http://www.faz.net/-gqz-4a14

Neue Deiche : Venedig wird nicht untergehen

  • -Aktualisiert am

Die Markuskirche im Hochwasser 2002 Bild: dpa

Das milliardenteure Großprojekt "Mose", mit dessen Verwirklichung jetzt begonnen wird, soll die Lagunenstadt vor den Hochwasserfluten bewahren. Aber ob die beweglichen Deiche überhaupt notwendig sind, ist mehr als zweifelhaft.

          Seit 20 Jahren wird um bewegliche Lagunendeiche als Hochwasserschutz für Venedig gestritten. Nächsten Dienstag nun soll das Großprojekt aus der endlosen Phase des Forschens und Streitens in jene der Verwirklichung übergehen. Vor den drei Lagunenzugängen im offenen Meer setzen sich Bagger fest, große Mengen Materials werden herantransportiert. So will die Regierung Silvio Berlusconis, der sich nicht nehmen läßt, selbst den Grundstein zu legen, im Alleingang das historische Projekt durchpeitschen.

          "Mose" - Module sperimentale elettromeccanico - lautet in Anspielung an den Marsch des biblischen Wasserteilers durchs Rote Meer das Akronym für die unterseeischen Stahlplatten, die sich bei jedem Hochwasser von mehr als 110 Zentimeter über Normalnull aus den Fluten erheben und so den Markusplatz trockenhalten sollen.Doch angesichts der byzantinischen Entscheidungsfindungen und der historisch begründeten Vorsicht der Venezianer im Umgang mit ihrem Lebenselixier kam "Mose" in der Lagune jahrzehntelang nicht recht voran. 23 Zentimeter, so die Messungen, liegt die Stadt tiefer in den Fluten als vor 100 Jahren, teils wegen inzwischen gestoppter Wasserentnahmen, die den Lagunenboden sinken ließen, teils aber auch durch den Anstieg des Meeresspiegels.

          Kommt es auf 20 Jahre an?

          Nach den schlimmsten Szenarien könnten weite Teile des Stadtgrundes in einem halben Jahrhundert jeden dritten Tag bei Flut ein paar Zentimeter unter Wasser liegen. Ebenso verheerend klingt allerdings auch die Prophezeiung der Deichgegner unter Umweltschützern und im venezianischen Stadtrat: Die beweglichen Module würden den Wasseraustausch erschweren, damit die Verlandung begünstigen, die Wasserqualität markant senken und die Tierwelt der Lagune schädigen.

          Welche der beiden Visionen stimmt, läßt sich nur im Großversuch namens Wirklichkeit klären. Schon immer standen die Venezianer mit ihrer einzigartigen, aber auch einzigartig fragilen Stadt vor dem Dilemma, zwischen Überschwemmung und Verlandung wählen zu müssen. Bisher - so beweist die erstaunliche Lebenskraft im seit Jahrhunderten hartnäckig untergehenden und doch fidelen Venedig - haben die Ahnen alles richtig gemacht. Was bedeuten da 20 Jahre Zögern? Warum die plötzliche Hektik? Gianpietro Zucchetta hat in seiner unlängst erschienenen Geschichte des "acqua alta" die chronikal belegten Hochwasser seit dem Mittelalter aufgelistet und dadurch nachgewiesen, daß die Venezianer, zumal zwischen Oktober und Dezember, immer schon mit verheerenden Fluten leben mußten, was vielleicht die Gelassenheit vieler Venezianer im Umgang mit dem Hochwasser erklärt.

          Sanft ausbaggern

          Ist die heutige Klage über die winterlichen Überschwemmungen und ihre nachweisbare Häufung in den vergangenen Jahren also nur moderner Bequemlichkeit geschuldet? Kann eine Kongreß- und Reisemetropole sich keine Ausfallstage und Rücksichten auf die Elemente mehr erlauben? Schließlich ist durch eine der sanft aus den Abflüssen perlenden, wenn auch zweifellos äußerst hinderlichen Badewannenfluten noch nie jemand körperlich zu Schaden gekommen; für Durchreisende mit Gummistiefeln ist das "acqua alta" sogar eine Attraktion.

          Deshalb plädieren die Deichgegner für sanfte Maßnahmen wie das Ausbaggern der verschlammten Kanäle, das derzeit mit einem Jahresetat von 20 Millionen Euro in der ganzen Stadt sukzessive geschieht, das Fixieren und Betonverschalen der vom Wellengang mitgenommenen Fundamente sowie das Höherlegen der tiefsten Zonen. An einigen Stellen von San Marco und Rialto gurgelt die Flut bereits bei gut 80 Zentimeter über Normalnull aus den Gullys, bei der Flut von 147 Zentimeter über Normalnull in diesem November, die weite Teile des Grundes und der Parterrewohnungen betraf, standen also Markusplatz und Teile der Kathedrale 70 Zentimeter unter Wasser - was für die Medien regelmäßig spektakuläre Bilder liefert. In Wirklichkeit fließt der Tidenhub, was oft übersehen wird, innerhalb weniger Stunden wieder ab. Es ist aber klar, daß sich der historische Grund nicht viel weiter als einige Handbreit wird erhöhen lassen, ohne die Gestalt weltweit einzigartiger Viertel und Plätze unkenntlich zu machen.

          Der Markusplatz wird höhergelegt

          Weitere Themen

          Mustereuropäer im hohen Norden

          100 Jahre Lettland : Mustereuropäer im hohen Norden

          Vor hundert Jahren wurde Lettland ein eigener Staat: Reise in ein erstaunliches Land, dessen Bewohner Bücher lieben und mit ihrer Introvertiertheit kokettieren.

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.