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Neue Studie zum Kinderwunsch in Deutschland Gewöhnt euch wieder an Kinder!

15.09.2010 ·  Vereinbarkeitsfrage: Die Deutschen wollen wieder mehr Kinder. Ob ein Anstieg der Geburtenrate eintreten wird, ist offen. Denn ein Kind ist eine Option unter vielen, für oder gegen die man sich entscheidet. Und arbeitende Mütter sind für viele noch immer eine Horrorvorstellung.

Von Levke Clausen
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In Deutschland wächst der Wunsch nach Kindern - erstmals seit Jahren. Die Studie „Monitor Familienleben 2010“, die vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt wurde, zeigt: Zweiundfünfzig Prozent der Kinderlosen unter fünfzig Jahren wollen „bestimmt“ Kinder, während es 2008 noch dreiundvierzig Prozent waren. Auch die Zahl der Eltern, die sich weitere Kinder wünschen, steigt von neun auf zwölf Prozent. Ein wirklicher Anstieg der Geburtenrate lässt sich heute freilich noch nicht feststellen. Ob er eintreten wird, ist offen.

Denn tatsächlich ist die Geburtenrate zuletzt kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2009 kamen auf tausend Einwohner bundesweit 7,9 Geburten. Ein Jahr zuvor waren es noch 8,3. Außerdem ist der Anteil jener, die nach dem Befund der Studie explizit keine Kinder wollen, zwar nicht gestiegen, aber auch nicht gesunken - sie liegt weiter stabil bei zwanzig Prozent.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) gibt sich dennoch optimistisch und verspricht den Eltern durch flexiblere Arbeitszeiten mehr Zeit für ihre Kinder. Die Frage ist aber, ob sie diese denn bekommen. Denn wie stark der Zusammenhang zwischen Wunsch und Wirklichkeit in dieser Frage ist, bleibt in der Forschung umstritten.

Der Mut zum Kind wächst

Für Kerstin Ruckdeschel, Familiensoziologin und Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, eignet sich der Kinderwunsch als Prognose-Indikator nur bedingt: „Der Kinderwunsch stellt zunächst lediglich eine in die Zukunft gerichtete Handlungsabsicht dar. Als sicher kann gelten, dass er Informationen über die grundlegende Bereitschaft, Kinder zu bekommen, liefert. Die Kinderwünsche liegen aber immer über der tatsächlichen Kinderzahl.“ Rund achtzig Prozent der jungen Deutschen wünschen sich Familie, tatsächlich bleibt fast jede dritte Frau zwischen sechzehn und fünfundsiebzig Jahren kinderlos. Zu diesem Ergebnis kam der Mikrozenzus des Statistischen Bundesamts 2008.

Die Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher liest aus der Umfrage einen „Wertewandel“ ab: Der Mut zum Kind wachse wieder. Tatsächlich sind manche der von künftigen Eltern als Hürden empfundene Belastungen reduziert worden. 2007 betrug die Summe der Nennungen (“muss unbedingt erfüllt sein“) 653 Prozentpunkte, heute nur noch 581 Prozentpunkte. Mittlerweile seien beispielsweise nur noch zweiundvierzig Prozent der Deutschen der Auffassung, dass beide Partner ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben müssten, bevor die Entscheidung für ein Kind fallen könne, was 2007 noch zweiundfünfzig Prozent gefordert haben.

Es hängt von zahlreichen Faktoren ab

Frau Ruckdeschel deutet dies so, dass die persönliche Situation wieder optimistischer beurteilt werde. Das wiederum wirke sich positiv auf den Kinderwunsch aus. Ob dieser realisiert wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab - dem Alter, der aktuellen ökonomischen Situation, ob sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, den jeweiligen Werthaltungen. Sie sind rein situativ und können aktuell von großer Bedeutung sein, morgen schon nicht mehr.

Einen besonders wichtigen Faktor stellt die Frage der Partnerschaft dar, weil der Kinderwunsch bei Partnerlosen oft gar nicht thematisiert wird. Ferner kommt es auf die Lebensform an. Partner, die nicht zusammenleben, haben in der Regel einen schwächer ausgeprägten Wunsch nach Kindern. In Deutschland ist zudem das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Freiräumen angewachsen. Individualistische Orientierungen sind ein Phänomen, das in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Die soziologische Datenanalyse der „Population Policy Acceptance Study“, ein international vergleichendes Forschungsprojekt, in dem die Einstellungen der Bevölkerung zum demographischen Wandel erforscht werden, zeigt, dass eine Gruppe entstanden ist, die aufgrund individualistischer Orientierungen keine Kinder will. Begründung: Mit Kindern könne man das Leben nicht mehr genießen.

Familie und Beruf lassen sich nicht gut vereinbaren

Und natürlich spielt Bildung eine Rolle. Laut dem „Gender Datenreport 2004“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Bildung und Mutterschaft: Je höher der Schulabschluss, desto größer der Anteil der Frauen, bei denen im Alter von fünfunddreißig bis neununddreißig Jahren kein Kind im Haushalt lebt. Der Wunsch ist bei höher Gebildeten im Durchschnitt deshalb größer als bei niedriger Gebildeten, weil sie ihre Kinderwünsche durch lange Ausbildungszeiten später umsetzen. In der Rushhour des Lebens geht es um die Etablierung im Beruf. Sie ist aber zugleich die Lebensphase, in der man auch in die Familienphase eintreten sollte. Damit bleibt der Wunsch länger Wunsch.

Hinzu kommt, dass die Geburtsjahrgänge im Zuge des demographischen Wandels in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden sind. Es fehlt in Deutschland also nicht nur an Kindern, sondern auch an potentiellen Eltern.

Ministerin Schröder appelliert trotzdem an junge Paare, Risiken in Kauf zu nehmen, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Sie verspricht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern zu wollen. Denn dieser Bereich wird von den Deutschen nach wie vor negativ beurteilt. Lediglich einundzwanzig Prozent der Bevölkerung haben den Eindruck, dass sich Familie und Beruf in Deutschland gut vereinbaren lassen. Dreiundsechzig Prozent finden, die Vereinbarkeit sei „nicht so gut“. Auf der politischen Agenda der Familienministerin müssten deshalb stehen: stärkere finanzielle Unterstützung, Ganztagsbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten. Beruf und Elternschaft müssen sich endlich besser vereinbaren lassen.

Erwerbstätige Mutter ist kein alltägliches Bild

Die Rahmenbedingungen sind das eine, aber auch in den Köpfen müsste sich etwas tun. Ein internationaler Vergleich zeigt nämlich, dass Deutschland in der Frage, ob man „Kinder braucht, um ein erfülltes Leben zu haben“, ganz hinten liegt. Dreiunddreißig Prozent der (West-)Deutschen befürworten die These. In Frankreich sind es siebenundsechzig. Deutschland ist ein kinderentwöhntes Land geworden. Vor- und Nachteile werden abgewogen, ein Kind ist eine Option unter vielen, für oder gegen die man sich entscheidet. Die ländervergleichende Studie der Soziologin Birgit Pfau-Effinger, welche die Geschlechter-Arrangements in Europa untersuchte, zeigt, dass gleichzeitig die Ansprüche und Erwartungen gewachsen sind, denen zufolge es auch immer anstrengender werde, Kinder großzuziehen.

Eine erwerbstätige Mutter, die kleine Kinder zu Hause hat, ist hierzulande immer noch kein alltägliches Bild. „Die Horrorvorstellung, dass Kinder einen Schaden bekommen, wenn sich Mütter nicht mehr vierundzwanzig Stunden um sie kümmern, muss aus den Köpfen der Deutschen verschwinden“, fordert die Soziologin Ruckdeschel. Nur wenn Elternschaft nicht primär unter dem Aspekt der schwierigen Vereinbarkeit diskutiert werde, könne aus dem Wunsch Wirklichkeit werden. Schließlich böten Kinder nicht nur eine emotionale Bereicherung, sondern durch nichts zu ersetzende subjektive Sinnstiftung - als einzige lebenslange Bindung, die dem modernen Menschen bleibt.

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