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Neoliberalismus : Das Gespenst der totalen Durchökonomisierung

Humankapitalisten bei der Arbeit: Elena Perminova, Maryna Linchuk, Jessica Hart und Cameron Russel in New York (von links nach rechts) Bild: Rebecca Smeyne/New York Times/Laif

Das Perfide am Neoliberalismus ist, dass er oft im Gewand der wirtschaftlichen Vernunft auftritt. Doch längst hat er alle Lebensbereiche durchdrungen. Was bleibt von unserer Freiheit übrig, wenn man sie dem Markt überlässt?

          Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa – das Gespenst des Neoliberalismus. Die Angst vor der „Hegemonie der Ökonomie“ kann jeden treffen, von der Internationale der TTIP-Gegner bis zum letzten Deutschen. Sie kennt kaum einen aktuellen Missstand, für den man den Neoliberalismus nicht verantwortlich machen kann: für die hemmungslosen Spekulationen auf dem Finanzmarkt und für die extreme soziale Ungleichheit auf der Welt, für den radikalen Abbau staatlicher Sozialleistungen und für die Privatisierung des Bildungssystems, für Menschen, die sich im Wettbewerb der Humankapitalisten selbst verkaufen und noch darin wetteifern, wer sich am besten selbst überwachen kann.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Liste seiner verheerenden Effekte ist so umfangreich, dass es sich beim Neoliberalismus entweder tatsächlich nur um ein Gespenst handeln kann, um das Hirngespinst einer Linken, die nur insofern moderner ist als ihre orthodoxen Vorgänger, als es ihr zu altmodisch klingt, einfach „Kapitalismus“ zu sagen. Die Geschichte von der totalen Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche, vom Krieg bis hin zur Liebe, wäre dann nur ein neues Märchen, welches die alte Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten stillen soll. Oder sie ist einfach die Wahrheit.

          Es ist nicht leicht, sich einem Denken zu nähern, dessen Wirkung derart gespenstisch ist, irgendwo zwischen absoluter Präsenz und Nichtexistenz. Nur eines steht fest: Dass die Pointe dieses Denkens genau in der Verbindung dieser beiden Merkmale besteht; und seine Strategie darin, diese Verbindung auszublenden. Wenn sich der Neoliberalismus, oft mit Erfolg, als reine Abwesenheit darstellt, als Freiheit von bürokratischen Regulierungen oder als Zurückweisung menschlicher Eingriffe in das Wirken der vermeintlich natürlichen Kräfte des Marktes, ist das das beste Indiz dafür, wie gründlich moderne Gesellschaften seine Prinzipien bereits verinnerlicht haben.

          Marktmentalität, die in alle Poren eindringt

          Wer also analysieren will, was es mit jenem Denken auf sich hat, wie es in die Welt kam und was daran eigentlich „Neo“ ist, der muss den Blick auf dessen innere Widersprüche lenken, auf die doppelten Wahrheiten. Zwei aktuelle Bücher liefern nun eine solche präzise Auseinandersetzung: Für die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown von der Universität Berkeley ist die Ausdehnung ökonomischer Begriffe auf sämtliche Lebensbereiche ein Zeichen dafür, „wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört“ – so der Untertitel ihres Buches „Die schleichende Revolution“. Für den Wirtschaftshistoriker Philip Mirowski, der an der University of Notre Dame in Indiana lehrt, liegt in der tiefen Verwurzelung des neoliberalen Denkens im Alltag die Antwort auf die Frage „Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist“, der er in seinem Buch „Untote leben länger“ nachgeht. Längst herrscht er, wie es Mirowski nennt, als „ideologiefreie Ideologie“.

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