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Neue Reality-Serie auf RTL Kindes- oder Zuschauermissbrauch?

 ·  „Erwachsen auf Probe“ heißt ein neues Sendeformat, das Anfang Juni bei RTL starten soll und Teenager im Umgang mit geliehenen Babys zeigt. Kritiker laufen dagegen Sturm. Gestern lud der Sender zur Diskussion.

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„Sind wir schon wieder so weit, dass Experimente mit Menschen von der Gesellschaft akzeptiert werden?“ Diese erschreckende Stellungnahme stammt nicht aus dem Mund eines Paranoiden, sondern vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Sie richtet sich gegen die vom 3. Juni an auf RTL ausgestrahlte Reality-Serie „Erwachsen auf Probe“.

Und die Psychologen stehen beileibe nicht allein mit ihrem harschen Urteil gegen die bereits vollständig abgedrehte Serie, in der vier Teenager-Paare mit Kinderwunsch im Schnelldurchlauf einen Eignungstest für das spätere Familienleben zu absolvieren und dabei auch echte Kinder verschiedenen Alters - Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder, Jugendliche - zu betreuen haben.

Nach BBC-Vorbild

Besonders großen Anstoß erregte ein Satz der Presseerklärung zu der ein BBC-Vorbild (The Baby Borrowers) kopierenden Sendung: „Dann überlassen vier Familien aus ganz Deutschland für vier Tage den Teenagern das Schönste, was sie besitzen: ihre Babys.“ Weiter ging aus dieser Meldung hervor, dass die leiblichen Eltern den Umgang mit ihren Kindern jederzeit durch Kameras überwachen konnten. Auch seien Erzieherinnen, eine Psychologin und eine Ärztin vor Ort gewesen, und Rat habe es zudem von der Expertin Katja Kessler gegeben, die nicht nur Ehefrau von „Bild“-Chef Kai Diekmann ist, sondern auch vierfache Mutter.

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) hat die Reihe abgenommen, auch wenn die ersten vier Folgen erst ab zwölf Jahren freigegeben sind und nicht im Tagesprogramm gezeigt werden dürfen. Dann brach der Sturm los. Inzwischen haben sich zahllose Verbände von Hebammen, Krankenschwestern, Psychiatern, Ärzten und anderen Berufsgruppen bis hin zur Kinderkommission des Bundestages gegen die Ausstrahlung der Sendung ausgesprochen. Vielfach ist von Kindesmissbrauch die Rede.

Kinderrechtsorganisationen sind entsetzt

Mehrere Landesmedienanstalten und viele Jugenddezernenten haben sich in den vergangenen Tagen dem Protest angeschlossen, ebenso die Evangelische Kirche in Deutschland. Das Familiennetzwerk hat eine bereits zweieinhalbtausend Mal unterzeichnete Online-Petition gegen die Serie geschaltet, dreißig österreichische Kinderrechte-Organisationen protestieren „auf das Schärfste“ und der Deutsche Kinderschutzbund druckt quasi stündlich neue Pressemitteilungen gegen eine „Gefährdung von Kindern (...) zur finanziellen Bereicherung der Produzenten“.

RTL spricht von einer „in der Geschichte des deutschen Fernsehens“ nie da gewesenen „Vorverurteilung“. Dass der Sender aber nicht im Traum daran denkt, vom Sendetermin abzurücken, machte die RTL-Programmleitung gleich zu Beginn des nun in Köln angesetzten Vorführtermins deutlich, zu dem - ein Novum und Zeichen von Besonnenheit - nicht nur Journalisten (es gab in diesem Fall keine Sichtungskopien), sondern auch Kritiker des Konzepts geladen waren.

Passend zu RTL

Obwohl die meisten Verbände der Einladung nicht gefolgt seien, wie es hieß, war der Raum brechend voll. Bezeichnenderweise war es der RTL-Unterhaltungschef, Thomas Sänger, der das Projekt vorstellte. Weit wies er die Mutmaßung zurück, dass es dem werbefinanzierten Privatsender hier um Quote und Werbekunden gehe: Der Werbemarkt sei ohnehin völlig zusammengebrochen. Fast erstaunt beantwortete er die Frage, ob sich nicht im Gegenteil bereits Werbekunden vom Sender abgewandt hätten, mit einem Nein. Man nehme sich mit „Erwachsen auf Probe“ doch in erster Linie eines gesellschaftlich relevanten Themas an.

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