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Nepal : Die Maske

Unbeirrt blickt der Stupa am Swayambhunath mit Buddhaaugen: Ein Arbeiter, der bei den Aufräumarbeiten hilft, macht eine Pause. Bild: Reuters

Langsam kommen wieder Besucher nach Nepal, obwohl die Spuren des Erdbebens das Land noch zeichnen. Im Schutt findet sich manches Souvenir von unerwarteter Symbolkraft.

          Nirgendwo in Kathmandu ist man dem Himmel näher als am Pilgerort Swayambhunath, dem Affentempel, vor anderthalbtausend Jahren 365 Stufen über der Stadt auf einem Berg errichtet. Aber das hat die Anlage beim Erdbeben im April 2015 nicht retten können. Zwar blieb der Stupa im Zentrum unversehrt, und die vier Augenpaare Buddhas schauen wie eh und je mit stechendem Blick in alle Himmelsrichtungen.

          Drumherum jedoch sind die Zeichen der Verwüstung nicht zu übersehen. Verkohlte Balken stehen verloren in langer Reihe, es sind die Reste einer Gebetsstätte. Schutthaufen türmen sich in den Nischen. Und auf einer Aussichtsterrasse schneidet ein Mann beschädigten Backsteinen gerade Kanten, bevor eine Frau sie, nach Größe sortiert, aufeinanderstapelt. Es sind Zehntausende. Junge Affen springen von Turm zu Turm.

          Nur die Souvenirhändler scheinen wieder gut im Geschäft zu sein. Auf Tischen, in Regalen und an den Wänden haben sie ihr Angebot von Götterfiguren, Gebetsfahnen und geschnitzten Tierchen in solcher Überfülle ausgebreitet, dass man sich fast einen zornigen Gottessohn wünschte, der Schluss machte mit dem Trubel. Dabei sind die Händler zugleich die Bewohner des Tempels, besser: Sie waren es.

          Nächtelang die Schlangen verscheucht

          Schauen Sie, sagt einer von ihnen, und deutet auf den Türrahmen weit oben an einer Fassade, dort ging es in unsere Schlafzimmer. Dann bewegt er den Zeigefinger von der Wand weg direkt in den Himmel. Von seinem Haus ist nur das Erdgeschoss erhalten, mit Wellblech hat er es notdürftig abgedeckt. Nach dem Erdbeben kam seine Familie in einem Zeltlager unter, alle elf, mit der Mutter, dem Bruder, der Schwester und deren Familien. Er selbst habe keine einzige Nacht geschlafen, stattdessen die Schlangen aus dem Zelt der Kinder verscheucht. Nach zwei Monaten fanden sie eine Wohnung in der Stadt.

          Natürlich wollen sie ihr Haus im Tempel wieder aufbauen, sagt er, aber es fehle an Geld. Eine Versicherung hatte er nicht, und die Regierung habe mehr versprochen als gehalten. Nicht eine einzige Rupie habe er bekommen, und das Geschäft laufe schleppender, als es aussieht. Ein Jahr lang sei kein einziger Tourist ins Land gekommen, erst seit kurzem trauten sich wieder Besuchergruppen nach Nepal. Für sie hat er sein Warenlager hergerichtet wie die Höhle des Ali Baba. Polierte Messingfigürchen, auf Hochglanz polierte Masken, Wimpel in den Farben der fünf Elemente des Buddhismus. Alles ist neu. Alles leuchtet.

          Dann kramt er die geschnitzte Maske eines hohen Lama hervor, die er aus den Trümmern seines Geschäfts gegraben hat. „So sahen all unsere Waren aus.“ Das Gesicht wirkt wie abgeschliffen, die Farbe ist stumpf, der Lack an vielen Stellen abgeplatzt, und überall sind Risse im Holz, in denen der Staub des eingestürzten Hauses klebt. So wurden die einst feinen Züge des Gesichts eines Lama zur Totenmaske des ganzen Landes. Und doch erzählt der ruhige Blick des zerfetzten Konterfeis zugleich etwas vom Glauben an Reinkarnation. Natürlich war der Preis, den der Verkäufer nannte, viel zu hoch. Trotzdem bezahlte ich, ohne zu zögern. Symbole sind nicht verhandelbar.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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          Quelle: F.A.Z.

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