15.02.2012 · „Good Christian Bitches“, eine texanische Antwort auf „Desperate Housewives“, erweitert die typischen Serien-Charaktäre um eine Variante: Auch Amerikas Superfromme stehen auf Intrigen.
Von Nina Rehfeld, PhoenixDer amerikanische Bundesstaat Texas ist wie kein zweiter mit popkulturellen Assoziationen behaftet: „Dallas“, die Bushs, Cowboys und Christen. Der Fernsehsender ABC macht diese Stereotypen nun zur Vorlage einer neuen Serie, die auch unter der Überschrift „Desperate Housewives des Südens“ laufen könnte, wenn das Stück nicht schon einen besseren Titel hätte: „Good Christian Bitches“.
Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kim Gatlin und dreht sich um die Exil-Texanerin Amanda Vaughn (Leslie Bibb), die nach dem peinlichen Ableben ihres skandalumrankten Gatten aus Kalifornien zurück zu ihrer Mutter (hinreißend: Annie Potts als Gigi Stopper) flüchten muss - und damit in die Arme einiger alter Highschool-Kameradinnen in Dallas, die mit Amanda noch ein paar Rechnungen offen haben. Zwanzig Jahre nach dem Schulabschluss sind diese Ladies gottesfürchtige Vorzeigemitglieder ihrer Heimatgemeinde: Aus Cricket Caruth-Riley (Miriam Shor) ist eine einflussreiche Maklerin geworden, Carlene Cockburn (Kristin Chenoweth) hat sich mit Hilfe eines erfolgreichen Gatten und etwas plastischer Chirurgie ihren Traum von einem schicken, wenn auch ereignislosen Leben erfüllt, und Sharon Peacham (Jennifer Aspen) verarbeitet den Frust über den lange zurückliegenden Verlust ihrer „Miss Teen Dallas“-Krone mit kalorienreichen Tröstern.
Für einen süßen Rachefeldzug gegen Amanda ist sich indes keine der guten Christinnen zu schade - und natürlich stellt man Amanda mit Jesus im Herzen bloß. So bringt Carlene, die einen Bibelspruch als Autoaufkleber spazieren fährt, im sonntäglichen Gottesdienst eine Fürbitte für Amandas Seele ein, und Amanda begreift schnell: „,Ihr sollt säen, was ihr erntet’ - das ist texanisch für Karma.“
„Good Christian Bitches“ ist eine Fortsetzung der „Desperate Housewives“ mit texanischen Mitteln. Angesichts des Erfolgs zahlreicher „Housewives“-Varianten im Realityfernsehen (von Society-Damen aus New Jersey, Atlanta und Kalifornien bis zu den Gattinnen von amerikanischen Top-Athleten), der anstehenden Fortsetzung von „Dallas“ beim Kabelsender TNT und des nahenden Endes der „Desperate Housewives“ selbst ist der Zeitpunkt gut gewählt. Im Mai blicken die Damen aus der Wisteria Lane mit dem Schluss der achten Staffel dem Ende ihrer Serie entgegen, und obwohl „die Fans auf Twitter schon in helle Panik verfallen sind“, wie Eva Longoria jüngst in Pasadena sagte, blickt der Serienschöpfer Marc Cherry dem Finale eher freudig denn traurig entgegen: „Ich bin erschöpft, ich bin fünfzig Pfund leichter, und ich weiß, dass alles Gute ein Ende haben muss“, sagte er. Die Autoren hätten die Frage nach noch nicht beleuchteten Aspekten des Vorstadtlebens zuletzt immer schwieriger beantworten können, und deshalb sei es Zeit aufzuhören.
Als die „Desperate Housewives“ im Herbst 2004 debütierten, war Cherrys Geschichte von vier Vorstadtdamen, die trotz Kinderschar, Ehekrisen, Todesfällen und einem Hang zu katastrophalen Peinlichkeiten bemüht sind, die Contenance des patenten Frauenzimmers zu wahren, etwas Neues. Inzwischen bevölkern Marihuana dealende Mütter (“Weeds“), medikamentenabhängige Krankenschwestern (“Nurse Jackie“) und radikal intrigante (“Damages“) oder Erleuchtung suchende Geschäftsfrauen (“Enlightened“) die Fernsehbühne.
„Good Christian Bitches“ will die Rollenbilder um eine Variante erweitern: um Amerikas Superfromme, die Gott, Vaterland und Konsum zu einem merkwürdigen Mischmasch verbrämen. Der Titel der Serie rief prompt Moralhüter wie den Parents Television Council und die American Family Association auf den Plan. Sie verlangten die sofortige Absetzung der noch nicht gestarteten Serie, die angeblich „Menschen des Glaubens verhöhnt“ und deren Titel „Frauen degradiert“. ABC ließ sich davon und von drohenden Boykottaufrufen an die Werbeindustrie so weit beeindrucken, dass man zunächst erwog, den Titel in „Good Christian Belles“ zu ändern, und schließlich die Abkürzung „GCB“ stehen ließ.
Dabei ist der Schöpfer der Serie, Robert Harling, ebenso bekennender Christ wie die Sängerin und Schauspielerin Kristin Chenoweth, die mit zarter Gestalt und Piepsstimmchen die intrigante Carlene verkörpert. Chenoweth behauptet, sie kenne Frauen wie diese aus ihrer eigenen Kirche. „Aber wenn wir nicht über uns selbst lachen können“, sagte sie in Pasadena, „dann haben wir ein Problem. Christin zu sein heißt ja nicht, keinen Sex zu mögen, den gelegentlichen Drink zu verpönen oder nicht hin und wieder eine spitze Bemerkung machen zu können.“
Und Robert Harling fügte hinzu: „Scheinheiligkeit ist nun mal großes Drama. Sie macht Spaß, und sie ist international.“ Also lässt er Annie Potts als Amandas Mutter Gigi beim Einkaufen sagen: „Gott spricht oft durch Dior zu mir.“ Amandas Protest gegen den Kirchenbesuch ihrer Kinder verscheucht sie mit den Worten: „Lass den kommunistischen Blödsinn! Meine Enkelkinder gehen in die Kirche, damit sie ins Paradies kommen. Ende der Diskussion, amen!“
Bleibt noch zu erwähnen, dass einige der attraktivsten Cowboys in der Serie schwul sind - seit „Brokeback Mountain“ sei das schließlich ein Dauerwitz, sagte Harling, und Chenoweth säuselte leise: „Jede Kirche hat einen.“ Manchmal trägt „GCB“ ein bisschen zu dick auf. Es bleibt abzuwarten, ob Harling und die Schauspielerinnen ihre Figuren zu ähnlich schillernd dramatischen Persönlichkeiten formen, wie wir sie von „Desperate Housewives“ her kennen. Vorerst bereitet ihr religiös ummäntelter Zickenkrieg Vergnügen. „Wissen Sie, wie man in Texas ,fuck you’ sagt?“, fragte Annie Potts mit einem zarten Lächeln. „Man sagt: ,Bless your heart’ - ,Gott segne Sie’.“
„Wissen Sie, wie man in Texas ,fuck you’ sagt?“,...
Thomas Mirbach (lurkius)
- 15.02.2012, 11:56 Uhr