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Neuer Kulturstaatssekretär Tim Renner : Projektemacher für die Stadt der Kreativen

Der Regierenden Bürgermeister Wowereit stellt den neuen Kulturstaatssekretär Tim Renner (l.) vor Bild: dpa

Rohstoff, Treibstoff, Rammstein und Radialsystem: Der Musikproduzent Tim Renner wird neuer Berliner Kulturstaatssekretär - auch wenn er schon länger nicht mehr in der Oper war.

          Er kommt rein und sagt „Hi“, nachher lässt er sich duzen, aber er tritt sein neues Amt ja auch erst am 28.April so richtig an. Bis dahin muss er sich noch um seine Firma kümmern, Motor Entertainment, zu der ein Radiosender gehören und ein Plattenlabel und die eine Fernsehshow produziert, in der er mitwirkt. Und jetzt wird Tim Renner, Jahrgang 1964, ehemaliger Chef des Musikkonzerns Universal Deutschland, der Mann hinter den Männern von Rammstein und den Sängerinnen von No Angels, der Entdecker von Sven Regeners Element of Crime und Moderator einer Radiosendung bei Radio Bremen, Kulturstaatssekretär von Berlin. Klaus Wowereit hat sehr gute Laune.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So sitzt er jedenfalls da, im dritten Stock seines Roten Rathauses, wo der Regierende Bürgermeister am Donnerstagmittag seinen neuen Mann vorstellt. Den Mann davor, André Schmitz, hatte Wowereit vor kurzem erst entlassen, weil er Steuern hinterzogen hatte, dann aber in den Ruhestand versetzt, worüber in Berlin immer noch diskutiert wird. Vermutlich wird jetzt aber erst mal darüber diskutiert, ob Tim Renner, schwarzes Jackett, blauschwarz gemustertes Hemd, auch geeignet ist als Kulturstaatssekretär einer Stadt mit so vielen Opern.

          Wann waren Sie denn das letzte Mal in der Oper, wird er dann auch gleich gefragt, nachdem Wowereit ihn vorgestellt und Renner selbst ein paar Worte gesagt hat. „Vor einem halben Jahr“, antwortet Renner, aber da sei er auf einer Party gewesen. Und davor? Er müsse abends oft zu den Veranstaltungen seiner eigenen Firma, sagt Renner, in der Oper sei er viel zu selten gewesen, aber das habe er ja mit den meisten Berlinern gemeinsam.

          „Alles zwischen Barenboim und Berghain, Radialsystem und Rammstein“

          Später wird er dann konsequenterweise auch gefragt, wann er das letzte Mal im Club Berghain war, ebenfalls vor einem halben Jahr, sagt Renner, aber da sei er nicht „abgestürzt“, sondern früh zu Hause gewesen, er sei inzwischen zu alt, um „das rein körperlich mitzunehmen“, und außerdem müsse er morgens ja in die Firma.

          Tim Renner ist ein erfolgreicher Musik-Manager, aber er hat in seiner Branche immer auch polarisiert, weil er keinen Widerspruch zwischen Geld und Gesinnung sah. Er kommt ursprünglich aus der unabhängigen Musikszene, die nach dem Punk in der Bundesrepublik entstanden ist, wechselte in die Industrie und stieg dort auf, verließ sie aber wieder – weil er den Sparkurs seines Konzerns Universal nicht mittragen wollte, wie es heißt – und machte sich selbständig. In den letzten Jahren hat er vordenkerische Bücher über die Musikindustrie geschrieben und über den digitalen Wandel, den er als Chance, jedenfalls nicht als Untergang deutet.

          Es heißt, die Wirtschaftsform, die der Punk hervorgebracht hat, sei das Projekt: Renner, der als Teenager Konzerte veranstaltete und ein Magazin herausgab, ist ein lebender Beweis dafür, wie weit man damit kommen kann. Jetzt will er aber, sagt er im Roten Rathaus, als Kulturstaatssekretär dafür sorgen, dass auch die Projektemacher von Berlin, die er für den Boom der Stadt verantwortlich macht, der ja vor allem ein Immobilienboom ist, nicht zugleich davon erdrückt werden.

          Schützen, sagt Renner, müsse man die freie Szene vor der rasanten, aber positiven Entwicklung der letzten Jahre, denn die „Kreativen“ seien das Zentrum, der Rohstoff und der Treibstoff von Berlin. Die Kultur der Stadt misst er aus als „alles zwischen Barenboim und Berghain, Radialsystem und Rammstein“, und als er gefragt wird, was diese Kultur denn am dringendsten benötige, reibt Klaus Wowereit Daumen und Zeigefinger aneinander. Für 2014 ist der Haushalt schon beschlossen. Erst mal müsse der neue Kulturstaatssekretär sowieso den Verwaltungsapparat richtig kennenlernen: „Da wird noch einiges zu lernen sein“, sagt der Bürgermeister in diesem halb belustigten Wowereit-Ton. Im November ist Tim Renner in die SPD eingetreten.

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