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Neil Armstrongs Epoche : Das Drama einer Enttäuschung

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Du darfst mich Mensch nennen: Neil Armstrong betrachtet das Mondlandevehikel der Firma Bell Bild: Time & Life Pictures/Getty Image

Mit der Mondlandung endete das Zeitalter der großen Visionen. Danach lösten die Menschen keine Versprechen mehr ein. Was blieb, ist, dass heute jeder auf der Erde ein Leben in der Raumkapsel führt.

          Der Tod Neil Armstrongs ist der Tod des ersten Menschen, den eine ganze Welt in eine, von Armstrong so genannte „Suppendose“ steckte, an Kabel anschloss, mit Strom versorgte, mit einer strahlungs- und luftundurchlässigen und mit unzähligen Sensoren versehenen Larve überzog, um seinen Herzschlag, Puls, innere Organfunktionen an ein großes Zentralgehirn in Texas zu funken, mit ungeheurem Schub versah – alles damit er auf einem Felsbrocken landen, aussteigen, eine Fahne hissen, Steine sammeln, einsteigen und wieder zurückfahren konnte. Es starb, das wissen wir, der erste Mensch, der den Mond betrat.

          Es starb aber, und das ist im Jahre 2012 von ebenso großer Bedeutung, der erste Mensch, der ein Weltbild nur verändern konnte, indem er vollständig mit der Maschine verschmolz. Armstrong, gefragt, was seine eigentliche Leistung sei, antwortete wie Bilbo Beutlin im „Hobbit“, der seiner aufregenden Lebensgeschichte den Titel „Hin und zurück“ gab: „Ich bin aus etwas ausgestiegen und wieder eingestiegen.“

          Kein Gesicht, sondern ein Fußabdruck

          Aber auch das ist, wie Armstrong sofort zugeben würde, nicht ganz richtig: Auch als er im Raumanzug seine ersten Schritte auf dem Mond tat, lebte er im Inneren der Maschine, sosehr, dass auf den Fotos dort, wo das Gesicht sein müsste, nur ein Spiegel zu sehen ist. Jahrtausendelang haben Menschen ein Gesicht im Mond imaginiert und später, mit Teleskopen, Gesichter in den toten Wüsten des Mars; aber es gibt kein Gesicht des Menschen, der den Mond betritt. Nur seinen Fußabdruck.

          Anfang der sechziger Jahre hatte das Universalgenie Manfred Clynes, ein Musiker, der Einstein betörte, und ein Autodidakt, der den Computertomographen erfand – wie so viele, die eine neue Cyber-Logik entwarfen, ursprünglich ein Österreicher –, den Begriff „Cyborg“ geprägt. Gemeint war eine Mensch-Maschine-Einheit, die in feindlichen Umwelten die Lebensfunktionen mit der Maschine verschmolz.

          „Ich dachte, es wäre gut, ein Konzept zu entwickeln, das es Menschen ermöglicht, sich von den Beschränkungen ihrer Umwelt in dem Ausmaß zu befreien, wie sie es wünschten. Also erfand ich das Wort Cyborg.“ Schon kurz darauf wurde die Nasa auf das Papier aufmerksam und verwirklichte mit Clynes’ Hilfe selbstlernende Systeme, die in Gestalt des Raumanzugs den Metabolismus des Körpers ersetzten oder zumindest unterstützten.

          Im Zustand der Vollautomatisierung

          Niemals zuvor, die Hündin Laika eingeschlossen, waren biologische Organismen so konsequent als Informationssysteme gelesen worden. Gewiss, das Kontrollzentrum in Houston war nichts gegen Apple und Google, die bald schon aus jeder Handbewegung Schlüsse ziehen wollen. Aber immerhin gehörte die mentale Verschmelzung mit der Maschinen-Hülle, wie Armstrong berichtet, zu den wichtigen Trainingseinheiten der Astronauten.

          Wer sich fragt, wieso Armstrong so schweigsam, abweisend, unpersönlich wurde, wenn es um die Mondlandung ging, und so enthusiastisch, beglückt und offen, wenn es um Flugzeuge der fünfziger Jahre ging, der findet hier die Antwort. Wer ihn traf, der begegnete einem Mann, der über nichts so ungern sprach wie über die Mondlandung.

          Er bestritt seine eigene Leistung, und aus seinen unprätentiösen Schilderungen des „Vorher“ – des jahrelangen Trainings, der Reise durch den Weltraum zum Mond, des Funkverkehrs mit Houston, der Übermittlung von Daten – wurde klar, dass es sich bei der Mondmission um die erste „Eroberung“ von Menschen gehandelt hat, die der Beteiligte im Zustand der Vollautomatisierung erlebte.

          Der junge Armstrong vor dem Start der Gemini-VIII-Mission 1966
          Der junge Armstrong vor dem Start der Gemini-VIII-Mission 1966 : Bild: dapd

          Was das bedeutet – es spielte damals in der Berichterstattung kaum eine Rolle – beginnt man erst heute, im Zeitalter von Computer, Drohnen und Cyber-Warfare, zu erahnen. Es gehört zu den unerwarteten Pointen der „Eroberung des Weltalls“, dass sich nach der Mondlandung die Erdanziehungskraft zu verdoppeln schien. Das war auf allen Ebenen spürbar. Die ersten Astronauten fanden nur mit Mühe, manche gar nicht, ins Leben zurück. Es ist leichter auf dem Mond spazieren zu gehen, als auf der Erde glücklich zu werden.

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