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Neues Buch über Klaus Barbie : Geschmeidiger Weltstar mit Gestapo-Empfehlung

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Der angeklagte Kriegsverbrecher und sein sardonischer Verteidiger: Klaus Barbie mit Jaques Vergés (links) im Mai 1987 im Justizpalast von Lyon. Bild: (c) Armel Brucelle/Sygma/Corbis

Aus dem Folterkeller in den Sold der Geheimdienste im Kalten Krieg: Peter Hammerschmidt hat die Laufbahn Klaus Barbies, des „Schlächters von Lyon“, nach 1945 recherchiert.

          Nikolaus „Klaus“ Barbie, geboren 1913 in Bad Godesberg, gehört wie Adolf Eichmann und Josef Mengele zu den massenmedial vielfach gespiegelten Oberschurken des NS-Staates. Dies lag nicht an den hohen Rängen in der SS oder der Parteihierarchie. Die Biographien bestimmender Männer aus der Intelligenzija des „Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS“ (SD) – wie Werner Best, Otto Ohlendorf, Franz Alfred Six, Reinhard Höhn oder Gustav Adolf Scheel – blieben selbst in der engeren Geschichtswissenschaft bis in die neunziger Jahre nahezu unerforscht.

          Die breitere Öffentlichkeit kannte aus diesem Milieu vielleicht noch Reinhard Heydrich oder „Gestapo-Müller“. Barbie, Eichmann und Mengele waren aber direkt und handgreiflich mit Folter, Todestransporten und KZ-Verbrechen verbunden. Auf sie, nicht auf die übergeordnete Planungsebene, konzentrierte sich das Fahndungsinteresse der israelischen Geheimdienste und „Nazi-Jäger“ nach 1945. Ihr mysteriöses Abtauchen in südamerikanische Refugien kam hinzu. Alle drei sprachen besondere Erinnerungen und Sentenzen auf Tonband, so dass ihre Stimmen heute noch unter uns sind. Barbie klingt mit seinem rheinischen Singsang verblüffend sanft.

          Medial nach wie vor präsent

          Der Foltermethodiker und Gestapo-Chef von Lyon war nach 1945 Geheimagent für die amerikanischen Besatzer, dann nach seiner Abschiebung über die „Rattenlinie“ (1951) in Bolivien unter anderem Unternehmer in maritimen Angelegenheiten, Waffenhändler und Berater bolivianischer Diktatoren. Bevor er 1983 nach Frankreich überstellt wurde, war er von der Militärjunta Luis Garcia Mezas noch zum Oberstleutnant der bolivianischen Armee ernannt worden. Darauf war Barbie sichtlich stolz. Er definierte sich in bolivianischen Angelegenheiten als „unpolitisch“, folgte aber auf Lebenszeit der Leitmaxime der SS: „Meine Ehre heißt Treue“.

          Als Angeklagter im Prozess von Lyon 1987 fand er mit dem Exkommunisten und späteren Advokaten der Roten Khmer, Jacques Vergès, einen angemessen theatralischen und sardonischen Verteidiger. Barbie war Inspiration für Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ und Hauptfigur eines großartig insistierenden Dokumentarfilms von Marcel Ophüls („Hotel Terminus“, 1988).

          Es gibt eine Standardbiographie von Tom Bower und vor allem das Dokumentendossier von Allan A. Ryan für das amerikanische Justizministerium, 1983 erstellt, nachdem das Barbie-Engagement für den Militärgeheimdienst CIC in den Jahren 1946 bis 1951 nicht mehr zu verschweigen war. Dazu kommt ein halbes Dutzend weiterer Bücher und Dokumentarfilme, zuletzt ein vielbeachtetes Hörstück des WDR. Eine neue Fernsehdokumentation in der ARD ist für den Winter dieses Jahres angekündigt.

          BND nahm Massenmörder mit Kusshand

          Der Barbie-Forscher Peter Hammerschmidt, Jahrgang 1986, hat noch vor Abschluss seiner Dissertation, die jetzt unter dem Titel „Deckname Adler“ erschienen ist, einige journalistische Aufmerksamkeit geweckt, indem er in Interviews und Artikeln Barbies BND-Verbindungen in den sechziger Jahren aufdeckte. Dazu trug mit gewohntem Ungeschick vor allem der Bundesnachrichtendienst selbst bei, als er dem jungen Historiker im Mai 2010 Archiveinsichten verweigerte. Dem Bundeskanzleramt als vorgesetzter Behörde war die Sache peinlich, vor allem wegen eines parallel laufenden Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, das die Journalistin Gaby Weber wegen unveröffentlichter Eichmann-Akten angestrengt hatte.

          So kam Hammerschmidt durch einen Ukas des Kanzleramts doch an das gewünschte Material. Der BND hatte Barbie allerdings nur sehr kurz, von Mai bis Dezember 1966, als „nachrichtendienstliche Verbindung“ auf der Gehaltsliste, danach operierte er, wie Hammerschmidt vermutet, noch im BND-gesteuerten Waffenhandel bei der Exportfirma „Merex“, gemeinsam mit weiteren NS-Altkadern.

          Inzwischen ist – auch durch die Arbeit einer sehr verspätet eingesetzten BND-Historikerkommission – in Grundzügen bekannt, dass der BND (anfangs „Organisation Gehlen“) als Agentur des Kalten Krieges nahezu jeden verfügbaren NS-Massenmörder in seine Dienste nahm – wenn er denn über antisowjetische „Spezialkenntnisse“ zu verfügen schien. Zumeist handelte es sich um untaugliches Gelichter oder Doppelagenten. Die BND-Akquisen von Walter Rauff, Alois Brunner, Emil Augsburg oder Rudolf Oebsger-Röder sind gut dokumentiert. Niemanden also würde es heute wundern, wenn auch noch herauskäme, dass Adolf Eichmann Informant oder Quelle des BND war.

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