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Neuedition der Fontane-Werke : Endlich Zeitgenosse

Schriftbild Theodor Fontanes: Der Ausschnitt einer Postkarte. Bild: dpa

Nicht nur die Geschichte von Effi Briest ist ein weites Feld: Die Große Brandenburger Ausgabe der Werke und Lebenszeugnisse Theodor Fontanes in bislang 38 Bänden setzt auf sorgfältig edierte Texte und umfassende Erläuterungen. Was haben wir Leser davon?

          Am 19. Dezember 1839, pünktlich um halb vier, musste der knapp zwanzigjährige Theodor Fontane in der Spandauer Straße in Berlin beim Kreisphysikus Natorp erscheinen. Vor dem hatte der Apothekerlehrling Respekt, auch der Zeitpunkt der Prüfung war ungünstig: „Ich sah deutlich, dass er von seiner Nachmittagsruhe kam, also zu Grausamkeiten geneigt sein musste; sein Bulldoggenkopf, mit den stark mit Blut unterlaufenen Augen, verriet in der That wenig Gutes.“ Allerdings lief die Prüfung unerwartet gut, und als er später in der Konditorei d’Heureuse den „Berliner Figaro“ aufschlug, las er dort den Anfang seiner ersten publizierten Erzählung: „Vor mehr als einer halben Stunde war ich bei Natorp zum ,Herrn‘ und nun hier bei d’Heureuse zum Novellisten erhoben worden.“

          Schönes Zusammentreffen, denkt man beim Lesen dieser Passage aus Theodor Fontanes Autobiographie „Von Zwanzig bis Dreißig“, die im Juni 1898 erstmals erschien, ein Vierteljahr vor dem Tod des Autors. Bis man den Kommentar zur Neuausgabe des Buchs im Rahmen der „Großen Brandenburger Ausgabe“ aufschlägt und liest, dass weder die Prüfung noch die Publikation von Fontanes Erzählung „Geschwisterliebe“ auf den 19. Dezember 1839 fallen. Sie fallen auch nicht auf denselben Tag, nicht einmal auf dasselbe Jahr. Warum sind sie in der Erinnerung des alten Fontane aber so eng miteinander verknüpft?

          Theodor Fontane 1879
          Theodor Fontane 1879 : Bild: Picture-Alliance

          Wenn Klassiker wie Fontane neu ediert werden, geht es um die Revision des Textes und das Erstellen eines Kommentars. Moderne Werkausgaben nähern sich gern wieder dem Wortlaut und der Zeichensetzung der Handschrift oder der Erstausgabe an, betonen also die Fremdheit des Textes, indem sie diverse Rechtschreibreformen rückgängig machen. So verfährt auch die „Große Brandenburger Ausgabe“, die 1994 im Aufbau-Verlag von dem Fontane-Forscher Gotthard Erler begründet wurde. Und natürlich besitzen die einzelnen Bände seit jeher einen soliden Kommentar, der uns Heutigen das erklärt, was den Zeitgenossen Fontanes nicht erklärt werden musste, seien es Alltagsgegenstände des neunzehnten Jahrhunderts oder Schlachten der brandenburgischen Geschichte.

          Facetten schüren Neugier

          Mit dem Abschluss des erzählerischen Werks Fontanes, der „Wanderungen“ sowie der Tagebücher, Gedichte und Briefe in zusammen 37 Bänden ist nun die Herausgeberschaft auf die Göttinger Germanisten Gabriele Radecke und Heinrich Detering übergegangen. „Von Zwanzig bis Dreißig“ ist der erste Band, der unter ihrer Ägide erschienen ist. Konzipiert wurde er an der neuen Theodor-Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen, erheblich unterstützt durch den Leibniz-Preis, den Detering 2009 erhalten hatte, und wenn man sich fragt, wohin die vielen Fördergelder immer gehen, ist die Antwort in diesem Fall der üppige Apparat des Bandes, der mit etwa 500 Seiten mehr als die Hälfte des gesamten Umfangs ausmacht.

          Natürlich kann man grundsätzlich fragen, ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht, andere Ausgaben schaffen das schließlich auch, und wer jedes Detail erklärt haben möchte, ist sowieso mit einem Lexikon der Fontane-Zeit besser bedient. Weil aber hinter jedem Kommentar einer steht, der ihn erstellt, in diesem Fall mit Wolfgang Rasch einer der besten Kenner der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, enthält der Apparat dieses Bandes eine Fülle von unnachschlagbaren Entdeckungen. Allen voran sind das drei Pseudonyme, die Fontane in seinen Erinnerungen an Zeitgenossen verteilte, die Rasch erstmals entschlüsselt. Es sind aber auch die vielen Widersprüche und Fehler in Fontanes Autobiographie, die Rasch ohne jede Beckmesserei vermerkt. So tritt der Kommentar in einen ständigen, mitunter amüsanten Dialog mit dem Autor, der im Übrigen dem großen Vergnügen an Fontanes Werk keinen Abbruch tut.

          Denn der Autor legt vor, er macht uns in vielen Kleinporträts seine Zeitgenossen schmackhaft, so dass wir entschieden mehr wissen wollen. Dann übernimmt der Kommentar, rückt zurecht und ergänzt: etwa die Geschichte vom deutschen Erfinder, der die Themse mit schwimmenden Kohlefiltern reinigen will, vom Kreuzzeitungsredakteur, der einen Frankreich-Korrespondenten erfindet und, als der Schwindel auffliegt, sterben lässt, oder von Theodor Storm, dessen Sohn abends unter dem Tisch in die Waden der Gäste beißt und vom stolzen Vater nur mild getadelt wird.

          So viel Stoff! Und das Buch kann nur die Hälfte all dessen fassen, was ermittelt wurde. Die andere Hälfte findet man auf einer Website der Universität Göttingen. Das Verfahren ist problematisch, selbst wenn man darauf vertraut, dass all die dort ausgelagerten Daten auch noch in Jahrzehnten zugänglich sind, denn wer will schon beim Lesen des Buchs immer zum Computer schielen. Andererseits ergibt sich daraus die Chance, nicht nur etwaige Fehler des Kommentars laufend zu korrigieren oder Informationen zu ergänzen. Denkt man das Verfahren zu Ende und legt man einen solchen Kommentar bandübergreifend an, erhielte man im Netz ein umfassendes Kompendium zur Fontane-Zeit. Oder sogar zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Schließlich entsteht gerade von Gutzkow bis Gotthelf eine Reihe weiterer Werkausgaben.

          Quelle: F.A.Z.

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