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Veröffentlicht: 14.08.2013, 10:33 Uhr

Neue Autobahnkirche Siegerland Wenn Beten noch helfen soll

Turbotempo bestimmt unser Leben, Computer prägen die Architektur. Die neue Autobahnkirche Siegerland zeigt, dass es trotzdem noch Stille, Schutz und individuelle bauliche Schönheit gibt.

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© IMAGO Zeichenhaft wie die Autobahnschilder, ausdrucksstark wie die Bauten des Expressionismus und bergend wie die gotischen Kathedralen oder maurischen Moscheen: die Autobahnkirche Siegerland

Reisen nähert sich hierzulande wieder mittelalterlichen Verhältnissen: Unsere Autobahnen sind Schlachtfelder, ihre Fahrspuren halsbrecherisches Flickwerk, Brücken und Überführungen verwittern zum Risikofaktor. Züge? Die Deutsche Bahn spart sich durch Personalreduzierung, mangelnde Gleiswartung, ausbleibende neue ICE-Wagen und die zeitweilige Stilllegung von Großstadtbahnhöfen zu Tode, stopft gleichzeitig aber ungerührt Milliarden in das schwarze Loch namens Stuttgart 21. Flugzeuge? Gerade erst ging die Nachricht um die Welt, dass seit einiger Zeit im Flugverkehr enorme Verspätungen von der Ausnahme zur Regel werden. Streiks von Fluglotsen und Flugpersonal machen Reisepläne zunehmend unwägbar, und die Dauerbaustelle Berlin-Schönefeld oder die Leere des neuen Flughafens Kassel-Calden stimmen für die Zukunft alles andere als zuversichtlich.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die vergessene Redensart „Da hilft nur noch Beten“ neue Aktualität. Schlichter gesagt: Analog zum Reiserisiko steigt das Bedürfnis nach Sicherheit. Damit gerät ein Bautypus ins Blickfeld, der lange als Randerscheinung angesehen wurde: die Autobahnkirche. Wer kann sagen, ob der rasant zunehmende Verkehr und dessen immer härtere Gangart oder das in unserer lärm- und tempoverseuchten Umwelt stetig steigende Bedürfnis nach Atempausen dafür verantwortlich sind? Doch fällt es auf, dass in jüngster Zeit in der Schweiz und Österreich plötzlich Autobahnkirchen entstanden sind. Und nun ist auch in Deutschland, wo 1958 an der A 8 bei Adelsried mit „Maria, Schutz der Reisenden“ das erste Gotteshaus dieser Art überhaupt entstand, eine neue vollendet worden: die Autobahnkirche Siegerland an der A 45 bei Wilnsdorf, von den Frankfurter Architekten Schneider + Schumacher.

Neue Autobahnkirche an der "Sauerlandlinie" © epd Vergrößern Drinnen lässt die Architektur die verheißene Geborgenheit Gestalt werden: Eine sanft schwingende Innenkuppel überfängt den Raum

Erste Impulse für ihren Entwurf, so sagen die beiden, hätten sie vom jedermann bekannten Piktogramm erhalten, das am Rand der Autobahnen auf solche Kirchen hinweist. Der fertige Bau, der leuchtend weiß mit zwei nadelspitzen Türmen und einem vielzackig geknickten Kirchenschiff das ordinäre Bautengewusel eines Autohofs überragt, erinnert denn auch sofort an dieses Bildkürzel - knappe Umrisse, Reduktion aufs Wesentliche, Konzentration auf Urformen. Damit sind Gegenwart und Geschichte eins geworden, denn so wie dieser Neubau sahen Kirchen seit dem Mittelalter aus.

Das Verschmelzen von einst und jetzt ist die eine fesselnde Seite des Entwurfs. Die andere ist sein Bekenntnis zum Bauen unserer Epoche: Der Umriss lässt an vorbildliche Klassiker der Moderne denken - die furiosen Visionen der russischen Konstruktivisten etwa oder Gottfried Böhms exzentrisch in Beton gefaltete Wallfahrtskirche von Neviges, während das flirrende Weiß des fensterlosen Außenbaus - eine Polyurethan-Sprühabdichtung - unwillkürlich das kaum merkliche Flimmern der Computer-Animationen assoziieren lässt, die im aktuellen Bauen nicht nur Modelle und Entwurfszeichnungen ersetzt haben, sondern als surrealistisches Element längst auf die reale Gestalt übergreifen.

Der Innenraum kennt keine Hierarchie

Wie ein sakral gehörntes Riff, erschlossen von einer feierlichen keilförmigen Rampe, erhebt sich der Neubau auf einem gleichfalls auskeilenden Betonfundament. Mit dem Betonen des Skulpturalen nähert sich das Gebäude von Schneider + Schumacher nicht gestalterisch, aber atmosphärisch jener Autobahnkirche, die im Bildgedächtnis der Deutschen so fest verankert ist wie die Italien-Sehnsucht in ihrem Gemüt: S. Giovanni Battista bei Florenz, die Giovanni Michelucci 1962 als Kombination von ockerfarbenem Bruchstein und türkis patiniertem Kupfer wie einen Gottes-Geysir aus dem Gestrudel der Autobahnen aufschießen ließ.

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