25.07.2009 · Dass die gerade veröffentlichten Tonmitschnitte einer Liebesnacht mit einem Escortgirl dem Premierminister schaden, darauf wettet nicht einmal die linke Opposition. Tatenlos sieht sie zu, wie Berlusconi versucht, seine Eskapaden als mediterran-machistischen Imagegewinn zu verbuchen.
Von Dirk SchümerEines muss man Silvio Berlusconi lassen: Er hat nicht nur Kondition und gute Nerven, sondern er bleibt auch in privatesten Lagen immer formvollendet. Seine Gegner wie seine Bewunderer, die sich in Italien in zwei etwa gleich große Lager aufteilen, konnten die intimen Umgangsformen ihres mächtigsten Mannes diese Woche online kontrollieren. Das apulische Escortgirl Patrizia D’Addario hatte die Tonaufnahmen einer Liebesnacht mit dem Premier an das Wochenmagazin „Espresso“ weitergeleitet, das sogleich groß mit einer Sensation herauskam, die eigentlich keine mehr war. Denn die D’Addario, die gleichzeitig in Spanien ihre Nacktfotos auf den Markt brachte, hatte pikante Details ihrer Intimbeziehung zu Berlusconi bereits stückweise an diverse in- und ausländische Medien verhökert.
Nun folgte also der akustische Beweis, wenn auch stark gedämpft, weil die Aufnahmen offensichtlich mit einem Mobiltelefon unter erschwerten Bedingungen erfolgten. So blättert der Premier in einem von ihm selbst illustrierten Buch und bietet dieses in zärtlichem Ton der Gespielin als Präsent an: „Das kannst du ja weiterverschenken. Ach nein, das wäre ja Verschwendung.“ Danach verabreden sich die beiden in einem anderen Bett („. . . dem von Putin“), und der Ministerpräsident nimmt mit Schlagerbeschallung eine der legendären nächtlichen Kaltduschen, von denen die sichtlich mitgenommene Prostituierte ihren staunenden Interviewern bereits erzählt hatte.
Duschgeschichten in Obamas Wahlnacht
Weitere Aufnahmen zeigen nicht allein, wie galant, wenn auch etwas eilig sich Berlusconi tags darauf noch einmal bei Patrizia D’Addario meldete. Und es wurde klar, dass sich die 42-jährige Dame offenbar Zählbareres von ihrem Stelldichein versprochen hatte als ein illustriertes Buchgeschenk oder den Schildkröten-Anhänger, den sie schließlich aus dem römischen Palazzo Grazioli mitnehmen durfte. In einem dritten Anruf beschwert sich das Escortgirl bei ihrem Vermittler Giampaolo Tarantini, dass der versprochene Briefumschlag mit fünftausend Euro ausgeblieben sei. Augenscheinlich hoffte D’Addario auf andere Kompensation: eine hohe Kandidatur in Berlusconis Partei oder wenigstens unbürokratische Hilfe bei einem Bauprojekt. Erst als diese nicht kam und klar geworden war, dass der mächtige Mann die Auserwählte fallengelassen hatte, ging sie mit ihren intimen Mitschnitten vom letzten Herbst an die Öffentlichkeit.
Dass die Dusch- und Liebesgeschichten ausgerechnet in die Wahlnacht Barack Obamas fielen und der Premier in dieser wichtigen Angelegenheit für seinen Stab stundenlang nicht erreichbar war, versucht die Opposition nun mühsam als Führungsproblem darzustellen: „Das Land geht an Krücken“, so der kommunistische Sprecher Jacopo Venier, „und der Premier hat ganz anderes im Kopf.“ Weil dies andere aber offenbar dasselbe ist, was Millionen italienischer Männer auch im Kopf haben, und weil die Kommunisten ohnehin zur Bedeutungslosigkeit zerstritten sind, kann Berlusconi wie ein schelmischer Papagallo vom Adriastrand mit seinen halbherzigen Entschuldigungen an die Öffentlichkeit gehen. „Ich bin nun mal kein Heiliger“, verkündete er am Mittwoch in Mailand beim Spatenstich für eine Autobahn, „gerade in der Lombardei gibt es ja so viele hübsche Töchterlein.“ Und er versprach unter donnerndem Applaus, bei der Einweihung der Strecke 2012 in selber Funktion wiederzukommen: „Wie käme Italien denn ohne uns aus?“
Missbrauch der Medien für unethische Zwecke
Dass die Bänder des Escortgirls dem Premierminister schaden, darauf wettet offenbar nicht einmal die linke Opposition, die sich mit Kritik in der Rolle des Moralapostels schwertut und nur kleinlaut „ein Minimum an Moral“ einfordert. Schließlich geht es um kein Delikt und darf nach dem laizistischen Staatsverständnis der Linken daheim jeder Italiener tun und lassen, was er will. Zudem lebt Berlusconi in einem Scheidungsverfahren von seiner Gattin seit längerem getrennt. Wenn also ein 72-jähriger Patron seine nicht nur politische, sondern auch körperliche Potenz vor den Augen der Nation gratis triumphal bestätigt bekommt, dürfte dabei auch ein mediterran-machistischer Imagegewinn herauskommen: Berlusconi steht überall seinen Mann.
Zur Sicherheit hat Berlusconi seinen Anwalt Klage gegen die „Espresso“-Gruppe, die ja geschäftlich auch ein Konkurrent von Berlusconis Holding „Mediaset“ ist, einreichen lassen. Dieser Anwalt, der natürlich auch ein Abgeordneter der Partei Berlusconis ist, spricht vom „Missbrauch der Medien für unethische Zwecke“, womit er nach gängigem Rechtsgefühl nicht wirklich verkehrt liegt. Denn welcher Privatmann fände schon gerne Mitschnitte intimer Rendezvous im Internet wieder?
Bei Berlusconi ist die mitteilungsfreudige Ex-Geliebte D’Addario freilich nur das Ende einer Kettenreaktion, die vor zwei Monaten mit Berlusconis spendablem Besuch beim achtzehnten Geburtstag einer neapolitanischen Verehrerin, Noemi, losgetreten wurde. Danach reichte Berlusconis Gattin Veronica Lario die Scheidung ein. Das Mädchen Noemi, das von ihrem süßen Geheimnis mit „Papi Silvio“ nicht müde wurde zu lispeln, ist von ihrem ehrgeizigen Vater inzwischen durch alle Gazetten und Lokalradioprogramme geschleift worden und wird auf Dauer wohl ebenso wenige Spuren hinterlassen wie Patrizia D’Addario, doch wurde durch die Mädchengeschichten immerhin das eine oder andere Sommerloch – auch in Berlusconis eigenen Klatschblättern – elegant gestopft.
Die Beleibtheitswerte fallen
Es ist nicht einmal sonderlich spannend, die Hausmedien des Patrons zu verfolgen, wenn sie freilich auch sehr viel schamhafter und tendenziöser mit der Sache umgehen. In seiner Tageszeitung „Il giornale“ werden die Enthüllungen naturgemäß als Gossip und Müll abgetan, aber keineswegs ignoriert, wohingegen die politischen Gefolgsleute allzeit brav von einer „Lügenkampagne“ schwadronieren. Hinweise auf Kennedy und Clinton, auf vermeintliche Sexskandale unter linken Vorgängerregierungen finden sich in der rechten Presse sehr wohl, wohingegen in Berlusconis eigentlicher Machtbasis, seinen vor allem in Süditalien monopolistischen Fernsehsendern, kaum ein Wort über die Skandälchen verloren wird.
Nicht einmal Verfechter der Meinungsfreiheit dürften sich darüber allzu sehr aufregen, geht es hier doch um keine Staatsaffäre, sondern um eine sehr private Fehde mit zweifelhaften Enthüllungsmethoden. Im Internet kann dann sowieso jeder Interessierte die Details abfragen. Dass die Beliebtheitswerte von Berlusconis Regierung, die nach dem Angehen des Müllproblems in Neapel und der Hilfe für Erdbebenopfer in den Abruzzen recht populär war, diese Woche erstmals unter fünfzig Prozent gefallen sind, dürfte ohnehin weniger mit den „hübschen Töchterchen“ als mit der schlechten Wirtschaftslage zu tun haben. Die am Boden zerstörte Opposition hat in jedem Fall keinen Profit aus den Enthüllungen schlagen können.
Geschmack, Kultur, Eleganz
Berlusconi bleibt auch und gerade in der Defensive allzeit ein Medienprofi. Fürs Ausland und seine gelinde irritierte katholische Stammwählerschaft gab er zu Protokoll, er durchleide gerade eine kleine spirituelle Krise und plane eine Bußwallfahrt, sogar die pompöse Riesenvilla Certosa in Sardinien – doppelt so groß wie der Vatikanstaat – könnte vielleicht verkauft werden „wegen der schlechten Erinnerungen“. Vor informiertem Publikum aus der eigenen Klientel geht der agile Strahlemann dann locker und mit Chuzpe an die frivole Angelegenheit heran. „Zu mir nach Hause kommen nicht nur Showmädels, sondern auch Staatsoberhäupter“, offenbarte der Premier diese Woche Mailänder Parteifreunden. Allein schon die beiden Wörtchen „nicht nur“ zeugen von einem in Italien einzigartigen Sinn für megalomane Ironie. Zudem offenbarte der Ministerpräsident, er werde auch in Zukunft niemandem in seiner Entourage die Mobiltelefone wegnehmen, „weil ich ein Mann des guten Geschmacks, der Kultur und der Eleganz bin“.
Während sein festgefügtes, eigens für ihn errichtetes Gebäude persönlicher Abhängigkeiten und Klientelismen durch keinen Moralskandal der Welt ins Wanken gebracht werden kann und weil auch die privaten Geschäfte immer besser gehen, seit „Mediaset“ und die öffentlich-rechtliche „Rai“ unter Berlusconi halb legal an einem Strang ziehen, wird den Premierminister in ein paar Monaten oder spätestens nach seiner Scheidung wohl niemand mehr nach Pilgerfahrten, Damenbesuchen oder Minderjährigen befragen. „Silvio forever“ heißt die in dieser Woche vorgestellte Hymne für seine Parteijugend. Es sieht ganz danach aus, als bliebe das Liedchen noch eine ganze Weile aktuell.
BERLUSCONI
raffaele costantino (mitlaeufer1it)
- 26.07.2009, 00:50 Uhr
Situation immer hoffnungslos, doch nie ernst
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 26.07.2009, 02:54 Uhr
typisch tueckisch-verlogenes Moralgehabe aller Linkisch-Linken
Stan Kowalski (Naschfreudiger)
- 26.07.2009, 16:20 Uhr
Ein verachtenswerter Widerhall...
Salvatore Del Vecchio (salva40)
- 28.07.2009, 21:21 Uhr
Meine Güte....
Roberto Deias (elmodiscipio)
- 31.07.2009, 22:55 Uhr