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Neues Expo-Konzept in Schanghai „Nicht alt oder neu, sondern alt mit neu“

29.04.2010 ·  An diesem Samstag öffnet die Weltausstellung von Schanghai ihre Tore. China will sich als Gastgeberland mit neuen Konzepten profilieren. Der Expo-Chefplaner, Wu Zhiqiang, stellt hier seine Ideen vor.

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Herr Professor Wu, im Westen sehen viele Menschen das Konzept von Expos als Überbleibsel einer vergangenen Ära des Nationalismus und des Fortschrittsglaubens an. Was sagen Sie diesen Leuten? Wie will die Expo in Schanghai das Konzept der Weltausstellung erneuern?

Ich hoffe, diese Expo wird ein neues Kapitel für den Städtebau in China aufschlagen. Seitdem unser Team an der Tongji-Universität 2004 damit beauftragt wurde, das Expo-Gelände zu planen, war mir klar, dass es nicht nur darum gehen konnte, den Verkehr zu organisieren. Wir mussten im Rahmen des allgemeinen Expo-Mottos „Better City, Better Life“ eine Antwort auf die Frage finden: Was ist eigentlich eine bessere Stadt? Und da haben wir gesagt, diese Expo soll ein Beispiel dafür sein, wie sich das, woher man kommt, mit der Zukunft verbinden lässt, also Denkmalschutz mit nachhaltiger Stadtentwicklungstechnologie. Es sind nur 184 Tage, aber wenn unter den siebzig Millionen Besuchern sechshundert chinesische Bürgermeister sind, die verstehen, wie das geht, wäre das ein Wendepunkt in China.

Wie drückt sich das in der Gestaltung des Expo-Geländes aus?

Wir haben die Plazierung der einzelnen Gebäude nicht bloß nach ästhetischen Kriterien geplant, sondern uns davon leiten lassen, wie wir uns die natürlichen Energien am besten zunutze machen können. Die Leute in Südchina öffnen im Sommer ihre Fenster nach Süden und Norden hin, so dass ein Durchzug entsteht. So haben wir die Windkorridore berechnet und die Pavillons dann derart angeordnet, dass eine natürliche Kühlung möglich ist. Außerdem nutzen wir zur Kühlung und Bewässerung der Pflanzen das Wasser des Huangpo-Flusses, das wir am Ende wieder in den Fluss zurückleiten. So versuchen wir die grüne Technologie und den Menschen wieder zusammenzuführen. Beim Entwurfsprozess muss man mehr Technologie einsetzen, um dann beim Nutzerprozess wieder zur Natur zurückkehren zu können. Was den Denkmalschutz betrifft, haben wir überlegt, welche der alten Industrieanlagen und Häuser in die Funktion der Expo integriert werden könnte. Das „Bureau International des Expositions“ war zuerst skeptisch, weil Expo doch nun mal vor allem bedeute, dass man etwas Neues baut. Aber später waren sie ganz begeistert. So konnten wir viele alte Häuser retten. Und schließlich haben wir auf den Bezug zu den Bewohnern der Stadt geachtet. In der Vergangenheit wurde für solche Großereignisse in China immer alles freigeräumt, und bei früheren Expos auch. Wir haben nun die 6,68 Quadratkilometer, die ursprünglich für das Expo-Gelände vorgesehen waren, auf 5,28 Quadratkilometer gebaute Fläche reduziert, damit zehntausend Haushalte weiter dort bleiben können, wo sie sind.

Aber es sind doch immer noch sehr viele Familien wegen des Expo-Projekts umgesiedelt worden, davon viele gegen ihren Willen.

Es handelt sich da um Siedlungen, die in den zwanziger Jahren am Rande von Fabrikgeländen gebaut wurden. Die Wohnbedingungen sind schlecht, so dass die, die es sich leisten konnten, schon längst weggezogen sind. Die anderen bekommen nun neue Wohnungen im Süden der Stadt, in einer von einem italienischen Architekten gebauten Siedlung. Die meisten sind zufrieden damit.

Welche Rolle spielt es, dass diese Expo in China stattfindet? Kann die Welt auf dieser Expo etwas von China lernen?

Die modernistische Weltsicht sieht vor, dass alle Teile eines Ganzen die gleichen Elemente haben, um seine Einheit zu gewährleisten. Die traditionelle chinesische Kultur geht dagegen davon aus, dass gerade die Unterschiede die Einheit bilden. Diese Verschiedenheit der Betrachtungsweise wurde für mich bei der Planung der beiden Uferseiten wichtig, die das Expogelände ausmachen. Eines Abends ging mir im Büro auf: Wenn wir akzeptieren, dass diese beiden Seiten so unterschiedlich sind und wir von der Idee Abschied nehmen, dass es auf beiden Seiten die gleichen Elemente geben muss, können wir viel Geld sparen. Die Puxi-Seite ist durch viele Industrieanlagen gekennzeichnet, während die Pudong-Seite viel mehr Natur hat. Deshalb haben wir die kulturellen Elemente und die U-Bahnen dort konzentriert. Diese Ungleichbehandlung machte die Sache einfacher, es hatte aber auch eine grundsätzlichere Bedeutung. Man sollte in einer Zeit der wachsenden Konflikte die einander ausschließenden Gegenüberstellungen vermeiden: nicht alt oder neu zum Beispiel, sondern alt mit neu. Es gilt, über den Modernismus hinauszugehen hin zu einer höheren Form Weisheit. Es kommt allerdings auch darauf an, dass sich die alte chinesische Weisheit, die früher dazu tendierte, sich immer wieder wie in einem geschlossenen System selbst zu wiederholen, den Problemen der ganzen Welt zuwendet. Auch darin liegt, finde ich, die Bedeutung der Expo. Wenn ich erkläre, was ich hier mache, sage ich immer, ich male das „Qingming Shanghe Tu“ neu. Das ist ein Gemälde aus der Song-Zeit, das in China jedes Kind kennt und das Menschen ganz unterschiedlichen Alters, verschiedener Schichten und Berufe während eines Festes am Ufer zeigt. Wie können all diese Menschen mit ihren Verschiedenheiten zusammenleben, ein einziges Bild bilden? Das ist die große Frage.

Die Fragen stellte Mark Siemons.

Quelle: F.A.Z.
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