tester in einem Angebot von Google-Informationen, das an vorderster Stelle eingeblendet wird, komplett mit Werbung und Verweisen auf andere Google-Angebote wie den Empfehlungen, was Bekannte auf Google+ alles angesehen haben.

Bloom Energy Touts Breakthrough In Affordable Energy Technology © AFP Vergrößern Google-Chef Larry Page: „Wir wollen ein einheitliches ,schönes‘ Produkt, über alle Angebote hinweg, Wer das nicht kapiert, sollte anderswo arbeiten“

Technisch beruht das neue Angebot auf der Datenbank von Metaweb, einem von Google gekauften Spezialisten für das „semantische Web“. Dieser vom WWW-Erfinder Tim Berners-Lee geprägte Ausdruck steht für das Kontextverständnis, das Menschen besitzen, das den Suchmaschinen aber Probleme macht. Einen Satz wie „Er fährt einen tollen Jaguar“ verstehen wir sofort, während der Maschine die Kontextinformation fehlt, dass mit Jaguar ein Auto gemeint ist und keine Katze. Die in der Metaweb-Datenbank gespeicherten Informationen - nach Googles Angaben handelt es sich um mehr als zweihundert Millionen Einträge - können genutzt werden, um weitere Google-Informationen auf den Schirm zu zaubern.

Die Eingabe „Der Ritt über den Bodensee“ liefert dann nicht nur Hinweise auf das Buch von Peter Handke und die bekannte Ballade, sondern dazu Informationen über den Bodensee, seine Größe, Tiefe und das aktuelle Wetter, präsentiert von Google. Der Nutzer verschwindet nicht zu anderen Seiten, sondern klickt sich tiefer in das Google-Angebot ein. Und Google lernt von ihm weitere semantische Verknüpfungsmöglichkeiten.

Links zu Tageszeitungen und Fernsehsendern

In einem seiner Aufsätze umschreibt Tim Berners-Lee das semantische Web als „Wikipedia für Computer“. Der Rechner „versteht“ die semantischen Querverweise ähnlich der Form, wie Menschen sich durch die Online-Enzyklopädie mit ihren Verlinkungen klicken. Diese Analogie trägt noch weiter. Tatsächlich ist der erste Google-Eintrag bei der Bodensee-Suche heute der Artikel der Wikipedia, der sich mit der Ballade beschäftigt und sofort einen Link auf weitere Informationen zum Bodensee anbietet. In dem Maße, in dem die neue Google-Suche greift, werden alle Wikipedia-Verlinkungen entwertet, die täglich viele Millionen Internetnutzer von Google überwiesen bekommen.

Was die Online-Enzyklopädie in ihrer herausragenden Stellung kaum beunruhigt, dürfte kommerziellen Informationsanbietern Probleme bereiten. Als Beispiel sei die Nachrichtenübersicht news.google.de genannt, mit ihren laufend aktualisierten Meldungen und Links zu den Angeboten von Tageszeitungen und Fernsehsendern. Wer heute dort den Bodensee ansteuert, findet Artikel über die Gründung von St.Gallen vor 1400 Jahren oder die Geburt des Dichters Martin Walser vor 85 Jahren.

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Weiterführende Links gehen zum Beispiel zu dieser Zeitung, zum Magazin „Focus“ und zu den SWR-Nachrichten. Diese könnten künftig durch Google-Content ersetzt werden, und sei es nur das aktuelle Wetter vor Ort. Mit der neuen Google-Suche bekommt auch die Debatte über das Leistungsschutzrecht der Verlage eine neue Dimension - Google ist dabei, sich von Angeboten, für die der Konzern im Zweifel zahlen sollte, vollkommen unabhängig zu machen.

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