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Veröffentlicht: 25.10.2011, 15:20 Uhr

Netzdiskurs Das Elend der Internetintellektuellen

Jeff Jarvis, einer der lautstärksten Apologeten des Netzes, hat ein Buch geschrieben, das alle Denkfehler und Eitelkeiten der Internetintellektuellen wie im Brennglas zeigt. Warum wir diesen Typus des Halbgebildeten fürchten müssen.

von Evgeny Morozov

Im Jahr 1975 veröffentlichte der britische Romancier Malcolm Bradbury den Roman „Der Geschichtsmensch“, eine beißende Satire auf den narzisstischen Pseudointellektualismus der modernen akademischen Welt. Der Roman erzählt von einem Jahr im Leben des jungen radikalen Soziologen Howard Kirk, eines „Theoretikers der Geselligkeit“, der an einem Buch über den Sieg über das Private schreibt. Im Rückgriff auf „ein wenig Marx, ein wenig Freud und ein wenig Sozialgeschichte“ stellt Kirk die These auf: „Es gibt kein privates Ich mehr, keine privaten Nischen innerhalb der Gesellschaft, kein Privateigentum, kein privates Handeln.“ (Und wie seine Frau sarkastisch feststellt, auch keine „private parts“, keine Genitalien mehr. In ihren Augen ist das Buch ihres Mannes „sehr leer“, aber es steht „immer auf der richtigen Seite“.)

Man kann Kirk nicht den Vorwurf machen, er dächte zu klein. Wie er zu beweisen versucht, „verleiht uns das soziologische und psychologische Wissen heute ein vollständiges Verständnis des Menschen, und die demokratische Gesellschaft ermöglicht uns einen totalen Zugang zu allem. Es gibt nichts, das man nicht in Frage stellen könnte. Es gibt keine Verstecke mehr, keine dunklen, geheimnisvollen Ecken der Seele. Wir alle sind ständig den Blicken des weltweiten Publikums ausgesetzt. Wir sind nackt und verfügbar.“

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Gelegentlich praktiziert Kirk auch, was er predigt. So lädt er die Studenten seines Soziologiekurses ein, sich die Geburt seines Kindes anzuschauen, aber er mag es gar nicht, dass jemand in seine eigene Intimsphäre eindringt. Als eine Studentin (die zugleich seine Geliebte ist) das Manuskript seines Buches liest, weist er sie mit der Begründung zurecht, das sei privat. Und er wird wütend, als eine andere Studentin ihn in dem verzweifelten Versuch, seine Promiskuität zu beweisen, mit der Kamera zu verfolgen beginnt.

Das Private als Domäne der Egoisten

„Public Parts“ – das zweite Buch des wohl lautesten Internetgurus Jeff Jarvis – liest sich wie eine glatte, halbgare Fortsetzung des Kirkschen Romans, geschrieben von einem gealterten und inzwischen konservativeren Howard Kirk, der seine Tweedjacke gegen einen Smoking und seine Pfeife gegen ein iPhone eingetauscht hat. Jarvis’ intellektuelle Helden sind anders als die von Kirk, und an die Stelle seiner Hippieausdrücke sind business-freundliche Klischees getreten, doch die Botschaft ist dieselbe. Mit ein wenig Habermas, ein wenig Arendt und ein wenig Mediengeschichte stellt Jarvis die These auf: „Wenn wir zu sehr auf der Privatsphäre bestehen, könnten uns Chancen entgehen, in diesem Zeitalter der Links Kontakte zu knüpfen.“ Der Schutz der Privatsphäre, so sagt er, habe soziale Kosten. Man denke etwa an Patienten, die ihre Krankheitsdaten für sich behalten, statt sie Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen, denen sie bei der Suche nach neuen Behandlungsmethoden nützen könnten. Für Jarvis ist die Privatsphäre die Domäne der Egoisten. Wer zu viel für sich behält, handelt sich am Ende vielleicht nur einen Arztbesuch ein.

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