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Neo-Osmanismus Türken und Araber werden eins

Der türkische Ministerpräsident Erdogan betreibt Kulturpolitik als Machtdemonstration: Seine Vision eines neuen osmanischen Reiches nimmt Gestalt an.

© AFP Vergrößern Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat auf seiner Nahost-Reise die Sympathien vieler Araber auf seiner Seite

Auf seiner Nahost-Reise wurde der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan bejubelt, und natürlich jubelte man darüber auch zu Hause, in der Türkei. Der Beifall wirkte mitunter, als sei der Anführer der Arabellion angereist. Dass Erdogan die Sympathien vieler Araber auf seiner Seite hat, mag an seiner antiisraelischen Rhetorik und Politik liegen. Aber auch daran, dass er aufforderte, politische Einigkeit zu demonstrieren. „Brüderlichkeit“ und „Gemeinschaft“ sind die bevorzugten Begriffe, mit denen der türkische Ministerpräsident sein Projekt vom muslimisch geprägten Mittelmeerraum gern umschreibt. Dass Erdogan, der bekannt ist für seinen Hang zum Neo-Osmanismus, dabei an die Einheit der Region während des Osmanischen Reiches erinnert, überrascht wenig: „Wir haben eine sehr lange gemeinsame Geschichte“, sagte er in Kairo, in Tunis und in Tripolis.

Karen Krüger Folgen:  

Der türkische Neo-Osmanismus, in dem sich islamische Überlegenheitssehnsucht mit patriotischer Ermutigung verbindet, beschränkt sich nicht allein auf die jüngsten außenpolitischen Bemühungen Ankaras. Seit Erdogans Partei, die AKP, die Regierung stellt, ist der Rückbezug auf die osmanische Zeit ein elementarer Teil der türkischen Kulturpolitik. Dabei interessiert sich Tayyip Erdogan, der im März mit absolutistischer Geste für den Abriss des an den Völkermord an den Armeniern erinnernde „Denkmal der Menschlichkeit“ in Kars sorgte (Denkmal in der Türkei: Mit der Abrissbirne gegen Versöhnung ), eigentlich herzlich wenig für Kultur. Ausnahmen bilden jene Projekte, die seiner neo-osmanischen Vision Ausdruck verleihen. So liebt der Ministerpräsident es, sich bei Auslandsreisen von einem Chor aus dem ostanatolischen Antakya begleiten zu lassen, der die Angehörigen mehrerer religiöser Minderheiten vereint – was freilich nicht bedeutet, dass man diesen in der Türkei auch mehr Rechte zugesteht. Staatlich gefördert, wird die osmanische Kultur und Praxis in der Türkei zu neuem Leben erweckt.

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Die Medien prägen das neue Sendungsbewusstsein

Die Beispiele sind zahlreich: Seit Istanbul von der AKP regiert wird, gedenkt die Stadt jedes Jahr am 29. Mai mit einem Festakt der Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II. 1453. Und als Istanbul im vergangenem Jahr europäische Kulturhauptstadt war, renovierte man mit dem dafür ausgewiesenen Budget vor allem osmanische Bauten. Istanbul wurde nicht mehr nur als Brücke zwischen Orient und Okzident inszeniert, sondern auch als Zentrum der osmanischen Zivilisation.

Besonders die Medien sind im staatlichen Auftrag vom neuen Sendungsbewusstsein geprägt – auch indirekt, und dass nicht nur in der Türkei. Seit dem Jahr 2009 kann auf dem Balkan, im Kaukasus und in Zentralasien der Kanal TRT-Avaz des staatlichen Fernsehens TRT empfangen werden. Er sendet in verschiedenen Turksprachen, Serien aus nationaler Produktion tragen türkische Untertitel. Auch in der arabischen Welt ist das staatliche türkische Fernsehen aktiv: TRT el-Turkiya erreicht vierundzwanzig Stunden am Tag auf Arabisch etwa 350 Millionen Menschen. „Türken und Araber sind wie die Finger einer einzigen Hand“, sagte Erdogan bei der Einweihung des Senders im vergangenen Jahr. Er sei ins Leben gerufen worden, „um unsere gemeinsame Sprache, unser gemeinsames Fenster zur Welt, unsere gemeinsame Leidenschaft zu werden“.

Schöne Worte über den Islam als Kultur des Friedens

Bisher können die arabischen Zuschauer vor allem Nachrichten sehen, außerdem die äußerst beliebten türkischen Daily-Soaps, deren Darstellungen von Liebe und Ehe sich an konservativ-muslimischen Wertvorstellungen orientieren. Großen Anklang finden auch die ultranationalistische, von Osmanen-Nostalgie geprägte Fernsehserie „Tal der Wölfe“ sowie deren Kinoadaption. In gewisser Weise spiegeln das Auftreten und die Worte Tayyip Erdogans auf seiner Nahost-Reise all jene Werte und Visionen wider, für die im Film die Hauptfigur, der türkische Geheimagent Polat Alemdar, steht, dessen Name auf Deutsch „Bannerträger“ bedeutet: dass die Türken und ein gemäßigter Islam Kräfte des Guten sind, die in der arabischen Welt und in Israel für Toleranz, Geborgenheit und Gerechtigkeit eintreten – sei es mit Gewalt.

Bei seiner Station in Kairo hat Tayyip Erdogan ein neues Yunus-Emre-Institut eröffnet. Die Institution ist vergleichbar mit dem deutschen Goethe-Institut und verfügt inzwischen über Zweigstellen in vierzehn Ländern. Die meisten zählen der Balkan und der arabische Raum, das erste wurde im Jahr 2009 in Sarajevo eingeweiht – in einer Stadt, die wie kaum eine andere das Türkentum symbolisiere, hieß es damals. Wie das so üblich ist, erinnerte Erdogan bei der Eröffnung in Kairo an den namensgebenden Sufi-Mystiker des vierzehnten Jahrhunderts. Mit dessen Werk kennt er sich aus: Sei es in Kairo, Köln oder Paris – in fast allen Reden Erdogans wird der große Dichter zitiert, um schöne Worte zu finden über den Islam als Kultur des Friedens. Den Gaza-Konflikt aber hat der türkische Ministerpräsident in den Arabischen Frühling getragen. Bis zu seiner Reise spielte dieser eine untergeordnete Rolle.

Quelle: F.A.Z.

 
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