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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Neue Armut in Spanien Suppenküchen für den Mittelstand

 ·  Spaniens Wirtschaftsaussichten sind verheerend, das Vertrauen der Finanzmärkte schwindet. Nun strebt die Klasse der „neuen Armen“ verzweifelt nach Sichtbarkeit.

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© dapd Unvollendeter Bau am Rande Madrids

Maribel ist nicht die Ausnahme, sondern eine von vielen. Die einunddreißigjährige Bolivianerin lebt in Ciudad Real, einer Provinzhauptstadt in Kastilien-La Mancha, weil ihr Madrid zu teuer wurde. Zunächst hatte ihr Mann noch Arbeit auf dem Bau, aber dann war das zu Ende. Ciudad Real ist berüchtigt für eine spektakuläre Investitionsruine, einen Großflughafen, der ursprünglich „Aeropuerto Don Quijote“ heißen sollte und 2008 wegen zu geringer Auslastung wieder geschlossen wurde. Windmühlen und spanische Hirngespinste, dafür ist der Ritter von der traurigen Gestalt die passende Allegorie.

Seit drei Jahren lebt die fünfköpfige Familie von einer Halbtagsstelle. Für zwanzig Wochenstunden Putzen bekommt Maribel dreihundert Euro im Monat. Genauso viel kostet die Miete der Dreizimmerwohnung. Der Rest? „Dreimal in der Woche“ sagt Maribel, „gehe ich zu Kirchen und Klöstern, um Essen abzuholen.“ Die Tüten würden immer leichter, fügt sie hinzu. Früher gab es Öl, Reis, Brot und Milch, jetzt oft nur Milch mit billigen Keksen. Wäsche wird unter armen Familien getauscht und getragen, wo sie passt. Immerhin, Maribels älteste Kinder, dreizehn und sechs Jahre, bekommen in der Schule Frühstück und Mittagessen. Dennoch: Die Familie rutscht ins Nichts. Anders als ihre fünf Brüder, die nach Bolivien zurückgekehrt sind, will Maribel bleiben. „Hier gibt es den Park - und die Schule.“

Zur Emigration gezwungen

Was früher die Armen betraf, erreicht längst den Mittelstand. Ende 2011 war die spanische Arbeitslosenquote von 23 Prozent die höchste in der Europäischen Union. Sechs Jahre zuvor lag Spanien beim europäischen Durchschnitt von neun Prozent. Was seitdem geschehen ist, gleicht der Chronik eines angekündigten Todes. Die hausgemachte Überhitzung des Immobilienmarkts verband sich mit einer importierten Finanzkrise und nationaler Schlamperei. Fast alle leben auf Pump - die Haushalte, die Kommunen, die Regionen, der Staat. Jetzt wird das Minus fieberhaft hin und her geschoben und landet bei den Schwächsten. Seit 2007 verlieren die Menschen ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihren Status. Den Nachkommen bleibt kaum etwas außer miserablen Aussichten. Und die Finanzmärkte bezweifeln weiter, dass die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Europäischen Union auf den Füßen bleibt.

Kürzlich veröffentlichte die Zeitung „El País“ eine Serie über die Veränderungen im Land. Dreißigjährige mit Universitätsabschluss begnügen sich mit Stellen, für die sie siebenhundert Euro monatlich bekommen. Sechzig Prozent der jungen Leute wollen Beamte werden, weil sie sich nach Sicherheit sehnen. Die Stadtzeitungen annoncieren kostenlose Konzerte und Ausstellungen, verraten, wo man billig Urlaub machen und für ein paar Euro essen kann. „Die neuen Armen“, so nennt man eine spanische Mittelklasse, die es nicht nur schlechter haben wird als ihre Eltern, sondern von Fall zu Fall zur Emigration gezwungen ist wie ihre Großeltern gegen Ende der Franco-Diktatur. Eine Erholung der spanischen Wirtschaft ist auf Jahre hinaus nicht in Sicht, und was zurzeit an Kürzungen im Bildungs- und Sozialbereich über Spanien hereinbricht, wird den Schaden zementieren.

„Gesellschaft droht auseinanderzubrechen“

„Unsere Gesellschaft lässt sich seit jeher nur von wirtschaftlichen Gesichtspunkten leiten“, sagt Francisco Lorenzo, Verfasser der jüngsten Armutsstudie „Ausschluss und soziale Entwicklung“ der Caritas. „Wir investieren in das, was sich lohnt, und kappen das andere. Dabei haben wir die Armen und die Kinder vergessen.“ Lorenzos Studie zeichnet ein grausiges Bild. Fast sechshunderttausend Haushalte haben keine Einkünfte mehr, nicht einmal Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe. Soziale Ungleichheit ist messbar; in Spanien ist sie dreimal so groß wie in Deutschland.

Kümmerte sich die Hilfsorganisation der katholischen Kirche 2007 um vierhunderttausend Menschen, war es 2010 schon fast eine Million. Sechzigtausend Freiwillige stehen Bedürftigen bei, gehe es um Essen, Wohnungsnot oder unbezahlte Rechnungen. „Wenn aber die Ungleichheit weiter zunimmt“, sagt Lorenzo, „droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen.“ In Toledo unterhält die Caritas zwei Suppenküchen, eine in der Altstadt. Inmitten der berühmten Baudenkmäler, die Ströme von Touristen anziehen, wuchert die Armut. „Früher kamen nur Immigranten“, sagt die Leiterin Eva Alonso. „Jetzt kommen Bürger Toledos in unsere Speiseräume. Beim ersten Mal sprechen wir mit ihnen, um zu erfahren, ob sie ein Anrecht darauf haben. Wir haben nur zehn Essensplätze.“

Onlinetherapie und Gesprächsforen

Was sich denn noch verändert habe gegenüber früher? „Manche, die hierherkommen, schämen sich so sehr, dass sie nicht bleiben wollen. Sie nehmen das Essen in Tupperware mit nach Hause.“ Neben den klassischen Hilfsorganisationen sind unterschiedlichste Initiativen tätig. Kürzlich durchkämmten 750 Freiwillige die Straßen Barcelonas nach Obdachlosen. Das Phänomen der „food banks“ greift um sich. In der baskischen Provinz Guipúzkoa etwa, einer der wohlhabenderen Gegenden Spaniens, besuchen fünfzehntausend Menschen Essenstafeln. Wie es „zu Hause“ aussieht, verrät eine andere Zahl: 2010 gab es hunderttausend Zwangsräumungen, viermal soviel wie drei Jahre zuvor. Wer arm ist, gehört nun zu einer großen, aber schlecht organisierten Gruppe.

In dieser Situation ist es sinnvoll, Sichtbarkeit zu schaffen. Ansel Cambra ist Koch, Gastronomieberater und Autor in Madrid. 2009 gründete der Fünfunddreißigjährige das Onlineportal www.acabaconlacrisis.es. Der Name bedeutet so viel wie „Mach Schluss mit der Krise“ - eine Aufforderung, der immer mehr Menschen folgen. Hier sollen sich alle treffen, die Hilfe brauchen und Hilfe geben können, es gibt eine Tauschbörse, Onlinetherapie und Gesprächsforen, um die Isolation der neuen Armen zu durchbrechen. „Indem ich das Wohl des anderen suche“, so das Motto, „entdecke ich das eigene.“ Die praktische Lebenshilfe geht bis zu dem Tipp, drei Wochen lang nicht zu jammern, sondern sich Mut zuzusprechen.

Das soll Spanien sein?

„Es gibt keinen Grund“, sagt Cambra, „warum Spanien so teuren Strom haben muss. Warum wir unseren Wohnraum kaufen, statt zu mieten, und uns lebenslang verschulden. Oder warum Firmenkantinen täglich ein paar hundert Essen wegwerfen.“ Für ihn liegt so vieles im Argen, dass eine Neuorientierung der Gesellschaft nötig wäre, weit über jede Protestbewegung hinaus. Seine Website, die eher handgestrickt wirkt, aber zweihunderttausend Klicks im Monat erreicht, will Solidarität und positives Denken vermitteln: „Angst blockiert die Menschen. Manche verschweigen, dass sie sich keine Kleidung kaufen können. Für solche Fälle ist unsere Seite da. Hier kann man ohne Scham von sich selbst sprechen.“

Wir bitten Cambra, uns Helfer vorzustellen, Privatpersonen, die sich um andere kümmern. So lernen wir in einem Madrider Café Cristina kennen, eine neununddreißigjährige Frau, die zwei kleine Kinder hat und in der aeronautischen Industrie arbeitet. „Es war vor vier oder fünf Monaten“, erzählt sie. „Im Radio sprachen sie von der Not, die viele Menschen leiden. Und ich dachte: Das ist mein Land? Das soll Spanien sein? Ich konnte es nicht fassen. Und ich beschloss, etwas zu tun.“ Seitdem nimmt Cristina über Cambras Website Verbindung mit Armen auf, fragt sie, was sie am dringendsten brauchen, schickt ihnen Kleidung und Spielzeug. Sie achtet die Privatsphäre und gibt auch von sich selbst nicht zu viel preis. Gesehen hat sie bisher kaum jemanden derer, denen sie hilft. Nur einmal wollte sie eine Ausnahme machen. „Brenda, eine sehr große Kolumbianerin, war schwanger und konnte sich keine Umstandskleidung leisten. Da haben wir uns verabredet und sind zusammen einkaufen gegangen.“

Der wahre Anker sind die Frauen

Einige Tage später sprechen wir mit einer zweiten Helferin. Auch sie heißt Cristina, hat einen zwanzig Monate alten Sohn und wurde durch Cambras Website angeregt. Im März hat sie vier Pakete im Wert von je fünfzig, sechzig Euro abgeschickt, nach Andalusien, Asturien oder Madrid. Wenn sie ihren Sohn anschaue, sagt sie, ertrage sie den Gedanken nicht, dass es Kinder ohne Wäsche und Spielzeug gebe. In der ersten Aprilwoche schickte sie zwei weitere Pakete. „Das könnte eine Sucht werden“, warnen wir. Cristina lacht verlegen. „Unser Land hat sich verändert. Heute hast du vielleicht alles, was du brauchst. Und morgen stürzt du ins Nichts.“

Da die europäischen Partner und die Finanzmärkte Spanien zu harten Kürzungen in allen Bereichen zwingen, ist vom Staat vorerst kaum etwas zu erwarten. Die Steueramnestie, die die Rajoy-Regierung kürzlich verkündete, wirkt auf die Armen wie ein Fußtritt: Man muss nur in großem Stil Steuern hinterziehen, dann kommt man beim Nachmelden versteckter Einkünfte mit zehn Prozent davon; der Staat als Geldwäscher, kein kleines Einkommen könnte darauf hoffen. Allenfalls die Preise steigen. Strom ist gerade um sieben Prozent teurer geworden, die Zehnerkarte für Madrids Metro um mehr als zwanzig Prozent. Wie also halten die Menschen durch? Dank der spezifisch spanischen Mischung aus Familiensolidarität, Erfindungsreichtum und Schattenwirtschaft. Verließen junge Leute schon früher nur ungern das Elternhaus - Wohngemeinschaften sind selten und nur in Großstädten zu finden -, ziehen inzwischen Paare von Mitte dreißig in die elterliche Wohnung zurück. Die unausweichlichen Konflikte werden ausgehalten, es gibt keine andere Wahl.

Auch die ältere Generation ist von der Krise betroffen. „Viele Familien“, sagt Francisco Lorenzo von der Caritas, „holen die Großeltern aus dem Altersheim und pflegen sie selbst, statt viel Geld für Betreuung zu bezahlen.“ Der wahre Anker sind die Frauen. Das scheint einer südländischen Tradition zu entsprechen, doch hinter dem alten Rollenklischee verbirgt sich mehr: Die Spanierinnen verbinden heute wie selbstverständlich Beruf und Familie, betreuen die junge und die alte Generation, springen ein, wenn erforderlich, und liefern emotionalen Rückhalt. „Wenn die Frauen nicht wären“, sagt Francisco Lorenzo, „würden wir die Krise nicht durchstehen.“

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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