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Neue Amazon-Serie : Wirklichkeit, was soll das sein?

  • -Aktualisiert am

Wovon träumt die 324 Jahre alte Dame (Geraldine Chaplin) wohl nur? Vom blauen Planeten, den sie noch nie gesehen hat. Bild: Christopher Raphael/Sony Picture

So hübsch verdrehte Geschichten gibt es im Fernsehen selten: Amazon zeigt die famose britische Serie „Philip K. Dick’s Electric Dreams“.

          Die Szene, mit der sich die britische Serie „Philip K. Dick‘s Electric Dreams“ im Gedächtnis verankert, zeigt ein Feld im Nichts, irgendwo vor der Stadt. Ein Regionalzug donnert vorbei, dessen Tür 28 Minuten nach der Abfahrt vom Bahnhof aufgeschoben wird – bei voller Fahrt. Ein Mann springt hinaus, landet unbeschadet auf dem Boden und rafft sich auf. Dann die Totale: Wir sehen eine ganze Gruppe von Menschen, die wie schlafwandelnd über das Feld ziehen. Sie wollen eine mustergültige Stadt erreichen, die auf keiner Karte verzeichnet ist, und wie es in der traumhaften Aufnahme scheint, ist ihnen der Weg bestens bekannt.

          Ist es ein Traum? Oder gibt es eine Parallelwelt, zu der man nur den Schlüssel finden muss? Ed Jacobsen (Timothy Spall), eigentlich Fahrkartenverkäufer im Bahnhof von Woking, stolpert über das Feld. Er vermag noch nicht zu erkennen, ob real ist, was ihm widerfährt. Vieles deutet darauf, dass der fahlgraue, daheim von Problemen geplagte und im Job wie in eine Maschine eingespannte Angestellte womöglich den Verstand verliert.

          Die Serienfassung macht eine Psychostudie daraus

          Aber jeder halluziniert mal vor sich hin. Und manchmal erscheint die Wirklichkeit unwirklich und wie ein Traum. Dann stehen Realität und Träume, alte und neue, eigene und fremde, persönliche und kollektive, gleichberechtigt nebeneinander. Bis das Hirn zwischen ihnen Achterbahn fährt, die Gefühle des einen Traums in den anderen hinüberwehen und sich alles verändert.

          Serientrailer : „Philip K. Dick’s Electric Dreams“

          „Der Pendler“ heißt diese Folge, und völlig abgesehen davon, dass Spall den einfachen Mann bis zur letzten von fünfzig Minuten hinreißend spielt, besitzt sie genau jenen Mut zur Überforderung des Betrachters, der vielen alltäglichen Fernsehproduktionen abgeht. Den Plot verdankt sie dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Philip Kindred Dick, der 1982 im Alter von 53 Jahren starb und dank Hollywood zu den wirkmächtigsten Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts gerechnet werden muss. Ohne Dicks Erzählungen und Romane hätte es weder „Blade Runner“ noch „Total Recall“, weder „Minority Report“ noch die Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ gegeben. Die Channel-4-Serie „Philip K. Dick‘s Electric Dreams“, die jetzt auf Amazon startet, liefert nun zehn freimütig interpretierte Kurzgeschichten nach. Was sich gut macht, da der Konkurrent Netflix doch mit „Black Mirror“ schon eine erfolgreiche Anthologieserie mit wechselnder Handlung und wechselnden Figuren im Programm hat.

          Zu den verfilmten Kurzgeschichten zählt nicht nur „Der Pendler“ um den erschöpften Bahnmitarbeiter, der in eine Stadt gelockt wird, die eigentlich nicht existiert (aber beinahe existiert hätte) und ihm zunächst ein neues Leben verheißt. Sondern zum Beispiel auch „Das Vater-Ding“ von 1954 – eine Erzählung, aus der eine Abrechnung Dicks mit seinem eigenen, in seiner Kindheit stets abwesenden Vater herausgelesen wurde. Dort wird ein Junge Zeuge, wie sein Vater vor dem Abendbrot von außerirdischen „Monstern“ übernommen wird und dann so tut, als stecke in seinem Körper weiterhin ein Mensch. Vordergründig ist das eine der üblichen Scifi-Storys der Zeit. In der Serienfassung, inszeniert mit großem Kinobildern, wird eine Psychostudie daraus, die von einem Jungen handelt, der den geliebten Vater und die Welt durch die angedeutete Ehekrise der Eltern, den Erfolgsdruck in Schule und Sport oder auch schlicht das Heranwachsen an sich plötzlich anders wahrnimmt als zuvor. Naheliegend, aber nicht ohne Witz.

          Applaus auf dem Sofa

          Im „Unmöglichen Planeten“ wiederum, auch hier stammt die Vorlage aus den fünfziger Jahren, legt eine 324 Jahre alte Millionärin (Geraldine Chaplin) ein Vermögen auf den Tisch, um die schönste Erinnerung ihrer Großmutter nachvollziehen zu können. Sie will den blauen Planeten Erde sehen, der seit Jahrhunderten unbewohnbar ist, chartert dafür den Raumgleiter eines Tour-Veranstalters – und wird betrogen, weil die Crew einen falschen Planeten als Erde ausgibt. Ob diese Lüge zulässig ist, scheint selbst den Roboter zu beschäftigen, der die taube Seniorin begleitet.

          Hübsch verdreht ist die Geschichte der lesbischen Polizistin Sarah (Anna Paquin), die lose auf Dicks „Exhibit Piece“ um einen Historiker und Zeitreisenden aufsetzt. Nun heißt sie „Das wahre Leben“, was Puristen aufstoßen mag. Der Inhalt ist dennoch famos: Einer Frau wird, um sich von einem traumatischen Erlebnis zu erholen, über ein Hightech-Plättchen an der Schläfe ein Urlaub in einem virtuellen Leben ermöglicht. Sie erwacht als farbiger männlicher Polizist (Terrence Howard) in einer noch tristeren Version ihrer Welt. Und auch dort wird ihr die Möglichkeit zu einem Kurzurlaub in einem alternativen Dasein gegeben, so dass sie nicht mehr weiß, welche Existenz echt ist. Die unglücklichere? Das wäre der psychologisch glaubwürdige Clou.

          Auch nach dieser Folge sitzt man zum Abspann auf dem Sofa und applaudiert. Jede Episode von „Philip K. Dick’s Electric Dreams“ wurde von einem anderen Regisseur inszeniert und einem anderen Drehbuchautor geschrieben, eine Fülle bekannter Schauspieler wie Bryan „Walter White“ Cranston, der schon 2012 beim Remake von „Total Recall“ zu sehen war und bei den „Electric Dreams“ auch zu den Produzenten zählte, ist mit von der Partie. Das Gesamtpaket wirkt, als hätte uns Amazon eine Sammlung feiner Pralinen gereicht. Jede schmeckt anders. Man darf sie bekanntlich nur nicht alle auf einmal verschlingen. Und es gilt, sich Episoden der „Electric Dreams“ für Abende aufzuheben, an denen man der Wirklichkeit oder dem, was man für sie hält, vielleicht auch dem, was andere für sie halten, dringend entkommen muss.

          Quelle: F.A.Z.

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