01.11.2007 · Die deutschen Reisepässe, die von diesem Donnerstag an ausgegeben werden, eröffnen ein neues Kapitel in der Geschichte des Fingerabdrucks - und der Überwachung. Offiziell heißt es, es werde lediglich eine Sicherheitslücke geschlossen.
Von Katharina TeutschDer Besuch der Bundesdruckerei gleicht in diesen Tagen dem Bummel über eine Sicherheitsmesse. Um die Herstellung der neuen elektronischen Reisepässe, die von diesem Donnerstag an ausgegeben werden, zu demonstrieren, hat man hier eigens einen Showroom eingerichtet.
Journalisten und Wirtschaftsvertreter können sich darin vorführen lassen, wie ihre Fingerabdrücke auf den winzigen Chip im Einband des neuen Reisepasses gelangen. Riesige Bildschirme zeigen die eingescannten Fingerprofile der Testpersonen. Eigentlich besteht rein optisch kein großer Unterschied zu den Bildern auf den Monitoren der Kripo.
13.000 Treffer pro Jahr
Fingerabdrücke machen uns unverwechselbar - und eben kontrollierbar. Dieses Phänomen verdankt sich den Minutien, mikroskopisch kleinen zufallsgenerierten Mustern, die jeder Mensch auf den Fingerkuppen trägt. Mehr als drei Millionen Abdrücke liegen heute in den Archiven des Bundeskriminalamts in Wiesbaden.
Mit Hilfe einer leistungsfähigen Software gelingen der Spurensicherung jährlich rund 13.000 Treffer, also Identifizierungen von Personen oder latenten Tatortspuren durch den Abgleich mit den laufenden Beständen. Die hochkomplexen Algorithmen der modernen Computertechnik haben das uralte Problem der Klassifizierung von Fingerabdrücken wenn auch nicht abgeschafft, so doch überschaubar gemacht.
Ein einzigartiges organisches Formengebilde
Daktyloskopie, „Fingerschau“, heißt die Wissenschaft, die sich nun seit mindestens zwei Jahrhunderten mit Fingerabdrücken beschäftigt und mit der Zeit zum wichtigsten Hilfsinstrument der Kriminalistik wurde. Doch worin unterscheiden sich Fingerabdrücke eigentlich? Zunächst einmal bestehen sie aus einfachen Formen, aus Bogen-, Wirbel- oder Schleifenmustern, die allerdings auf jedem einzelnen Finger anders interpretiert werden.
Es sind die unzähligen abweichenden Merkmale und Linienverläufe, die den Fingerabdruck zu einem einzigartigen organischen Formengebilde machen. Im Selbstversuch des Berliner Showrooms der Bundesdruckerei kann man seinen eigenen Typus erfahren: Ist man ein Bogen-, Schleifen- oder Wirbelmüstler? Mehr erfährt man nicht.
Daktyloskopie zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt
Würde man das Typenschema der Daktyloskopie auf deren eigene Geschichte anwenden, so könnte man in ihr das Muster einer Schleife erkennen. Die fortschreitende Technik hat nicht nur die Speicherung unendlich großer Datensätze, sondern vor allem auch das automatisierte Auslesen von biometrischen Informationen ermöglicht. Im Chip des elektronischen Reisepasses werden auch zwei digitalisierte Fingerabdrücke erfasst. Die Daktyloskopie ist also zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt, die nicht, wie man vielleicht erwarten würde, in der Forensik liegen, sondern in der Anthropologie des neunzehnten Jahrhunderts.
Noch einige Dekaden zuvor waren Verschleierung oder Vertauschung von Identitäten ein Kinderspiel. Die Bevölkerungsexplosion des beginnenden Industriezeitalters und damit auch die wachsende Kriminalität erforderten aber zuverlässige Methoden der Wiedererkennung. Zwar gab es bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Schriften, die sich mit dem Wesen von Fingerkuppenmustern beschäftigten. Über die mögliche Anwendung dieses Wissens aber war man sich noch nicht klar.
Die Idee zur kriminologischen Nutzung kam spät
Die Antwort kam aus den Kolonien. Anders als ihre europäischen Kollegen hatten asiatische Gelehrte die Eigenschaften der unscheinbaren Linien auf den Fingerkuppen schon früh erforscht. Vor allem Bengalen benutzten ihren Daumenabdruck zur Versiegelung von Briefen und Dokumenten. Im Jahr 1860 bemerkte der britische Verwaltungsdirektor William Herschel diesen Brauch und setzte ihn selbst erfolgreich gegen Identitätsschwindel bei Pensionszahlungen ein: Jeder pensionsberechtigte Inder wurde daktyloskopisch erfasst, und Herschel ließ sich die Lohnauszahlungen mit einem Daumenabdruck quittieren.
Dabei ging es zunächst immer nur um die Frage der Identität, um einen Abgleich zwischen Original und Abbild. Noch dachte niemand an die Möglichkeit, Fingerabdrücke einander gegenüberzustellen, sie gar für polizeiliche Ermittlungen zu nutzen. Erst 1880 erwähnte der englische Arzt Henry Faulds die Möglichkeit, flüchtige Täter mit Hilfe solcher Spuren zu überführen, und verfasste eine erste Anleitung über die Abnahme von Fingerabdrücken.
Raub der „Mona Lisa“ brachte den Durchbruch
Es sollte jedoch noch einige Jahre dauern, bis sich die Daktyloskopie in der Forensik durchsetzen konnte. Besonders in Frankreich stieß sie wegen ihrer schwierigen Klassifizierbarkeit auf Widerstand, und erst der spektakuläre Raub der „Mona Lisa“ im Jahr 1911 brachte den Durchbruch der neuen kriminologischen Technik. Der Täter konnte mit Hilfe eines am Tatort hinterlassenen Fingerabdrucks überführt werden.
Noch heute stützt sich die polizeiliche Spurensicherung auf die Prämissen des daktyloskopischen Identitätsnachweises: die Einmaligkeit, die Unverwechselbarkeit und die Unveränderlichkeit von Fingerabdrücken. Es wird aber in Zukunft keine zentrale Datenbank dafür geben - weder in der Bundesdruckerei noch bei den Passbehörden. Die anfallenden Daten sollen nach der Herstellung der elektronischen Pässe sofort wieder gelöscht werden. Die Fingerabdrücke, so heißt es, dienten ausschließlich der Bindung zwischen Pass und Person. Ihre digitale Präsenz soll jene Sicherheitslücke schließen, die bislang vom Augenmaß des Grenzbeamten abhing.
Schleifenmuster oder doch eine Acht?
Warum die neuen Reisepässe nicht nur ein wenig unheimlich, sondern trotz ihrer Modernität zugleich merkwürdig anachronistisch erscheinen, ist einfach zu erklären: Mit der erwünschten Annäherung von Passträger und Passbesitzer durch das Relais eines digital gespeicherten Fingerabdrucks kehrt die Biometrie zu ihrem ursprünglichen Anliegen zurück: zum Traum einer exakten, effizienten und beherrschbaren Personenerkennung, einer Identifizierung, die sich noch nicht mit den Bedürfnissen der Kriminalistik vermischt.
Doch vielleicht ist das Schleifenmuster der Daktyloskopiegeschichte am Ende eher eine in sich verschlungene wiederkehrende Acht. Schon jetzt verlangen Länder wie die Vereinigten Staaten bei der Einreise die Abgabe von Fingerabdrücken, die anschließend mit den Datenbanken der Geheimdienste abgeglichen werden und deren Verbleib sich von keinem Reisenden der Welt mehr kontrollieren lässt. Was die jeweiligen Gastländer mit dem Datensatz machen, steht in keinem deutschen Passgesetz. Zugunsten der Terrorismusbekämpfung könnte die biometrische Personenerkennung also schon bald wieder einen Schlag ins Forensische bekommen.