Vor einer Woche trat der Direktor der amerikanischen Bundespolizei FBI mit einer eindringlichen Warnung an die Öffentlichkeit. Bei der RSA-Konferenz zu Cyber Security in San Francisco sagte FBI-Chef Robert Mueller, zwar bleibe die Abwehr terroristischer Anschläge die oberste Priorität für seine Behörde. Doch „in der nicht zu fernen Zukunft wird die Bedrohung im Cyberspace die Bedrohung Nummer eins für unser Land sein“.
Was bedeutet diese veränderte Risikoeinschätzung für die nationale Sicherheitsstrategie Amerikas, für die Politik zur inneren Sicherheit und schließlich fürs Alltagsleben in den Vereinigten Staaten? Ruft man sich in Erinnerung, wie die Vereinigten Staaten nach den Anschlägen vom 11.September 2001 reagiert haben, verheißt die neue Gefahreneinschätzung des FBI nichts Gutes. Die Regierung von George W. Bush verkündete als Reaktion auf „9/11“ ihre nationale Sicherheitsstrategie vom „präemptiven Krieg“ - und setzte sie mit dem Einmarsch im Irak vom März 2003 in die Tat um.
Für den guten Zweck geklaut
Den von Präsident Bush in Afghanistan und in Pakistan zögerlich begonnenen Drohnenkrieg erkor der demokratische Präsident Barack Obama zu seinem bevorzugten Instrument im Kampf gegen den Terrorismus - mit summarischen Tötungsangriffen gegen mutmaßliche Terroristen nicht nur am Hindukusch, sondern auch im Jemen, in Somalia und in anderen Weltgegenden. In den Vereinigten Staaten selbst wurde das Heimatschutzministerium geschaffen, eine aufgeblähte Sicherheitsbürokratie, die von Personenkontrollen an Flughäfen über die Durchleuchtung von Frachtcontainern an Häfen bis zur Überwachung der Landesgrenzen jede erdenkliche terroristische Gefahr vom Heimatland abwehren soll.
Wenn nun aber die Bedrohung der nationalen Sicherheit aus dem Cyberspace bald größer sein wird als durch terroristische Angriffe, wie wird sich dann die amerikanische „Netz-Politik“ ändern? „Wir verlieren Daten, wir verlieren Geld, wir verlieren Ideen, und wir verlieren Innovationen“, hatte FBI-Direktor Mueller in San Francisco gesagt: „Gemeinsam müssen wir Wege finden, wie wir diesen Aderlass stoppen können.“ Mueller hob den globalen Kampf der Sicherheitsbehörden gegen die globale Hackergemeinde hervor: „Wir schaffen eine Struktur, in welcher ein Cyber-Agent in San Francisco in einem virtuellen Raum und in Echtzeit mit einem Agenten in Texas, einem Analytiker in Virginia und einem Forensiker in New York kooperieren kann, um einen von Osteuropa ausgehenden Hackerangriff aufzuklären.“
Als Mueller in San Francisco sprach, wusste er selbstredend von einem seit Monaten vorbereiteten Zugriff auf das lose Hacker-Bündnis Anonymous und deren Ableger LulzSec, AntiSec und Internet Feds. Am vergangenen Dienstag schlugen die Fahnder des FBI und deren Partner in Europa zu: Zwei Briten, zwei Iren und ein Amerikaner wurden festgenommen und mithin die Führungsstruktur von Anonymous und LulzSec zerschlagen. Die Staatsanwaltschaft in New York teilte mit, dass die Ermittler in der Nacht zum Dienstag in Chicago den siebenundzwanzig Jahre alten Jeremy Hammond verhaftet und ihn mit dessen Einverständnis zu weiteren Vernehmungen nach New York überstellt hätten. Hammond und seine Komplizen sollen laut Anklageschrift die Kreditkartendaten von 60000 Kunden des privaten Geostrategie-Beraters Stratfor gestohlen und damit mehr als 700000 Dollar erbeutet haben. Den Großteil des Geldes haben die Hacker an Stiftungen und Wohltätigkeitsorganisationen überwiesen. Erst jüngst hatte die Enthüllungsplattform Wikileaks Tausende E-Mails von Stratfor veröffentlicht.
Die Freiheit für 50.000 Dollar
In der Anklageschrift des New Yorker Bezirksstaatsanwalts Preet Bharara werden neben Hammond als weitere Angeklagte Ryan Ackroyd, Jake Davis, Darren Martyn und Donncha O’Cearrbhail genannt. Zwei der Verdächtigen wurden schon im vergangenen Jahr in Großbritannien festgenommen. Die irische Polizei teilte am Dienstag mit, im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Anonymous einen Mann festgenommen zu haben, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Offenbar ist einer der in Europa Angeklagten noch immer auf freiem Fuß.
Eine Schlüsselrolle bei den Ermittlungen spielte nach Angaben von FBI-Ermittlern der achtundzwanzig Jahre alte New Yorker Hector Xavier Monsegur, der als Gründer und Kopf von LulzSec gilt. Monsegur, der unter dem Netznamen „Sabu“ bekannt wurde, war gemäß Anklageschrift gegen die jetzt festgenommenen fünf Hacker schon im Juni 2011 verhaftet worden. Monsegur soll maßgeblich für Hackerangriffe auf die Websites der Regierungen Algeriens, des Jemen und Zimbabwes sowie auf die Firmennetze der Unternehmen „Tribune“ und „Fox“ des amerikanisch-australischen Medienmoguls Rupert Murdoch verantwortlich sein.
Monsegur wurde nach seiner Festnahme gegen Hinterlegung einer Kaution in Höhe von fünfzigtausend Dollar auf freien Fuß gesetzt und hat sich laut Gerichtsakten nach zweimonatigen Ermittlungen schuldig bekannt und zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit erklärt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat Monsegur dem FBI beim Sammeln von Beweisen geholfen, über den Kurznachrichtendienst Twitter falsche Fährten gelegt und damit sogar den amerikanischen Geheimdienst CIA und andere Behörden sowie Finanzinstitutionen vor Cyberattacken geschützt.
Gegen die Macht von Großkonzernen
Der Seitenwechsel von „Sabu“ sei „verheerend für die Hacker-Organisation“, sagte ein an den Ermittlungen beteiligter FBI-Beamter dem Nachrichtensender „Fox News“: „Wir haben den Kopf von LulzSec abgeschlagen.“ Es sei jedoch nicht einfach gewesen, Monsegur zur Mithilfe zu bewegen. „Es war wegen seiner Kinder. Er wollte nicht ins Gefängnis wandern und sie zurücklassen. So haben wir ihn herumgekriegt“, sagte der FBI-Beamte. Vieles spricht dafür, dass die Staatsanwaltschaft und das FBI Monsegur im Gegenzug für seine Kooperation eine deutliche Reduzierung des Strafmaßes von bis zu 124 Jahren Haft für die ihm zur Last gelegten Straftaten in Aussicht gestellt haben.
Die nun bei dem koordinierten Zugriff Verhafteten sollen für die spektakulärsten und folgenschwersten Hackerangriffe der vergangenen Jahre verantwortlich sein, unter anderem für den Diebstahl von Millionen Nutzerdaten von Websites des Sony-Konzerns sowie die Attacken gegen den privaten amerikanischen Geostrategie-Berater Stratfor und das Online-Bezahlsystem PayPal. Nach eigener Darstellung setzen sich die Hacker von Anonymous und von dessen Ablegern für die Freiheit im Internet ein und kämpfen gegen die Macht von Großkonzernen und privaten Sicherheitsunternehmen. Schon Ende Februar waren bei einem international abgestimmten Polizeieinsatz in fünfzehn Städten fünfundzwanzig mutmaßliche Mitglieder des Hackerkollektivs festgenommen worden.
Barrett Brown, der informelle Sprecher von Anonymous, dessen Wohnung in Dallas am frühen Dienstmorgen durchsucht wurde, bezeichnete Monsegur als „absoluten Verräter“. Nur dank Monsegurs Informationen sei es dem FBI gelungen, „sehr wichtige Leute, faktisch die Führung“ der Hackergruppen festzunehmen. „Das war ihnen bisher nicht gelungen“, sagte Brown über den Fahndungserfolg des FBI.
@Thomas Belser
Christian Kenning (Chris3680)
- 08.03.2012, 01:22 Uhr
Wie wäre es mit guten Taten?
Mercedes Flamenco (Bulerias)
- 08.03.2012, 01:00 Uhr
Und sofort
George Rauscher (misterpocket)
- 07.03.2012, 21:31 Uhr
124 Jahre Haft?
Thomas Belser (Asgaros)
- 07.03.2012, 20:45 Uhr
sind es keine Chinesen?
Lorenz Henning (Lorenz2011)
- 07.03.2012, 20:21 Uhr