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Neuauflage von „Mein Kampf“ : Ist Hitler nun endlich erledigt?

Es ist wieder da – Mein Kampf Bild: Wolfgang Eilmes

Siebzig Jahre lang durfte „Mein Kampf“ nicht gedruckt werden. Jetzt erscheint es wieder, in einer kommentierten Fassung. Gelingt die Strategie der Einhegung?

          Das gibt es eigentlich gar nicht, dass sich das Verschwinden eines Tabus auf Tag und Minute genau datieren lässt, normalerweise braucht es dafür doch, selbst wenn das Tabu einmal gebrochen wurde, eine längere, nicht exakt abgrenzbare Zeit. Vorletzten Freitag um zwölf aber geschah es: Da brachte das Münchner Institut für Zeitgeschichte zwei großformatige hellgraue schwere Bände heraus, 1966 Seiten, in denen die erste Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ seit 1945 enthalten ist, eingebettet in mehr als 3500 Fußnoten einer wissenschaftlichen und kritischen Kommentierung.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Damit enden gut siebzig Jahre intellektueller Ächtung des Buchs abrupt. Gerade der wissenschaftliche Rahmen erteilt die Lizenz, den historisch so grauenhaft folgenreichen Text von nun an dem allgemeinen Bildungskanon einzugliedern. Schon denken einige darüber nach, ihn sogar zur verpflichtenden Schullektüre zu machen.

          Ein politischer Akt

          Es war zwar nie verboten, die antiquarischen Restexemplare und deren Internetversionen zu erwerben und zu lesen. Doch der Freistaat Bayern hatte, solange er der Inhaber der jetzt ausgelaufenen Urheberrechte war, Neuauflagen untersagt. Und das Tabu ging über die juristischen Bestimmungen noch hinaus.

          Es fing mit dem Vorrücken der alliierten Armeen an, als viele Deutsche die in ihren Haushalten vorhandenen Exemplare vernichteten, und es setzte sich darin fort, dass das Buch bis heute den meisten, auch den Intellektuellen, trotz seiner Bedeutung als Quelle für den Nationalsozialismus unbekannt ist. Höher als die Schwelle der praktischen Schwierigkeit, an den Text heranzukommen, war für alle, die weder ideologische Nähe verspürten noch sich vom Kitzel des Inkriminierten leiten lassen wollten, die Ekelschwelle.

          Die neue Edition ist daher keine wissenschaftliche Veröffentlichung wie jede andere, sondern ein politischer Akt, mit noch ungewissem Ausgang. Wie sich herausstellt, sind sich die Herausgeber dieses Doppelcharakters ihres Unternehmens sehr bewusst. In der Einleitung benennen sie es als „Kernproblem“, dass sie es da mit einer „Quelle“ zu tun hatten, „deren Historisierung noch immer nicht abgeschlossen ist“: „,Mein Kampf‘ bleibt ein wirkmächtiges, mythisch überladenes Symbol“. Sie hätten deshalb eine Form der Präsentation angestrebt, „welche die potenzielle Wirkung dieses Symbols ein für alle Mal beendet“.

          Unverhohlene Ideologiekritik

          Das ist ein ehrgeiziges Ziel, das seinerseits über die gewöhnlichen Aufgaben einer wissenschaftlichen Edition weit hinausgeht. Die Herausgeber vergleichen es mit der Entmystifizierung von Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg, die dem Institut für Zeitgeschichte durch das 1999 dort eröffnete Dokumentationszentrum gelungen sei: „Dunkle, unerschlossene Ruinen und Stollen einer nicht minder dunklen Zeit, angefüllt mit ihrem Schutt und Unrat, die nun einem riesigen Museum gleich begehbar geworden sind“.

          Um Hitlers Programm von Rassenhass und Eroberungskrieg in ähnlicher Weise zu musealisieren und zu neutralisieren, bekennen sich die Herausgeber zu einer Ergänzung der historischen Einordnung durch unverhohlene Ideologiekritik. Damit die Edition nicht nur für Fachhistoriker, sondern für ein breites Publikum brauchbar ist, sollen die Fußnoten, die jede einzelne Seite des Originals in der Fassung der ersten Auflage von 1925 einrahmen, eine Vielzahl von Funktionen erfüllen: Sie sollen die biographischen Angaben korrigieren, Hitlers Quellen und seine ideengeschichtlichen Wurzeln offenlegen, sachliche Fehler berichtigen, zeitgenössische Zusammenhänge und zentrale ideologische Begriffe erläutern, Sachinformationen geben, falsche oder einseitige Darstellungen richtigstellen und schließlich Hitlers Programm mit dem abgleichen, was er nach 1933 tatsächlich verwirklicht hat.

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