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Neil Simon zum 90. : Das Kalbskotelett

Neil Simon, König des Broadway Bild: dpa

Er gilt als Amerikas populärster Dramatiker, seine Drehbücher wurden Welterfolge. An diesem Dienstag wird Neil Simon, der sich selbst als zweiköpfiges Ungeheuer bezeichnete, 90 Jahre alt.

          Vor achtzig Jahren war er ein kleiner Junge in Manhattan. Ein netter kleiner New Yorker, brav, freundlich und zutiefst unglücklich. Er machte seinen Eltern, deren stürmische Ehe während der Jahre der Great Depression

          Vor siebzig Jahren schmiss er seinen Job in der New Yorker Poststelle von Warner Brothers und begann, Texte für Rundfunk und Fernsehen zu schreiben. Vor sechzig Jahren war er ein ausgewachsenes Monstrum, ein blutsaugendes „zweiköpfiges Ungeheuer“, wie er sich selbst einmal nannte, das seine Umgebung unbarmherzig beobachtete, weil es sich entschlossen hatte, alle zwischenmenschlichen Begegnungen als Material auszuschlachten, ein Werwolf mit einem Notizbuch, in das jede menschliche Regung, jede Geste, jeder Schmerz, jede Freude, die sich in seiner Umgebung zeigten, eingetragen wurden. Schreiben heißt beobachten.

          Als seine Frau ihm während eines heftigen Ehekrachs in der Küche ein tiefgefrorenes Kalbskotelett an den Kopf warf, war der kleine Junge, der er einmal gewesen war, zutiefst verletzt und erschrocken. Aber das Ungeheuer, das in ihm herangewachsen war, trat einen Schritt zurück, wischte sich das Blut von der Stirn, begutachtete die Szenerie und lächelte zufrieden. Wenig später schrieb er ein Theaterstück über zwei Männer, die zwar nicht miteinander verheiratet waren, sich jedoch so benahmen, zwar nicht im Bett, aber beim Streit in der Küche. „The Odd Couple“, verfilmt mit Jack Lemmon und Walter Matthau, wurde ein Welterfolg. Vor fünfzig Jahren galt er als heißester Dramatiker am Broadway, verfasste ein Stück nach dem anderen und zahlreiche Drehbücher für Hollywood und wurde mit mehr Tonys und Oscars ausgezeichnet als jeder andere amerikanische Autor vor ihm und nach ihm. Damals wurden gleichzeitig vier verschiedene Stücke von ihm am Broadway gespielt. Auch das hat es seitdem nie wieder gegeben.

          Vor vierzig Jahren war er wie Woody Allen ein New Yorker Stadtschreiber. Vor dreißig Jahren wurde ein Theater nach ihm benannt. Vor zwanzig Jahren heiratete er zum fünften Mal. Kalbskoteletts hasst er noch immer. Vor zehn Jahren erhielt er den „Mark Twain Prize for American Humor“, ein Jahr nach Steve Martin und eines vor Billy Crystal. Am heutigen Dienstag wird Neil Simon, der mit dreißig Theaterstücken und etwa ebenso vielen Drehbüchern als Amerikas populärster Dramatiker gilt, neunzig Jahre alt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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